ihn sprechen ? Und wenn kein Mahl , kein Opfer mehr der Götter Zorn stillt , wird er gelassen und freudig in die öden Wohnungen der Nacht , des Nichts hinabsteigen ? Die tägliche Erfahrung zeigt uns , daß die Volksreligion nicht mehr gegen die eindringenden Uebel Stand halten kann . Die Menschheit muß wiedergeboren werden durch eine Religion , die dem Verderbniß der Sitten durch strenge Moral , dem Egoismus durch Einschärfung der Nächstenliebe , der Verzweiflung durch festen Glauben an eine bessere Welt wehre . Diese Religion ist das Christenthum - und sie leistet Alles , was der Menschenfreund für das Zeitalter wünschen kann . Doch , mein Brief ist eine Abhandlung geworden . Zürne der Weitläuftigkeit nicht , mit der ich dir gern von jedem Beweggrunde meiner Handlungen und meiner Ueberzeugung Rechenschaft geben möchte , und lebe wohl , bis ich Zeit finde , dir noch mehr zu sagen . 51. Valeria an Eneus Florianus . Mantua , im September 302 . Florianus ! Florianus ! Deine Valeria lebt noch ! Sie ruft dir zu - es ist ihr möglich geworden , dir ein Zeichen ihres Lebens zu geben . O die Verzweiflung war ihr mehr als einmal nahe , während ein endloses Jahr vorschlich , ohne daß ihre Liebe und List ein Mittel gefunden hatte , die engen Schranken zu zerbrechen , die sie fest umschließen , und so unendlich fern von dir halten . Wund haben sie mein Herz längst gedrückt . Wenn ich in verzweiflungsvollen Tagen keine Hoffnung sah , eine Spur meines Daseyns bis zu dir zu bringen - wünschte ich sie noch fester , noch enger , daß sie mich ganz erdrückt hätten ! Wirst du mir zürnen , Florianus ? Ich hatte mehr als einen Versuch gemacht , dem Leben , das als eine unerträgliche Last auf mir lag , zu entfliehen . Es war nicht recht - der Gedanke schreckte mich zurück . Du hast mich in einer Lehre unterwiesen , die den Selbstmord verdammt . Du hast es mir in Britannien , als man uns zuerst trennte , als ich dir diese letzte Rettung so manches edlen Menschen der Vorwelt auch zu unserer vorschlug , streng verwiesen . Mit einander sterben ! Süsses Loos ! Es schmerzt nicht , würde ich wie Arria1 gesagt haben , und gewiß eben so freudig . Aber du wolltest nicht - und ich brachte dir das größere Opfer - ich bin von dir getrennt , und lebe noch . Durch wie viel Städte man mich geschleppt hat , seit in jener fürchterlichen Nacht mein Vater an mein Bette trat , mir befahl aufzustehen , mich anzukleiden , als die Mutter weinend hereintrat , ich Alles zur Abreise fertig sah , der Vater mir den Mantel überwarf , als keine Frage , keine verzweifelnde Bitte Antwort erhielt , keine offenbare Widersetzlichkeit der höhern Gewalt zu entfliehen vermochte , das weiß ich nicht . Als ich aus einer tiefen Ohnmacht erwachte , war ich auf dem Schiff - sah ich die Küsten der theuren Insel weit hinter mir . Dann wurde ich krank , sehr schmerzlich , sehr gefährlich , so , daß ich hoffte , sterben zu können . Von dir sprach mir kein Mensch , so liebevoll sie mich sonst behandelten , und für alle Fragen , die ich mit verzagender Seele an sie that , waren sie taub . Das erste Mal , als ich mit schwankenden Tritten in ' s Freie geleitet wurde , sah ich mich in ganz unbekannten Gegenden ; man sagte mir , wir wären am Rheinstrom , und die große Stadt , die ich nicht weit davon ihre Zinnen in seinen Wellen spiegeln sah , wäre Coloniä Agrippinä2 . Ach , guter Gott ! Wie fern , wie abgeschnitten durch den weiten Ocean ! Griffel und Papier , Feder und Tafel3 waren mir entzogen ; einige Versuche , auf ein Stückchen Leinen oder Stoff mit Farbe - mit meinem Blute zu schreiben , wurden mit unseliger Schlauheit entdeckt , und strenge zernichtet . O warum hätte ich nicht sterben sollen ? Warum mußte ich dies elende Leben ertragen ! Jetzt sind wir in einer Stadt von Italien , Mantua nennen sie die Leute . Ich kann mich nicht in diese Menschen , in ihre Lebensart , in ihr Clima finden . Die unerträgliche Hitze thut mir weh ; mein Körper , den die schwere Krankheit erschöpft hat , leidet durch die glühende Sonne und die bösen Ausdünstungen der Sümpfe , die die Gegend umher verpesten . Ich bin der frischen Luft , der kühlen Schatten meiner Insel , ich bin der Gegenwart des geliebten Gegenstandes gewohnt ; hier - muß ich verschmachten . Du würdest mich kaum erkennen . Ach , Florianus ! ist es dir nicht möglich , mich zu befreien ? O rette , rette ein unglückliches Wesen , das ohne dich nicht leben , nicht tugendhaft , und dort nicht selig seyn kann ! Du hast mich deinen Glauben , den Glauben der Liebe gelehrt , und jetzt stoßest du mich kalt und streng in die vorige Nacht . O wäre es nicht besser gewesen , mich dort zu lassen ? Jupiter hätte nicht gezürnt , wenn ein freundlicher Strahl mir den Weg aus diesem Leben gebahnt hätte . Minos würde mein Unglück geehrt , und ein mildes Urtheil gesprochen haben . Im Elysium hätten wir uns wiedergesehen : dort , wo Dido ' s Schatten zürnend dem Aeneas4 auswich , wäre ich in deine Arme geeilt ! Wie trüb und düster auch diese Reiche sind , ich wäre mit dir vereinigt gewesen - und sie hätten uns gelächelt ! Ich hätte sterben dürfen ! O glückliche Freiheit ! Florianus , was habe ich gesagt ? O , wirst du mir verzeihen können ? Nein , ich kann es nicht bereuen , eine Christin geworden zu seyn ! Es ist dein Glaube , es ist der Glaube der Liebe , und Liebe ist sein