den officiellen Meinungen und herrschenden Thatsachen nichts , was ihm wohlthun konnte ; doch versuchte er eine Anknüpfung an seinen alten Lebensberuf , der ihm unter dem italienischen Himmel fast abhanden gekommen war . Darauf blickte Pauline von Ried mit Mistrauen , sah seinen Fleiß sogar mit Neid an . Während sie an Brustkrämpfen auf ihrem Sopha , im innersten Athem zusammengeschnürt , lag und stöhnte , litt sie noch qualvoller an der Vorstellung : Dein Angebeteter weilt jetzt in dieser Gesellschaft , wird bewundert , verehrt , hervorgezogen in jener ! Sie konnte nicht hören , daß man seinen Geist , seine Schönheit rühmte . Alle Frauen erschienen ihr Feindinnen , die ihr den Tod geschworen hatten . Sie fesselte Niemanden , sie war nie schön . Nur ihre Gestalt hob sie und ihr Reichthum ; und da sie kränkelte , konnte sie weder jene , noch diese geltend machen . So endete die Krisis damit , daß die Ärzte ihr einen dauernden Aufenthalt im Süden vorschrieben . Von Heinrich Rodewald wurde stillschweigend vorausgesetzt , daß er sie begleite . Als er zögerte , welche Scenen ! Welche Thränen , welche Kämpfe ! Er widerstand diesem Jammer nicht . Ohnehin in keiner der Voraussetzungen des damaligen politischen und religiösen Lebens sich zurechtfindend , folgte er Paulinen willenlos . Welche qualvollen vier Jahre ! Eben der Anblick irgend eines reizenden oder majestätischen Schauspiels der Natur , dann Eifersucht , physische Leiden , lange Reisepausen in kleinen elenden Städten , um nur Paulinen Ruhe zu gönnen , bis sich ihre unverwüstliche Natur erholt hatte . Er war in Paris , in Spanien sogar , in der Schweiz , in Italien und Griechenland mit dieser Frau , die ihn nicht heirathete , eingestandenermaßen , um ihrem Adel nicht zu entsagen . Es folgten ihnen immer zwei Fourgons mit Geräthschaften , zwei Bediente , zwei Kammerzofen außer der Ludmer und einem Kurier . Es war die Zeit der großen Reisen . Die Friedensepoche , der Sturz und Tod Napoleon ' s hatten wie nach einem Gewitterregen das ganze Erdreich lebendig gemacht . Es wimmelte von Anmaßungen , Verschwendungen , Tollheiten und dazwischen stand Absolution ertheilend eine Religion , die den unbedingten Glauben lehrte , und eine Philosophie , die , Austern und Gänseleberpasteten verzehrend , vor Geheimrathspolitik sich beugend , behauptete : » Alles was ist , ist vernünftig . « Zu Paulinen ' s Eigenthümlichkeiten gehörte ein ausgedehnter Briefwechsel . Sie hatte große Befriedigung davon , mit aller Welt in Verbindung zu stehen . Da sie wußte , daß das beste Mittel , Briefe zu ernten , Das ist , Briefe zu säen , so war Rodewald froh , sie sich doch am Schreibtisch sammeln , da sich bilden und beruhigen zu sehen . Ihre Nerven bedurften der Schonung . Ihr Leben war nicht ohne Gefahr . Sie befand sich in jenen Krisen eines Körpers , der lange mit drohenden Übeln kämpft , bis die Natur sich gleichsam gefunden hat und nach solchen Störungen oft ein wunderbar gutes Befinden zurückläßt . Aus diesen Briefen ergab sich eine sehr zärtliche Beziehung zwischen Paulinen und Amanda von Bury , einer jungen , schönen Adligen , die das Glück hatte , man nannte es Glück , den Liebling der damaligen Monarchenwelt , den tapfern Haudegen Grafen von Hohenberg , zu fesseln und seine Gemahlin zu werden . Wir kennen jenes Glück ! Die junge Gräfin hatte einige Jahre der Qual durchgelitten , als sie es bei den für sie immer beschränkten Mitteln ihres Gatten durchsetzen konnte , eine Schweizerreise mit einem Aufenthalt in Landeck zu verbinden und ihre geliebte Freundin , Pauline von Ried , dort wieder zu sehen . Wir kennen die Geschichte dieses Wiedersehens ... Der menschliche Geist hat seine geographischen Bedingungen . Was ihm unter einer deutschen Eiche zu fassen , zu empfinden unmöglich ist , weht ihm die Luft unter einem italienischen Orangenbaume zu . Heinrich Rodewald lernte eine vornehme , aber gedemüthigte , mishandelte , ihre Hand hülfeflehend nach Schutz und Rettung ausstreckende junge Frau kennen ; ein gutes , sanftes , schwärmerisches Herz , aber einen wenig gebildeten Geist . Ihm that diese Mischung wohl , er liebte Amanda von Hohenberg . Pauline wurde getäuscht . Sie hatte das Recht , in ihrer Sprache von Dolchen zu sprechen , sie dachte an Gift , Mord und Verrath und doch glaubte sie nicht . Sie war zu stolz dafür , anzunehmen , daß in vier Wochen , während ihr das Wiedersehen der Freundin durch ein Krankenlager verdorben wurde , sich ein so folgenreicher Roman anspinnen konnte wie der zwischen Rodewald und der Gräfin Hohenberg , die in dem stolzen Manne einen Unglücklichen , einen nach Erlösung von sich selbst Schmachtenden antraf . Es stand zwischen ihnen fest , daß sie das damals nicht seltene Schauspiel einer Ehescheidung und einer Mesalliance aufführen wollten . Und bald sollte Das geschehen , in kürzester Frist , mit offnem Geständniß aller dabei nothwendigen Rücksichten . Amanda reiste ab . Der erste Brief schon kommt verspätet : der Graf - ist ein Millionär geworden ! Der zweite kommt noch verspäteter : der Graf - ist Fürst geworden ! Pauline ahnte ... triumphirte ... Rodewald bekämpfte seinen Schmerz und brütete über einen Entschluß . Schon jetzt hätt ' er ihn ausgeführt , schon jetzt sich losgewunden , aber Pauline war krank , wurde bedenklicher , mußte nach Haus zurück , glaubte zu sterben . Die Entdeckung , die sie über Landeck machte , stieß ihr das Herz ab . Das Verlangen nach Rache zerwühlte die Eingeweide . Sie sah , daß die Fürstin Amanda sich mit Rodewald verständigen , nach ihrem möglichen Tode oder selbst wenn sie noch siechte , mit dem Vater ihres Kindes sich aussöhnen und sich die Anlehnung an eine bedeutende ihr so nahestehende Persönlichkeit nicht würde entgehen lassen . Da fiel sie auf den Gedanken , ein junges Mädchen , das zu ihrer Pflege nach Ems gekommen war , das von ihrem