ich vom Morgen bis zum Abend hier an ’ s Comptoir gefesselt bin ? Mißgönnt er mir sogar die Erholung , die ich Nachts in der Musik suche ? Ich dächte , ich und mein Flügel wären weit genug verbannt worden ; das Gartenzimmer liegt ja so fern und einsam , daß ich nicht in Gefahr komme , den Schlaf eines der Gerechten hier im Hause zu stören . Man kann zum Glück keinen Laut vernehmen . “ „ Doch ! “ sagte die junge Frau leise . „ Ich höre jeden Ton , wenn es ringsum so still ist und ich ganz allein wach liege . “ Reinhold wandte sich um und sah seine Frau an . Sie stand mit niedergeschlagenen Augen und völlig ausdruckslosem Gesichte vor ihm . Sein Blick glitt langsam an ihrer Gestalt nieder , als stelle er unbewußt irgend eine Vergleichung an , und die Bitterkeit in seinen Zügen trat noch deutlicher hervor . „ Das thut mir leid , “ entgegnete er kalt ; „ aber ich kann es nicht ändern , daß Deine Fenster nach dem Garten hinausgehen . Schließe künftig die Läden ! Dann werden Dich meine musikalischen ‚ Extravaganzen ‘ hoffentlich nicht mehr im Schlafe stören . “ Er schlug die Seiten des Buches um und schien sich wieder in die Zahlen zu vertiefen . Ella wartete wohl noch eine Minute lang ; als sie aber sah , daß von ihrer Gegenwart nicht die geringste Notiz genommen wurde , ging sie so still und lautlos , wie sie gekommen war . Kaum war sie fort , so schleuderte Reinhold mit einer leidenschaftlichen Bewegung das Hauptbuch zur Seite . Der Blick , der auf den so verächtlich behandelten Gegenstand fiel und dann durch das ganze Comptoir schweifte , zeugte von bitterstem Hasse ; dann legte er schwer athmend den Kopf auf beide Arme und schloß die Augen , als wolle er nichts mehr von der ganzen Umgebung sehen und hören . „ Grüß Gott , Reinhold ! “ sagte auf einmal eine fremde Stimme dicht neben ihm . Der Gerufene fuhr empor und blickte verwirrt und fragend den Fremden in Seemannstracht an , der unbemerkt eingetreten war und jetzt vor ihm stand . Auf einmal aber schien ihn eine Erinnerung zu durchblitzen ; mit einem Aufschrei der Freude warf er sich an die Brust des Ankömmlings . „ Ist ’ s möglich , Hugo ! Du schon hier ? “ Zwei kräftige Arme umschlossen ihn fest und ein paar warme Lippen drückten sich wieder und immer wieder auf die seinigen . „ Kennst Du mich wirklich noch ? Ich hätte Dich unter Hunderten herausgefunden . Freilich etwas anders siehst Du aus , als der kleine Reinhold , den ich hier zurückließ . Nun , mit mir mag es wohl auch nicht viel besser sein . “ Die ersten Worte klangen noch in tiefer Bewegung , die letzten hatten schon wieder einen etwas übermüthigen Ton . Reinhold ’ s Arm lag noch zärtlich um den Hals des Bruders . „ Und Du kommst so plötzlich , so ganz unangemeldet ? Ich erwartete Dich erst in Wochen . “ „ Wir haben eine ungewöhnlich schnelle Fahrt gehabt , “ sagte der junge Capitain heiter . „ Und als ich erst einmal im Hafen war , litt es mich auch nicht eine Minute länger an Bord ; ich mußte zu Dir . Gott sei Dank , daß ich Dich allein fand ! Ich fürchtete schon , ich müsse das ganze Fegefeuer des heimathlichen Zornes passiren und mich mit der gesammten Verwandtschaft herumschlagen , um zu Dir zu gelangen . “ Reinhold ’ s Gesicht , das noch in der ganzen Freude des Wiedersehens strahlte , verdüsterte sich bei dieser Erinnerung und sein Arm sank langsam nieder . „ Es hat Dich doch noch Niemand gesehen ? “ fragte er . „ Du weißt , wie der Onkel gegen Dich gesinnt ist , seit – “ „ Seit ich mich seiner hochweisen Bestimmung entzog , die mich durchaus an den Comptoirtisch schrauben wollte , und auf und davon ging ? “ unterbrach ihn Hugo . „ Ja , das weiß ich , und ich hätte den Lärm mit ansehen mögen , der im Hause losbrach , als sie entdeckten , ich sei durchgegangen . Aber die Geschichte ist ja beinahe zehn Jahre her . Der Taugenichts ist nicht gestorben und verdorben , wie es die verwandtschaftliche Liebe ohne Zweifel hundertmal prophezeit und noch öfter gewünscht hat , er kehrt zurück als höchst respectabler Capitain eines höchst vortrefflichen Schiffes , mit allen nur möglichen Empfehlungen an Eure ersten Handelshäuser . Sollten die maritimen und mercantilischen Vorzüge nicht endlich das Herz des zürnenden Hauses Almbach und Compagnie erweichen ? “ Reinhold unterdrückte einen Seufzer . „ Spotte nicht , Hugo ! Du kennst den Onkel nicht , kennst nicht das Leben in seinem Hause . “ „ Nein , ich ging noch zu rechter Zeit durch , “ bekräftigte der Capitain . „ Und das ist überhaupt das Gescheidteste – so solltest Du es auch machen . “ „ Was fällt Dir ein ? Meine Frau , das Kind – “ „ Ja so ! “ sagte Hugo etwas verlegen . „ Ich vergesse immer , daß Du verheirathet bist . Armer Junge , Dich haben sie bei Zeiten festgekettet . Solch ein Traualtar ist der sicherste Riegel , den man allen etwaigen Freiheitsgelüsten vorschiebt . Nun , fahre nur nicht gleich auf ! Ich glaube ja gerne , daß man Dich zu dem Jawort nicht geradezu gezwungen hat . Wie Du aber dazu gekommen bist , das wird wohl der Onkel zu verantworten haben , und die melancholische Stellung , in der ich Dich traf , spricht auch nicht gerade sehr für die Glückseligkeit eines jungen Ehemannes . Laß Dir doch einmal in ’ s Auge blicken , damit ich sehe , wie es drinnen ausschaut ! “ Er ergriff ihn ohne Umstände beim Arme und zog