Melone gemaust haben ? « » Das muß wohl ein Irrtum sein , « bemerkte Mariechen von Kosegarten ablehnend , aber Herr Debberitz beteuerte ihr , daß er ein sehr gutes Gedächtnis für solche Dinge habe . » Rackers waren wir beide , unverschämte Rackers , « erklärte er fröhlich und schien , nähertretend , nicht übel Lust zu haben , den leeren Stuhl neben Frau von Kosegarten einzunehmen , um sich weiter in allerlei Jugenderinnerungen zu vertiefen . Sie wartete mit einer Art von erstarrtem Staunen auf dieses Ereignis , und vielleicht hielt auch ihr Gatte eine freundschaftliche Niederlassung des selbstzufriedenen Eindringlings nicht für unmöglich , denn in einem Ton , wie er etwa mit einem widerspenstigen Ackerknecht reden mochte , rief er ihm zu : » Debberitz , ich warte ! « Debberitz warf einen schnellen , scharfen Blick seiner zwischen Fettfalten verborgenen , lustig glitzernden Äuglein über den alten Herrn und strich den dicken , wie zwei Eberhörner in die Höhe gedrehten Schnauzbart . › Verfluchte Junkerfrechheit ! ‹ dachte er in diesem Augenblick und nahm sich vor , daß Herr von Kosegarten den Ton zu bereuen haben werde . Die milde und gewissermaßen liebevolle Stimmung , in die er durch die Erinnerung an die gestohlene Melone gebracht worden war , verflog spurlos . Er setzte in Gedanken den Kaufpreis für Rauschenrode sofort um einige Mille herunter . » Also gehen wir , Herr von Kosegarten , gehen wir an die Geschäfte ! « rief er nach diesem Entschluß forsch und kordial . Mit einer für seine Korpulenz erstaunlichen Elastizität folgte er dem voranschreitenden alten Herrn . » Da soll man nun noch sagen : Unrecht Gut gedeihet nicht ! « bemerkte Hilde , den beiden so verschiedenen Gestalten nachschauend . » Mit dem wird Papa allein nicht fertig , « sagte August sorgenvoll . » Wäre er nur nicht so eigensinnig in dem Punkt und ließe mich an den Verhandlungen teilnehmen ! « Schottenmaier brachte die Posttasche . Während dle gnädige Frau in ihrem Körbchen nach dem Schlüssel suchte und Hilde ihn schnell fand , ein kleiner Vorgang , der sich jeden Morgen wiederholte , wartete der Diener , um die Korrespondenz der Leute in Empfang zu nehmen . » Gnädige Frau , « sagte er langsam mit gelindem Vorwurf , » der Herr werden uns das doch nicht antun , den Mann hierher zu setzen ! « » Ach , Schottenmaier , « seufzte Frau von Kosegarten , » wenn der liebe Gott so will , da kann der Herr auch nicht gegen an . « Aber Schottenmaier schüttelte mißbilligend das ergraute Haupt und begann die Sünden der Väter des Herrn Theodor Debberitz aufzuzählen . Wo dessen Reichtum herkam , das wußte man , das konnte sich jedes Kind im Dorf an den fünf Fingern nachrechnen . Wenn man nur an dle Butter und an all die Eier dachte und die Bratenreste , die in der Wachstuchtasche der Frau Debberitzen selig verschwunden waren , wenn sie des Sonntags und bei Jagddiners in der Küche half . Und dann die mysteriöse Geschichte mit den zweitausend Zentnern Kartoffeln , die als erfroren vom alten Debberitz gebucht waren , während doch kein Mensch die erfrorenen Kartoffeln je zu sehen gekriegt hatte . Hildens klugen Mund umflog ein leises Spottlächeln , während der würdige Schottenmaier sich ereiferte . Der Kampf der Familien Schottenmaier und Debberitz um die besten Plätze an der herrschaftlichen Krippe hatte seinerzeit viel Stoff zu humoristischen Geschichten am Herrschaftstisch geliefert . Sich bestehlen lassen und darüber zu lachen , gehörte von alters her zu den Traditionen der Familie Kosegarten . Man hätte es für plebejisch gefunden , sich mehr als höchstens alle Schaltjahr einmal dagegen aufzulehnen . » Sie lassen ja Ihren Sohn jetzt studieren , Schottenmaier , « sagte Fräulein Hilde freundlich , und der Alte erwiderte stolz : » Ja , gnädiges Fräulein , in Halle . Theologie . Der Herr haben ihm das Stipendium verschafft . « » So – nun , da haben Sie es ja auch zu etwas gebracht ! « sagte Hilde etwas schärfer , und Schottenmaier begriff , wo sie hinauswollte . Aber er ließ sich ' s nicht verdrießen und entgegnete würdig : » Der Herr im Himmel hat unsere treue Arbeit gesegnet . Meine selige Frau hat immer verstanden , das wenige zusammenzuhalten . An die Kinder wendet man ' s ja dann gern . « Frau Marie hielt einen Brief in ihrer Hand . » Von der Prinzessin Karoline an Tante Trinette ! « sagte sie ein wenig atemlos , » das betrifft dich – Hilde ! – Bring ihn doch der Tante , sie ist wohl noch im Park . « Hilde ging durch den alten Taxusgang nach dem Obstgarten , wo sie die Tante zu finden hoffte . Es graute ihr davor , nach Langenrode zu kommen , in diese geradlinige , verschlafene Residenz , wo so viel Unsauberes , Verwirrtes , Böses an Intrigen und Leidenschaften unter der Oberfläche vor sich ging . Jeder Stein , jeder Baum würden sie begrüßen mit stummen Erinnerungen an die kurze , qualvolle Seligkeit und die lange , bange Schmach ihres Mädchenlebens . Jene Schmach , die allmählich fast vergessen war im Gleichmaß der Tage und in der behaglichen Güte des einfachen , menschlichen Daseins auf Rauschenrode . Jetzt wußte sie , daß hinter aller friedvollen Stille immer ein heimliches Warten gelauert hatte : wann wird das Vergangene wieder aufwachen , um sie aufs neue vor den Richterstuhl der Unbarmherzigkeit zu fordern ? Wie sollte sie das helle Licht des Tags und den scharfen Wind des Lebens ertragen mit ihrer zerwühlten Seele ? An den Erdbeerbeeten wandelte die hohe , hagere Gestalt Fräulein Trinettes entlang , sich zuweilen niederbeugend und von den jungen zarten Blättchen der von weißen Blüten überdeckten Büsche in ein Handkörbchen sammelnd . Fräulein von Kosegarten genoß stets nur Tee von den getrockneten Blättern der Erdbeerstaude . Sie fand ihn bei weitem bekömmlicher für