es nicht sagen ? Warum soll ich das harte Wort nicht aussprechen : dies Kind ist aus einem doppelten Ehbruch erzeugt ! es trennt mich von meiner Gattin und meine Gattin von mir , wie es uns hätte verbinden sollen . Mag es denn gegen mich zeugen , mögen diese herrlichen Augen den deinigen sagen , daß ich in den Armen einer andern dir gehörte ; mögest du fühlen , Ottilie , recht fühlen , daß ich jenen Fehler , jenes Verbrechen nur in deinen Armen abbüßen kann ! Horch ! « rief er aus , indem er aufsprang und einen Schuß zu hören glaubte , als das Zeichen , das der Major geben sollte . Es war ein Jäger , der im benachbarten Gebirg geschossen hatte . Es erfolgte nichts weiter ; Eduard war ungeduldig . Nun erst sah Ottilie , daß die Sonne sich hinter die Berge gesenkt hatte . Noch zuletzt blinkte sie von den Fenstern des obern Gebäudes zurück . » Entferne dich , Eduard ! « rief Ottilie . » So lange haben wir entbehrt , so lange geduldet . Bedenke , was wir beide Charlotten schuldig sind . Sie muß unser Schicksal entscheiden , laß uns ihr nicht vorgreifen . Ich bin die Deine , wenn sie es vergönnt ; wo nicht , so muß ich dir entsagen . Da du die Entscheidung so nah glaubst , so laß uns erwarten . Geh in das Dorf zurück , wo der Major dich vermutet . Wie manches kann vorkommen , das eine Erklärung fordert . Ist es wahrscheinlich , daß ein roher Kanonenschlag dir den Erfolg seiner Unterhandlungen verkünde ? Vielleicht sucht er dich auf in diesem Augenblick . Er hat Charlotten nicht getroffen , das weiß ich ; er kann ihr entgegengegangen sein , denn man wußte , wo sie hin war . Wie vielerlei Fälle sind möglich ! Laß mich ! Jetzt muß sie kommen . Sie erwartet mich mit dem Kinde dort oben . « Ottilie sprach in Hast . Sie rief sich alle Möglichkeiten zusammen . Sie war glücklich in Eduards Nähe und fühlte , daß sie ihn jetzt entfernen müsse . » Ich bitte , ich beschwöre dich , Geliebter ! « rief sie aus , » kehre zurück und erwarte den Major ! « - » Ich gehorche deinen Befehlen , « rief Eduard , indem er sie erst leidenschaftlich anblickte und sie dann fest in seine Arme schloß . Sie umschlang ihn mit den ihrigen und drückte ihn auf das zärtlichste an ihre Brust . Die Hoffnung fuhr wie ein Stern , der vom Himmel fällt , über ihre Häupter weg . Sie wähnten , sie glaubten einander anzugehören ; sie wechselten zum erstenmal entschiedene , freie Küsse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich . Die Sonne war untergegangen , und es dämmerte schon und duftete feucht um den See . Ottilie stand verwirrt und bewegt ; sie sah nach dem Berghause hinüber und glaubte Charlottens weißes Kleid auf dem Altan zu sehen . Der Umweg war groß am See hin ; sie kannte Charlottens ungeduldiges Harren nach dem Kinde . Die Platanen sieht sie gegen sich über , nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade , der sogleich zu dem Gebäude hinaufführt . Mit Gedanken ist sie schon drüben wie mit den Augen . Die Bedenklichkeit , mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen , verschwindet in diesem Drange . Sie eilt nach dem Kahn , sie fühlt nicht , daß ihr Herz pocht , daß ihre Füße schwanken , daß ihr die Sinne zu vergehen drohn . Sie springt in den Kahn , ergreift das Ruder und stößt ab . Sie muß Gewalt brauchen , sie wiederholt den Stoß , der Kahn schwankt und gleitet eine Strecke seewärts . Auf dem linken Arme das Kind , in der linken Hand das Buch , in der rechten das Ruder , schwankt auch sie und fällt in den Kahn . Das Ruder entfährt ihr nach der einen Seite und , wie sie sich erhalten will , Kind und Buch nach der andern , alles ins Wasser . Sie ergreift noch des Kindes Gewand ; aber ihre unbequeme Lage hindert sie selbst am Aufstehen . Die freie rechte Hand ist nicht hinreichend sich umzuwenden , sich aufzurichten ; endlich gelingts , sie zieht das Kind aus dem Wasser , aber seine Augen sind geschlossen , es hat aufgehört zu atmen . In dem Augenblicke kehrt ihre ganze Besonnenheit zurück , aber um desto größer ist ihr Schmerz . Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees , das Ruder schwimmt fern , sie erblickt niemanden am Ufer , und auch was hätte es ihr geholfen , jemanden zu sehen ! Von allem abgesondert , schwebt sie auf dem treulosen , unzugänglichen Elemente . Sie sucht Hülfe bei sich selbst . So oft hatte sie von Rettung der Ertrunkenen gehört . Noch am Abend ihres Geburtstags hatte sie es erlebt . Sie entkleidet das Kind und trocknets mit ihrem Musselingewand . Sie reißt ihren Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien Himmel ; zum erstenmal drückt sie ein Lebendiges an ihre reine nackte Brust , ach ! und kein Lebendiges . Die kalten Glieder des unglücklichen Geschöpfs verkälten ihren Busen bis ins innerste Herz . Unendliche Tränen entquellen ihren Augen und erteilen der Oberfläche des Erstarrten einen Schein von Wärme und Leben . Sie läßt nicht nach , sie überhüllt es mit ihrem Schal , und durch Streicheln , Andrücken , Anhauchen , Küssen , Tränen glaubt sie jene Hülfsmittel zu ersetzen , die ihr in dieser Abgeschnittenheit versagt sind . Alles vergebens ! Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen , ohne Bewegung steht der Kahn auf der Wasserfläche ; aber auch hier läßt ihr schönes Gemüt sie nicht hülflos . Sie wendet sich nach oben . Knieend sinkt sie in dem Kahne nieder und hebt das erstarrte Kind mit beiden Armen über