die Sonne aufgegangen und der Wagen gepackt und angespannt - er konnte sich nicht zur Abfahrt entschließen ; ihm war , als drohe Faustinen Gefahr . Wer kann ihr ein Leid zufügen oder ihr weh thun ? fragte er sich unaufhörlich ; Andlau etwa ? aber der thut es nicht ! - Endlich sprang er in den Wagen und ließ bei Faustinen vorfahren . Es war acht Uhr , sie konnte aufgestanden sein . Er eilte hinauf und fragte . Die Kammerjungfer antwortete , die Gräfin schlafe wol noch , denn sie sei erst um fünf Uhr zu Bett gegangen . Mario bat sie zuzusehen , ob die Gräfin nicht vielleicht schon wach sei , und als das Mädchen etwas befremdet seinen Wunsch erfüllte , und in Faustinens Zimmer ging , folgte er ihr auf dem Fuße nach . Das ganze Zimmer glänzte in blutrothem Licht ; die Vorhänge von Fenster , Alkoven und Bett fingen den feurigen Strahl der Aprilsonne auf , ihr Widerschein überrieselte alle Gegenstände und stach grell in Marios Augen . Unheimlich berührte ihn diese brennende Farbe in dem stillen Zimmer , noch unheimlicher Faustinens leichenhafte Blässe . Sie schlief . Er trat an ihr Lager und betrachtete einen Augenblick mit ängstlicher Sorgfalt dies schöne , zarte Gesicht , welches , wie eine Blume , noch die Spuren des nächtlichen Sturmes verrieth - so abgespannt waren ihre Züge . Dann bog er sich zu ihr nieder und küßte ihre Stirn . » Anastas ? « fragte sie halberwacht und lächelte . » Du träumst also nicht von mir ? « fragte Mario traurig . » Ich träume nie , « rief sie und richtete sich rasch auf ; » oder träum ' ich jetzt ? weshalb bist Du noch hier ? « » Weil ich Sorge um Deine Einsamkeit habe , mein Engel ! Komm mit mir ! mein Wagen steht unten bereit . Ich bin furchtsam für Dich .... um Dich . « Er war neben ihr niedergekniet . Sie legte den Arm um seinen Hals , den Kopf an seine Brust und sagte : » O laß mich , Herz , ich bin todtmüde , ich muß schlafen .... so schlafen . « Lange hielt er sie in seinen Armen ; sie schlief nicht , aber sie schien betäubt , sprach nicht , und drückte ihn nur zuweilen ganz leise an sich . Er schwieg auch und sann nach , ob diese Ermattung körperlich oder seelisch sei . Sind die Nerven schwach oder ist ' s das Herz ? schwach bist Du , mein armer Engel ! - Der Wunsch sie mitzunehmen , sogar gegen ihren Willen , stieg immer mächtiger in ihm auf ; da ließ er sie zurück aufs Lager sinken , nahm mit inbrünstiger Zärtlichkeit von ihr Abschied , und eilte hinab . Als er fort war , murmelte Faustine : » Wär ' ich doch mit ihm gegangen . « Ein Chaos wogte in ihr . Die Elemente , aus denen ihre neue Erde sich gestalten sollte , hatten sich noch nicht aus der Gährung ausgeschieden . Andlau empfing Faustinens Frief in Nürnberg . Er las ihn , ohne ihn zu verstehen , einige Male . Endlich verstand er das : » Wir können uns nie wiedersehen . « - Ihm war , als würd ' es Nacht am hellen Mittag . » Pferde ! geschwind ! fort nach Böhmen ! « rief er . Er wollte nur fort ; wohin , war ihm ganz gleichgültig ; fort ! fort ! was die Pferde laufen konnten . Beim Pferdewechsel sagte er gewöhnlich nur : » Vorwärts ! immer die große Straße . « Zuweilen trat ein Postbeamter an den Wagen und nannte fragend die nächste Station ; dann bejahete er schweigend . So fuhr er wie ein Todter durch den lieblichen leuchtenden Frühling , durch Prag , durch Breslau . Er wußte nicht , wo er war . Da kam er in eine alte , große , düstere Stadt ; Finsterniß schien auf ihr zu brüten , eine große Vergangenheit , eine trübe Gegenwart . Die mächtigen Häuser mit starken Böschungen glichen Grabmälern oder Festungen des Todes . » Halt ! « rief Andlau . Die Stadt gefiel ihm : es war Crakau . Er ging in die Kathedrale und stieg hinab zu den Gräbern der alten polnischen Könige . Er lehnte sich an einen Sarg ; die Geierkralle wahnsinnigen Schmerzes , welche bis dahin seinen Busen krampfig umspannte , löste sich in der Nähe des ewigen Friedens ; zwei große Thränen fielen schwer aus seinen Augen auf den Staub der Todten , auf den Staub seines Glücks . Sein Führer , ein eisgrauer Pole , fragte ihn auf polnisch um die Ursache seiner Trauer . Andlau verstand ihn nicht , schüttelte das Haupt und blickte zum Himmel . Da ergriff der Greis Andlaus Hand , folgte jenem Blick , und sprach mit einer Thräne im erloschenen Auge : » Finis Poloniae ! « - So standen sie bei einander , der Mann und der Greis , das Leben und der Tod , Jeder von fremdem Volk , Jeder der Sprache des Andern unkundig , Jeder mit seinem eigenen einsamen Schmerz in der Brust ; und doch Beide verbunden durch das eine allgemeine , allbeherrschende Gefühl : tiefe , unsägliche , untröstbare Trauer . Andlau schrieb aus Crakau an Faustine : » Kein Wort Dir von Frage , Vorwurf oder Klage ! Werde glücklich , wenn es Dir möglich ist ; vergiß mich , denn das ist die Hauptbedingung zu Deinem künftigen Glück . Vergiß Deine ganze Vergangenheit ! Deinem Leichtsinn wird das nicht schwer fallen - und lebe wohl . « Er blieb vor der Hand in Crakau ; ohne Faustine war ihm jeder Ort in der Welt gleichgültig ; bei ihr - gehörte ihm die Welt mit ihrer Herrlichkeit , die Kunst mit ihren Wundern , die Natur mit ihren Schätzen . Sie sah die Steine an und