: Wenn alle untreu werden , So bleib ' ich dir doch treu , Daß Dankbarkeit auf Erden Nicht ausgestorben sei - ... Wieder trat eine Pause ein - jene Stille , die man den Engel nennt , der durchs Zimmer geht ... Die Kleine verscheuchte ihn ... Da sie den Ernst der Scene störte , so duldete jetzt die Leidende , daß Armgart und Porzia das Kind den Dienern im Nebenzimmer zuführte ... Die Sterbende starrte wie tief innenwärts und hörte nur ihre Glocken ... Sie war so abwesend , daß man sanft das Glas mit der Bibel von ihrem Schoose fortnehmen konnte , ohne daß sie es bemerkte ... Ein großes Wasser - sprach sie dann in abgerissenen Sätzen , wird gehen und ein Donner wird ertönen - lass ' - die Glocke unberührt - Zum Gericht - des Herrn - Schwöre mir ' s , mein Sohn , auch - wenn - du dem Thiere folgst - ... Mutter - ! rief der Graf voll äußersten Schmerzes - und vielleicht weniger über den Verdacht , daß er seinen Glauben ändern könnte , als über die Sorgen , von denen sich die Mutter noch in ihrer letzten Stunde beunruhigen ließ ... Die Hochaufgerichtete fühlte den Stachel ihrer Worte in - Paula ' s Herzen nach ... Diese stand bescheiden hinter ihrem Sessel und beugte trauernd ihr lichtblondes Haupt auf die hohe schwarze Sammetlehne ... Jetzt zog sie ihr Gatte näher und Paula kniete nieder ... Die Mutter gab ihr ein Zeichen versöhnlicher Gesinnung durch eine Aeußerung , die nur der Graf und die näher Eingeweihten als eine solche verstehen konnten ... Sie tastete nach dem Buche , das man weggenommen ... Als Baldasseroni es ihr wiedergeben wollte , sagte sie : No ! No ! Signore ! ... La Nobla - Leyçon ... Der » Barbe « ging in das dunklere Nebengemach und brachte ein altes kleines Pergamentbändchen , in welchem er blätterte ... Sie - ! ... sprach die Gräfin und deutete auf ihre Schwiegertochter ... Mit erstickter Stimme , vor der Sterbenden knieend , las Paula in einer seltsamen Sprache aus diesem Buche vor ... Es war kein Italienisch und kein Französisch , doch eine wohllautende Sprache ... Man hörte Reime ... Monika , Armgart und der Oberst glaubten das Patois von Nizza zu erkennen ... Paula las allmählich mit Begeisterung ... Sie nur und Graf Hugo begriffen , wie die Mutter gerade in dieser Zumuthung , ihr aus der Nobla Leyçon vorzulesen , eine Versöhnung mit Bonaventura aussprach , den die Mutter mit unausrottbaren Gefühlen des Mistrauens verfolgte - trotz der damals alles für seine Stellung aufs Spiel setzenden Verwendung desselben für den in Neapel verschollenen Frâ Federigo , trotz seines zehnjährigen Kampfes gegen Lug und Trug im hierarchischen Leben um ihn her - sie konnte eben nur die ihrem Sohn abgewandte Seele seiner Gattin festhalten , deren Kinderlosigkeit , die unmoralischen Consequenzen im römischen Priesterleben , endlich die mögliche Gefahr , daß ihr Sohn nach ihrem Tode übertrat und den mystischen Bund , der hier zwischen drei Personen waltete , immer noch enger und enger schließen half ... Die Nobla Leyçon ist das älteste in provençalischer Sprache geschriebene Gedicht der Waldenser ... Niemand verstand einst die provençalische Sprache so vollkommen und so rein und wußte den umwohnenden Waldensern ihre alten , sämmtlich in der Sprache der Troubadours geschriebenen Werke so zu übersetzen und zu erläutern wie Federigo , der diese Sprache kannte , noch ehe er von der Sekte der Waldenser wußte ... Auch Bonaventura , immer von den Erinnerungen und Sorgen um seinen Vater geleitet , auch in seinem Interesse für die Blüten der alten Kirchenpoesie , kannte diese alte Mundart und Paula erlernte sie in Coni ihm zu Liebe ... Daß nun die Mutter im Stande war , sich von ihr noch zum letzten mal aus diesem Buche , einem für Paula allerdings ketzerischen , vorlesen zu lassen , war ein Act der Liebe , der Versöhnung , ein Gruß an den Erzbischof ... Ihre Aufforderung gab auch Paula wahrhaft Schwingen ... Sie las so laut die schönen wohlklingenden Verse , als wollte sie sagen : Im Geist rufst du nun ja auch noch Bonaventura an dein Lager und versöhnst dich mit dem edelsten der Menschen ! ... Als Paula bis zu den Worten gekommen war : » Intrate in la sancta maison ! « blickte sie auf ... Die Mutter schien entschlummert ... Paula erhob sich ... Aber auch die Sterbende hob die Augen , sah eine Weile , als wäre sie abwesend , starr um sich und sprach : » Ich bin - der Weg - die Wahrheit und das Leben - niemand kommt - zum Vater , denn durch mich ! « ... Das sahen alle , sie verweilte in den Erinnerungen an die Hütte jenes Einsiedlers , den sie so wahrhaft verehrt und lieb gehabt und von dem sie seit seiner Entweichung nichts mehr vernommen , als , in einem einzigen Abschiedsbriefe für dies Leben , die Bitte an jeden , der ihm Gutes erwiesen und noch erweisen wollte , nie , aber auch nie mehr nach ihm zu forschen ... Intrate in la sancta maison ! ... wiederholte sie mit einem Aufblick gen Himmel ... Monika und Armgart , die das noch im Nebenzimmer plaudernde Kind nun ganz entfernt hatten , gingen hin und wieder ... Immer stiller wurde es - still wie schon im Grabe ... Jeder hielt den Athem zurück ... Da noch einmal streckte die Sterbende die Hände aus und flüsterte mit dem Hohenliede , sicher in Anregung ihres Gedächtnisses durch Armgart ' s Abbildung der im Herzen Gottes als befiederte Kreuze aufsteigenden Seelen : » Hätt ' - ich - Taubenflügel ! « ... Mit diesen Worten sank sie , von Schmerzen überwältigt und nach Erlösung ringend , zurück ... Lange noch wehrte sie Bilder ab , die sie beängstigten ... Ihre Stimme blieb erstickt ... Ihre Hände sanken erstarrt ... An ihrem