Er ist halb offen . Ein älterer Herr , eine verschleierte Dame sitzen im Hintergrunde . Sie beugen sich vor . Die Dame ist jung ... sehr jung ... sie schlägt den Schleier zurück ... es ist noch ein Mädchen . Anna kann nicht genauer forschen , der Wagen wendet rasch und hält vor ' m Thore ... Der Herr steigt aus . Groß und stattlich seine Gestalt ; das Antlitz bleich . Seine Hände zittern , als er den Schlag hält und dem jungen Mädchen den Arm zum Aussteigen bietet ... Diese hüpft von dem Fußtritt zur Erde nieder ... ein bewegtes Auge schaut unter dem Strohhute empor ... Der Besuch nähert sich dem Thore ... An der Pforte zu klingeln ist nicht nöthig ... Anna öffnet schon selbst ... Die hohe Dame von vornehmer Haltung , in schwarzem Seidenkleide , die reiche Spitzenhaube auf dem Haupte , blickt fragend ... Der Herr hatte den Hut schon in der Hand , als er ausstieg ; das junge Mädchen zieht den ihrigen , da die Schleife losgegangen , mit einer einzigen Handbewegung herab ... die prächtigsten braunen Ringellocken fallen von einem Engelskopf herab , der freudestrahlend und mit feuchtem Auge die edle Dame zu erkennen , aus ihr ein unendlich Liebes herauszufinden scheint ... Anna , zum Tode erschrocken , hält sich an dem Gitter der geöffneten Thür ... Die alten Diener nähern sich ... ein leises Ach ! das Anna ' s Brust entfährt , ein fragender Blick auf einen der Diener , der ihre Tochter kannte ... eine Ahnung , ein Zucken des Auges nach jenem Manne hin , der stumm und ruhig auf dies Mädchen , wie auf ein ihr opfernd Dargebrachtes zeigt ... Anna versteht , besinnt sich auf zwanzig entschwundene Jahre , die ihr entfallen schienen bei dem ersten Gedanken , Das ist ja dein Kind , deine Selma ! Selma ' s Tochter ? ruft sie . Rodewald ? Ackermann beugt bejahend das Haupt und spricht : Selma ' s Erbschaft an ihre Mutter ... Thränen füllten sein Auge ... Olga hebt den Hut des Mädchens von der Erde und muß nach Anna greifen , der Großmutter , die vor Schmerz und Freude im Anblick ihrer Enkelin weinend zusammenbricht . Fünftes Capitel Don Juan und Faust Der Erntesegen war ja eingetrieben . Jubelnde Menschen , von hochaufgethürmten Kornwägen herab mit geschwungenen , bebänderten Hüten grüßend , hatten ja in die Scheuern des Ullagrundes , von Randhartingen , Schönau , Plessen die ersten Erfolge eingefahren , die Ackermann für seine Betriebsamkeit lohnten ... Die Fruchtbarkeit des Jahres hatte sich mit dem Eifer der Kultur in Wettlauf gesetzt , um ein überraschendes Resultat zu erzielen . Ein neuer Geist wehte über diese Landstrecken hin , die so viel pflegende Hände , so viel wartende und hütende Augen nie gekannt hatten . Von der ersten Ernte der ölbringenden Rapssaat bis zur Kartoffelfrucht , die den Schluß der Einsammlung machte , hatte sich Ceres in ihrer ganzen reichsten Gunst gezeigt . Sie schien Ackermann ihre eigne Sichel in die Hand gedrückt zu haben . Zwar noch nicht am Ziele seiner Wünsche war Heinrich Rodewald angelangt , doch steuerte er ihnen mit glücklichem Winde nach . Zuviel Sternennächte , wo er im Abendwinde hätte träumerisch seines wunderbaren Lebens gedenken können , fand er nicht ; er arbeitete selbst und erlag dann auch den Geboten der Natur , die ihre Tribute verlangte . Es war ihm ja bei jedem Gang durch ' s Feld , bei jedem Liedchen , das er pfiff , bei jedem Gruße Selma ' s , bei jedem Handschlag eines jungen ihm zugesellten Arbeiters im leichten Kittel , gelbem Sommerhut , bartlosem Kinn , eines halben Feld- , halben Stubenarbeiters , in dem wir Dankmar Wildungen wiederfinden , gegenwärtig , was ihn daher geführt hatte , die Hunderte von Meilen zurück , durch die er wie jener Knabe im Märchen , um den Weg wieder zu finden , wenn er zurück wollte , doch eigentlich nichts Andres gestreut hatte , als was die Vögel - wegnaschen konnten . Dachte er an Wiederkehr ? ... Ein jugendlicher Heros , rüstig an geistiger und körperlicher Kraft , war seine Entwickelung in jene Zeit gefallen , wo die Wissenschaft dem Leben dienen sollte , die Begeisterung für die Musen die geheime Waffenübung halten für den einst hervorbrechenden Angriff auf die französische Usurpation des Vaterlandes . Er hatte sein Elternhaus , die Wohnung eines kleinen Stadtrichters am Fuße des Harzes , einst als Schüler verlassen , später einer schönen Schwester , die mit den Eltern in Leipzig und Halle , wo er studirte , ihn besuchte , unter einer großen Zahl von Freiern den Faden der Ariadne in die Hand gegeben , sie von solchen seiner Genossen wie Gelbsattel entfernt , aber auch vor dem kränklichen träumerischen Wildungen sie gewarnt , den sie dann doch wählte , um mit ihm ein in damaliger Überschwänglichkeit nicht geahntes Leben voller Mühen zu theilen . Von Halle folgte Heinrich dem Aufruf zu den Fahnen , als die Rückkehr Napoleon ' s von Elba einen neuen Kampf der Völker in Aussicht stellte . Die Schlacht bei Belle Alliance war die einzige , an der er Theil nehmen konnte . Bis in das Jahr 1816 blieb er in Frankreich und kehrte mit einem Ehrenzeichen und dem Entlassungspatente als Offizier zurück an den Heerd der Musen . Aber diesen Heerd fand er nicht so still , wie ihn die Eule Minervens liebt . Das aufgeregte Kampfblut wallte stürmisch in den Adern der damaligen Jugend . Auch ein neues Volksleben , eine Wiedergeburt des Vaterlandes wollte man erkämpft haben . Rodewald , Offizier , mit einem Ehrenzeichen geschmückt , fügte sich nicht den engen Schranken , die die bureaukratische Inquisition der Kabinette den Akademieen stecken wollte . Er studirte Philosophie und die Rechte . Er trieb sein Studium in der damaligen weltstürmenden Titanenhaftigkeit , zugleich aber doch als Forscher ; er zielte auf einen Lehrstuhl . Der