nur natürlich . Sie haben schwerlich Lust , das Schicksal Ihres Amtsvorgängers zu theilen . “ „ Jedenfalls hoffe ich meiner Stellung besser gewachsen zu sein als er , “ war die artige , aber bestimmte Antwort . „ So viel ich weiß , wurde mein Vorgänger wegen Unfähigkeit auf einen anderen Posten versetzt . “ „ Da irren Sie sehr . Er fiel , weil er dem Freiherrn von Raven nicht genehm war , und sich bisweilen herausnahm , eine andere Meinung als Dieser zu haben . Er mußte dem allmächtigen Willen weichen , der uns nun so lange schon unumschränkt regiert . Das heutige Auftreten unseres Gouverneurs wird Ihnen besser als eine monatelange Amtsdauer gezeigt haben , wie die ‚ hiesigen Verhältnisse ‘ eigentlich liegen , und Sie haben bereits Ihre Partei gewählt , wie mir scheint . “ Die letzten Worte klangen sehr anzüglich , aber der Polizeidirector schien das nicht zu bemerken ; er lächelte nur verbindlich , ohne etwas zu erwidern , und da sie den Ausgang jetzt erreicht hatten , trennten sich die beiden Herren . Im Zimmer des Freiherrn war Dieser mit dem Oberst zurückgeblieben . Letzterer , der Commandant des Regimentes , das die Garnison von R. bildete , war eine echt militärische Erscheinung , aber trotzdem und trotz seiner Uniform und Orden vermochte er doch nicht den Vergleich mit der gebietenden Gestalt des Gouverneurs auszuhalten , der den einfachen Civilanzug trug . „ Sie sollten nicht allzu schroff vorgehen , Excellenz , “ nahm der Oberst das Gespräch wieder auf . „ Man sieht höheren Ortes diese fortwährenden Conflicte mit der Bürgerschaft sehr ungern . “ „ Glauben Sie , daß ich diese Conflicte liebe ? “ fragte der Freiherr . „ Aber Nachgiebigkeit wäre hier Schwäche , und die wird man mir hoffentlich nicht zumuthen . “ Der Andere schüttelte mit dem Ausdruck der Besorgniß den Kopf . „ Sie wissen , daß ich einige Wochen lang in der Residenz war , “ begann er von Neuem . „ Ich habe viel im Ministerium verkehrt . Im Vertrauen gesagt , die Stimmung ist dort keine für Sie günstige . Man liebt Sie durchaus nicht . “ „ Das weiß ich , “ sagte Raven kalt . „ Ich bin den Herren von jeher unbequem gewesen . Ich war ihnen nie fügsam , nie devot genug , und überdies können sie mir meine bürgerliche Herkunft nicht verzeihen . Meine Carriere war nun einmal nicht zu hindern , aber Sympathie habe ich in jenen Kreisen nie besessen . “ „ Eben deshalb sollten Sie vorsichtig sein . Es werden Versuche gemacht , Ihre Stellung zu erschüttern . Man spricht von Willkür , von Uebergriffen , und all Ihre Maßregeln werden in schärfster , oft in gehässigster Weise besprochen und kritisirt . Fürchten Sie nicht die gegen Sie gesponnenen Intriguen ? “ „ Nein , denn ich bin den maßgebenden Persönlichkeiten allzu nothwendig und werde dafür sorgen , daß diese Nothwendigkeit bestehen bleibt , trotz meiner ‚ Willkür ‘ und meiner ‚ Uebergriffe ‘ . Ich kenne am besten die Schwierigkeiten meiner hiesigen Stellung ; [ 161 ] sie finden so leicht keinen Zweiten , der dem ersten Posten in dieser Provinz und in diesem widerspenstigen , ewig oppositionslustigen R. gewachsen ist . Aber ich danke Ihnen trotzdem für die Warnung , die vollständig mit meinen eigenen Nachrichten übereinstimmt . “ „ Ich wollte Ihnen wenigstens einen Wink geben , “ sagte der Oberst abbrechend . „ Aber jetzt muß ich fort . Sie erwarten heute noch Besuch , wie ich höre . “ „ Meine Schwägerin , die Baronin Harder , und ihre Tochter , “ erklärte der Freiherr , seinen Gast bis zur Thür begleitend . „ Sie haben einen Theil des Sommers in der Schweiz zugebracht und wollen heute eintreffen . Ich erwarte sie jede Minute . “ „ Ich habe die Frau Baronin vor einigen Jahren in der Residenz kennen gelernt , “ warf der Officier flüchtig hin , „ und ich hoffe die Bekanntschaft bald zu erneuern . Darf ich bitten , der Dame vorläufig meine Empfehlung zu überbringen ? Auf Wiedersehen , Excellenz ! “ – Eine halbe Stunde später rollte ein Wagen in das Portal des Regierungsgebäudes , und Freiherr von Raven kam die große Haupttreppe herunter , um die erwarteten Gäste zu begrüßen . „ Mein lieber Schwager , wie glücklich bin ich , Sie endlich wieder zu sehen ! “ rief die im Wagen sitzende Dame , indem sie mit großer Lebhaftigkeit und Zärtlichkeit dem Herantretenden die Hand entgegenstreckte . „ Seien Sie mir willkommen , Mathilde ! “ sagte Raven mit seiner gewohnten kühlen Artigkeit , die auch nicht um einen Grad wärmer wurde , als er den Schlag öffnete und seiner Schwägerin beim Aussteigen behülflich war . „ Haben Sie eine gute Fahrt gehabt ? Es war heute etwas zu heiß für die Reise . “ „ O entsetzlich ! Die lange Fahrt hat mich völlig nervös gemacht . Wir beabsichtigten anfangs , einen Tag in E. auszuruhen , aber uns trieb die Sehnsucht , unsere theuren Verwandten so bald wie möglich zu begrüßen . “ Der „ theuere Verwandte “ nahm das Compliment sehr gleichgültig hin . „ Sie hätten immerhin in E. bleiben sollen , “ meinte er . „ Aber wo ist das Kind – Gabriele ? “ Die junge Dame , die soeben den Wagen verließ und , ohne eine Hülfe abzuwarten , leichtfüßig auf den Boden sprang , wurde bei dieser höchst beleidigenden Frage von einer hellen Zornröthe übergossen . Aber auch der Freiherr stutzte und heftete einen langen erstaunten Blick auf das „ Kind “ , das er drei volle Jahre nicht gesehen hatte , und dessen Anblick ihn jetzt sehr zu überraschen schien . Doch sein Erstaunen und Gabrielens Triumph darüber dauerte nicht lange . „ Ich freue mich , Dich zu sehen , Gabriele , “ sagte er ruhig , und sich niederbeugend ,