den Brief , öffnen sie ihn schnell , mein Gott ! wie konnte sein Anblick Sie so erschrecken ! er ist ja von ihm . « » Von ihm ! « wiederholte Anna mit bebender , klangloser Stimme und immer noch hielt sie den Brief fest in ihrer Hand und starrte ihn regungslos mit erloschnen Augen an , bis Vicktorine ihn ihr sanft entzog , das Siegel erbrach und ihn offen wieder in ihre Hände zurück gab . » Der Brief ist von Raimund ! « rief sie » kennen Sie denn seine Schriftzüge nicht mehr ? er ist von ihm , ich darf ihn nicht lesen , doch Sie - um Gotteswillen welche schwarze , furchtbare Ahnung hat bei seinem Anblicke sich Ihrer bemeistert ! sie ergreift auch mich ; mir bebt das Herz in unbestimmter entsetzlicher Angst . Lesen Sie , o lesen Sie ! damit ich nur dieser bangen Quaal entrissen werde . Lassen Sie das Unheil über mich hereinbrechen , es kann in der Nähe so furchtbar nicht seyn als es jetzt schwarz und drohend vor meiner Seele steht . Denn Raimund lebt ja - oder wäre dieser Brief nach seinem - « Vicktorine erbleichte vor dem Gedanken , der sich jetzt ihr aufdrang , und den sie auszusprechen nicht wagte . Anna hatte sich indessen mit sichtbarer Anstrengung in so weit wieder gefaßt , um den Innhalt des aus mehreren engbeschriebnen Bogen bestehenden Packets flüchtig überschauen zu können , und jetzt war es an ihr , die bleiche zitternde Vicktorine zu beruhigen . » Der Brief ist von Raimund , « sprach sie hochaufathmend , » jetzt erkenne ich die Hand . Auf der Adresse konnte ich es nicht , die ist französisch geschrieben , das sah ich von ihm nie . Sieh her Vicktorine , schrieb er auch das ? « setzte sie hinzu , indem sie Vicktorinen den Umschlag hinreichte , » und ist auch dieses sein gewohntes Siegel ? « » Gewiß ! gewiß ! « rief Vicktorine , » aber der Brief ? lebt Raimund ? ist er gesund ? « Die Tante las jetzt die letzte Seite des Briefes mit mehr Aufmerksamkeit , als die gewaltsame Bewegung , in der sie sich befunden , es ihr vorhin erlaubt hatte , während Vicktorine , neben ihr hinkniend , den starren Blick auf sie richtete , als wollte sie den Abglanz von Raimunds Worten in ihren Zügen lesen . » Er lebt , er ist gesund , er war im Begriff sich zu seiner fernen Reise einzuschiffen ; der Brief ward von ihm vor etwa vierzehn Tagen in Toulon auf die Post gegeben . Jetzt schwimmt Raimund wahrscheinlich schon dem Ziele seiner Bestimmung zu . Darf ich mehr Dir sagen ? « fragte Anna , indem sie die Blätter des Briefs wieder ordnete . » Nein , o nein ! « rief Vicktorine , von den Knien sich erhebend , » nein , das Wort , welches Raimund in meinem Namen meinem Vater gab , ist mir heilig , ich darf es auf keine Weise umgehen . Auch nicht mittelbar will ich mich mit ihm in schriftliche Verbindung setzen . Und was brauch ich mehr zu wissen , als daß er lebt . Dieses kleine Wort sagt mir ja alles . Tante ! ich lasse Sie mit seinem Briefe allein , ich gehe , um jeder Versuchung zu entfliehen . Ach , Tante ! mir ist jetzt wie damals , wenn er am frühen Morgen zu Ihnen ging ; wissen Sie es noch ? Wie horchte ich dann auf seine Schritte ; unter tausenden hätte ich sie wieder erkannt . Ich horchte und horchte , bis am Ende der langen Gallerie Ihre Thüre sich ihm öffnete . Wie sehnlich trieb es mich dann oft auch die meinige nur einmal zu öffnen , nur einmal einen kurzen Augenblick ihn zu sehen ! aber ich widerstand der Versuchung , wie ich auch jetzt ihr widerstehe . Ich gehe , liebe Tante , « sprach sie , indem sie der Thüre sich zuwandte , » ich gehe und lasse Sie mit ihm allein . Doch in Ihren lieben Augen darf ich hernach doch lesen ? « setzte sie wieder umkehrend hinzu , » das darf ich doch ? Fragen erlaube ich mir nicht , aber das darf ich doch ? und mich freuen , wenn ich lauter Gutes und Liebes darin lese ? Ich kann ja nicht anders , liebe Tante . Und nun nehmen Sie Ihren Brief , lesen Sie ihn ja recht , alles was darin steht , er ist so lang , aber ich bitte , lesen Sie ihn zweimal , zweimal wenigstens . Ach ich lernte ihn so gern auswendig . « Die Tante mußte endlich die Schwätzerin mit sanfter Gewalt von sich treiben , die immer gehen zu wollen versicherte , und immer blieb . Dann schloß sie sich in ihrem Zimmer ein , ließ niemanden vor sich , und , was noch nie geschehen war , sie erschien sogar Mittags nicht bei Tische . So blieb sie den größten Theil des Tages für sich allein , den sie mit emsigem Durchsuchen und Ordnen vieler Briefe und Papiere hinbrachte , bis sie gegen Abend Vicktorinen und Angelika zu sich beschied . Heftig wie immer , mit nicht unterdrückender Angst , stürzte Vicktorine auf den ersten Ruf in das Zimmer der Tante , und da ihr diese mit freundlichem Blick entgegen lächelte , so ging sie auch eben so lebhaft von der bängsten Sorge , welche sie den ganzen Tag über gequält hatte , zur berauschendsten Freude über . Wie ein glückliches Kind sich an den Busen der Mutter wirft , wenn es am Weinachtsabende durch die noch verschlossene Thüre schon die Lichterchen des lang ersehnten Baums blinken sieht , so warf sich Vicktorine in die Arme der Tante . » Nicht wahr ? « flüsterte sie schmeichelnd , » alles ist gut , alles ist recht gut , und Ihre