« » Ach , Herrmann « , unterbrach ihn hier die Frau , » laß doch den . Hier sind wir ja doch bei Kleisten . Und arm ? Ich hab es janz anders gehört ; um eine kranke Frau war es . Und er soll ihr ja so furchtbar geliebt haben . « » I , Gott bewahre « , sagte der Mann in einem Ton , als ob es sich um das denkbar unglaublichste gehandelt hätte . * Während dies Gespräch noch andauerte , hatten wir einen Punkt erreicht , wo der über die Wiese führende Weg ein Ende zu haben schien , bis wir zuletzt , bei schärfrem Hinsehn , eines Fußpfades gewahr wurden , der sich , zwischen allerlei Gestrüpp hin , in einer schmalen Schlängellinie fortsetzte . War das unser Weg ? Ein Versuch schien wenigstens geboten , und siehe da , keine hundert Schritt und wir hatten es und standen an der Grabstelle , die , seitab und einsam im Schatten gelegen , denselben düstren Charakter zeigte , wie das Leben , das sich hier schloß . Auch eine pietätvolle Wiederherstellung der durch viele Jahre hin vernachlässigten Stelle , hat an diesem Eindruck nichts ändern können . Ein Eisengitter zwischen vier Steinpfeilern schließt das Grab ein , das zwei Grabsteine trägt : einen abgestumpften Obelisken aus älterer und einen pultartig zugeschrägten Marmor aus neurer Zeit . Auf dem abgestumpften Obelisken fanden wir ein Häuflein Erde , darin eine sinnige Hand , vielleicht keine Stunde vor uns , einen Strauß unterwegs gepflückter Feldblumen eingesetzt hatte . Zu Füßen des Obelisken aber , auf dem zugeschrägten Marmorsteine , stand das folgende : Heinrich von Kleist Geb . 10. Oktober 1776 , gest . 21. September 1811 . Er lebte , sang und litt in trüber , schwerer Zeit , Er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit . Die Tochter las die Verse laut und ob es nun die Nähe des Grabes oder vielleicht auch nur die Verlegenheit war , in die so viele Menschen geraten , wenn sie Verse hören ( ein Rest von Respekt vor dem alten Propheten-und Bardentum ) , gleichviel , alles im Kreise wurde still und diese Stille wirkte wie Huldigung und Gebet . Erst der Rattenpinscher , dem die Szene zu lange dauern mochte , gab uns durch einen dreimaligen Unmutsblaff unsren Augenaufschlag und gleich danach auch unsre Bewegung wieder und denselben Schlängelpfad entlang , auf dem wir gekommen waren , schritten wir nunmehr auf die draußenliegende Waldwiese zurück . * Neben der Tochter ging jetzt ein in dem doppelten Abhängigkeitsverhältnis von Geschäft und Liebe stehender junger Mann und versuchte das auf dem Hinweg unterbrochene literarische Gespräch wieder aufzunehmen . Er begann mit Heinrich von Kleists Käthchen , das alle sonderbarerweise kannten , und gebrauchte dabei den Ausdruck » holdseliges Geschöpf « . Aber darin versah er es durchaus und Anna , die das Prinzip der » Erziehung von Anfang an « aller Wahrscheinlichkeit nach von der Mutter adoptiert hatte , replizierte scharf : » Ich weiß nicht , Herr Behm , was Sie so nennen . Ich find ' es bloß unnatürlich , immer so nachlaufen und sich alles gefallen lassen . Und es verdirbt bloß die Männer , die schon nichts taugen . « Er wollte mit Nachdruck und Wärme das Gegenteil versichern , aber die Mutter trat peremtorisch dazwischen und sagte : » Recht , mein Anneken ... Ja , Herr Behm , Anna hat recht . « Und nun waren wir wieder an der Stelle , wo der Weg sich teilte , weshalb ich meinen Hut zog und mich aufs artigste verabschiedete . Nichtsdestoweniger konnt ' ich , rückblickend , an Blick und Gesten unschwer erkennen , daß die Meinungen über mich schwankend und nur die der Mutter zu meinen Gunsten waren . Was mich allerdings über den endlichen Ausgang der Sache beruhigte . Bald danach , als ich einen höher gelegenen Punkt erreicht hatte , hielt ich noch einmal an und überschaute das vor mir ausgebreitete , landschaftliche Bild . Nach Westen hin lagen Fluß und Wald in einem goldenen Abendschimmer und Villentürme , Kiosks und Kuppeln wuchsen daraus empor . Alles was ich sah , war Leben , Reichtum , Glück . Und daneben gedacht ' ich des Dichtergrabes , das einsam ist , trotz der Neugier , die jetzt tagtäglich nach ihm pilgert . Aber ich gedachte zugleich auch der unbekannten Hand , die vor wenig Stunden erst einen Feldblumenstrauß in jenes Häuflein Erde gepflanzt hatte und getröstete mich : » Eine Hand voll Liebe besiegt jedes Geschick . « 3. Die Kirche zu Stolpe Stolpe , Stolpeken oder Wendisch-Stolpe , scheint – so schreibt Berghaus , dem ich die Verantwortung dafür zuschiebe – das am frühesten in unserer Landesgeschichte genannte Teltowdorf zu sein . 1197 . Es war eine wendische Besiedlung , auf der sich bis diesen Tag zahlreiche Totenurnen vorfinden . Im übrigen gedeiht hier , und zwar in besonderer Vortrefflichkeit , die Teltower Rübe , nachdem die Bevölkerung jahrhundertelang vorwiegend von Fisch- und Honigfang gelebt hatte . Die Lage des Dorfes ist sehr malerisch , wozu die von Wannsee bis nach Klein-Glienicke sich hinziehende Seenkette das ihrige beiträgt . Bis zur Reformation gehörte Stolpe zum Brandenburger Bistum , nach welcher Zeit es zum Amte Ziesar und dann zum Amte Potsdam kam . Dahin ward es eingepfarrt und seine hochgelegene Kirche zeichnete sich , neben andrem , auch durch eine große Glocke aus . Das ging so bis 1848 , wo die große Glocke sprang , und als bald danach die ganze , noch der gotischen Zeit entstammende , zur Zeit des Großen Kurfürsten oder ersten Königs aber umgebaute Kirche baufällig wurde , beschloß man regierungsseitig , alles von Grund aus abzutragen und genau anstelle der alten Kirche die Fundamente zu einer neuen zu legen . Bei diesen Fundamentierungsarbeiten stieß man auf zwei Grüfte , von denen eine sogleich als Erbbegräbnis der Hofgärtnerfamilie Heydert erkannt wurde , deren Ahnherr , Martin