, weil er sie nur für den Knaben nehmen wollte und sie , sie nahm ihn für ein Wunder ; denn Egon , der Verfolger seiner Freunde , konnte ja nicht der Verfolgte selber sein , es war ein Wildungen , Dankmar , der Sohn der eignen Schwester des Vaters , Dankmar , des Vaters Neffe ! Der Flüchtling wurde auf die leichteste Art verborgen gehalten . Der entfernte Bart , die gestutzten Haare , eine sommerliche ländliche Tracht , ein großer , breitrandiger Strohhut gaben ihm bald ein Ansehen , das Niemanden an den im vorigen Sommer hier so räthselhaft aufgetauchten Doppelgänger des Fürsten erinnern konnte . Die Zahl der Menschen , die vom Generalpächter zu seinen Unternehmungen verwandt wurden , war über Hundert gewachsen . Unter ihnen verlor sich Dankmar um so mehr , als er nicht etwa im Ullagrunde bei Ackermann wohnte , sondern in dem entlegeneren Randhartingen , wo er für einen jungen Ökonomen galt , der sich besonders im Schreiberfach dem Generalpächter nützlich erwies . Glücklicherweise hatte Dankmar eine Wohnung gefunden , die ihm gestattete , fast in allen seinen Bedürfnissen für sich selbst zu sorgen . Mehr , als er wünschen konnte , fühlte er sich allerdings im Verkehr mit Selma gehemmt . Allein ohnehin lag es schon in der nothwendigen Rücksicht auf den Vater begründet , daß zwischen ihnen , gleichfalls still und verborgen , mehr die verwandtschaftlichen Bande , als die der Liebe geltend gemacht wurden . Rodewald hatte die Freude , als er sich Dankmarn in seiner Eigenschaft als jener schlimmberufene Oheim zu erkennen gegeben hatte , in diesem Verwandtschaftssinne die zwischen den jungen Liebenden herrschende Vertraulichkeit mehr deuten zu dürfen , als in dem leidenschaftlichen Charakter eines die Andern ausschließenden zärtlichen Besitzes . Es ist ein so wehmüthiges Gefühl für einen Vater , der seines Gemüthes einzige Befriedigung in der Liebe seines Kindes fand , diese plötzlich mit einem Eroberer theilen , ja wol ganz an ihn verlieren zu sollen . Ein Vater , der einzige Schutz und Hort seines Kindes , sieht , ist dies Kind ein Sohn , diesen plötzlich nur für das Wohl und Wehe einer fremden Familie , deren schönstes Kleinod er liebt , erglühen , oder es geschieht , daß seine einzige Tochter , das Pfand der Liebe eines dahingeschiedenen Weibes und die letzte Erinnerung an seine eigne Jugend , ihm an einen Mann verloren geht , der unter seinen eignen Augen die reinen Lippen , die nur ihm sonst in kindlicher Liebe schmeichelten , mit seiner Leidenschaft bestürmt . Manche Väter , manche Mütter wissen oft nicht , daß das Gefühl , das sie gegen einen Bewerber um die Gunst ihres Kindes hart erscheinen läßt , eine in ihnen tief wurzelnde Eifersucht ist . Dankmar , mit dem in allen Dingen ihm innewohnenden Takt , erkannte dies Gefühl . Wo ihn nicht Ort und Stunde begünstigten , verlangte er für seine heiße Liebe nie die Linderung durch sichtbare Zärtlichkeit . Und weil Rodewald diese Schonung fühlte , wurde ihm der wackre Sinn des neugewonnenen Sohnes nur um so ehrenwerther und mit wahrer Freundschaft schloß er ihn in sein Herz . Es gibt auch wenig so gefällige Verhältnisse im Leben , als in dem mystischen Bunde , dem vielverspotteten und zur Prosa des Lebens herabgewürdigten Schwieger- und Schwäherbunde , Gleichartigkeit der Gesinnung und Stimmung . Rodewald hatte die Freude , in Dankmar einen Sohn zu gewinnen , der neben ihm stand wie das jüngere Abbild seiner selbst . So fast nahm er selbst einst das Leben , ehe seine Bahn von Andern durchkreuzt wurde . So fast ging , stand , hielt er sich , wie Dankmar ! Welche ruhige Erörterung mit ihm über die nächste und entferntere Zukunft ! Welches Maß in der richtigen Abschätzung des Möglichen ! Welche besonnenen Zumuthungen an das Leben , welche richtigen Voraussetzungen über die Charaktere , ihren Egoismus , ihre Schwächen , wenn es sich um Personen handelte ! Dankmar war durch Natur , durch Studium und frühe Lebenserfahrung der Philosoph , der sein Oheim erst durch die bittersten Prüfungen und jene läuternde edle Reue wurde , die Dankmar nicht in sich mit Beklommenheit zu hegen brauchte , da er , was er begann , immer besonnen überdacht und auf ein ehrliches Gelingen angelegt hatte . Es ist ein Himmelssegen für einen Mann in den Jahren Rodewald ' s , sein Kind unter der Leitung eines Charakters zu wissen , wie Dankmar Wildungen war . Wol gab es auch zwischen ihnen manche Differenz . Die noch jugendliche Auffassung mancher Dinge , besonders der Gefahr , der lebendigere Farbensinn für das Kolorit und die Poesie des Lebens , die Pläne über den Abschluß einer Verbindung mit Selma gaben noch Gelegenheit zu manchem Widerspruch . Doch hoben diese streitigen Ausnahmen nur die herrschende Regel des Friedens . Einer verstand den andern ; beide lebten sich wie in eine Seele ein . Selbst der Prozeß , selbst die Sache des Bundes gab keinen Anlaß zu einem Scheidewege . Dankmar sprach über beide Angelegenheiten mit der dem Juristen eignen kritischen Prüfung aller Möglichkeiten . Die Entgegnungen Rodewald ' s widerlegte er nicht durch einen blinden , den Thatbestand übersehenden Enthusiasmus , sondern ließ Das , was unwiderleglich war , gelten und gestand es zu , wenn sein Suchen nach Abhülfe vergeblich gewesen war . Rodewald kannte die Familientradition und lobte Alles , was Dankmar zu ihrer Geltendmachung versucht hatte . Der Prozeß schwebte nun in dritter Instanz beim Obertribunal . Ein räthselhaftes Dunkel umspann eine Angelegenheit , die um so verwickelter wurde , seit Dankmar und sein Bruder Flüchtige , Verfolgte waren . Doch wußten Beide , daß darum eine civilrechtliche Frage nicht stocken konnte . War sie doch aus dem trüben Sumpf der ersten Gerechtigkeitsstadien , wo die polizeiliche Gewalt an der Waagschale der Themis nur zu oft die Gewichte zu verfälschen sucht , glücklicherweise herausgetreten zu einer Region , wo man ein Europäisches Aufsehen wol fühlen mußte und eine Entscheidung