liebe mein Kind so gut als Du . Alfred stand auf , da er sah , daß seine Frau nicht in der Stimmung war , in der er sie zu finden gehofft hatte . Als er sich entfernte , sagte sie : Gestern Abend ist eine Einladung zu heute Mittag von Frau von Barnfeld für uns abgegeben worden . Denkst Du sie anzunehmen ? Ja ! sagte Alfred und ging hinaus . Sie blickte ihm spöttisch nach . Natürlich ! rief sie , aber was thuts ? früher oder später mußte das doch geschehen ! Sie rief ihrem Mädchen und ordnete ihre Kleidung für den Mittag so glänzend als möglich an , sie wollte schön und prächtig sein ihrer gehaßten Nebenbuhlerin gegenüber . Sie scheute sich vor diesem Begegnen und doch hatte sie es seit lange gewünscht , um zu sehen , wie Alfred und Therese sich gegen einander verhielten . XI Mit ebenso großer Unruhe hatte Therese an das erste Wiedersehen gedacht , das sie nach jenen schmerzlichen Ereignissen mit Alfred haben würde . Ihr Bruder war absichtlich mehrmals mit Reichenbach und seiner Frau im Theater und an andern öffentlichen Orten erschienen , aber Therese hatte sich davon ausgeschlossen , weil sie sich nicht die Kraft zugetraut , den herben Eindrücken zu widerstehen , die ihr daraus erwachsen mußten . Die Stunden waren ihr langsam hingeflossen und es schienen ihr Jahre entschwunden zu sein , seit sie den Geliebten nicht mehr gesehen hatte . Ruhig hatte sie sich in der Erfüllung ihrer täglichen Pflichten bewegt , gefällig für das Bedürfniß eines Jeden gesorgt , aber es war geschehen , als ob sie es nur aus Gewohnheit thäte , als ob nur der Körper mechanisch den Dienst verrichte , an dem die Seele keinen Theil mehr nahm . Das entging den Ihrigen nicht . Julian ' s Liebe und zärtliche Sorgfalt verdoppelten sich für sie ; Theophil hing ängstlich beobachtend an ihren Blicken und auch Agnes litt mit ihr , bedrückt durch die Ahnung eines Kummers , dessen ganze Größe sie nicht kannte , den sie aber durch die liebenswürdigste Dienstfertigkeit und Hingebung zu zerstreuen suchte . An dem Tage , den wir zuletzt im Reichenbach ' schen Hause geschildert , befand sich Therese im Dämmerlichte mit Agnes und Theophil in ihrem Zimmer . Man hatte eben zu Mittag gespeist und der Präsident durch den Besuch eines Fremden abgerufen , hatte sich entfernt . Agnes saß auf einem Fußbänkchen vor Therese und hatte , wie sie es gern that , ihr Haupt auf den Schooß ihrer Beschützerin gelegt , während sie deren Hände in den ihren hielt . Herr Assessor ! sagte sie , plötzlich den Kopf erhebend , helfen Sie mir doch etwas ersinnen , womit wir Therese erheitern . Wir haben sie Beide so lieb , besinnen Sie sich , womit machen wir ihr wol eine Freude ? Wenn ich denke , wie froh sie war , wie sie mit mir scherzte , als ich hieherkam , kann ich es nicht ertragen , sie so traurig zu sehen . Freut Dich ' s denn nicht mehr , daß wir Dich so lieb haben , Du Beste ? Von ganzem , ganzem Herzen ! entgegnete diese , und es thut mir leid , daß mein Trübsinn auf Dich zurückfällt , mein liebes Kind ! - Die Jugend hat ja ein solches Bedürfniß , froh des Lebens zu genießen , ein so heiliges Recht auf Freude , daß man sie darin nicht verkürzen sollte . Ich tadle mich sehr , wenn ich Dich fühlen lasse , daß ich augenblicklich nicht heiter bin . Aber habe nur Geduld , es wird bald besser werden , recht bald wie ich hoffe . Klage ich denn um meinetwegen ? fragte Agnes im Tone leisen Vorwurfs . Ich habe ja am Krankenbette meiner Mutter und bei andern Anlässen , Sorgen und Kummer kennen gelernt , und ich glaube , ich bin nicht verzagt gewesen . Als ich vierzehn Jahre alt war , lag die Mutter zum Sterben krank , ließ mich an ihr Bett rufen und befahl mir , auf die Kinder zu wachen , wenn sie sterben sollte , und dem Vater treu zur Seite zu stehen . Du bist erwachsen genug und wenn Du es redlich willst , wirst Du es können , sagte sie . Wir beide waren ganz allein im Zimmer , denn die Mutter hatte die Wärterin fortgeschickt . Wie traurig das war , werde ich niemals vergessen . Ich weinte sehr und versprach es der Mutter fest ; und Gott hat mir denn auch die Kraft gegeben , daß ich alles Nöthige zu thun wußte in den vielen Monaten , während deren meine Mutter daniederlag . Als sie nachher gesund wurde , da sagte sie selbst , ich käme ihr und dem Vater nicht mehr wie ein Kind vor , sondern wie eine Freundin , und die Eltern waren noch viel gütiger als je gegen mich . Ueberhaupt fast aus jedem Leide ist in unserm Hause doch immer etwas Gutes erwachsen , so daß ich immer denke , wenn es einmal recht traurig ist : Gott weiß , was das wieder für ein Gutes geben soll ! Und in dem Gedanken ertrage ich es denn auch wieder leichter . Du gutes Kind ! sagte Therese und strich ihr liebkosend die Wangen . Ich habe auch Muth , ich bin nur müde und unzufrieden mit mir ; aber ich will wie Du hoffen , daß Gott mir Gutes vorbereitet , das wird mich heiterer machen , denke ich . Mir fällt immer , wenn ich traurig bin , ein Vers aus dem Zauberring ein , meinte Agnes , den ich sehr lieb habe . Er heißt : » Man geht durch Graus zu Wonne , man geht durch Nacht zu Sonne , durch Tod zum Leben ein . « Das habe ich mir schon oft vorgesagt und immer hat es mich ermuthigt . Sie küßte bei den letzten Worten