sie warf noch einen scheuen Blick zurück nach der Schlucht , aber es zuckte bereits schelmisch um ihre Lippen , als sie antwortete : „ Ich bin dem Währwolf begegnet , von dem es in den Märchen heißt , daß er in Menschengestalt umgehe ! Drüben stand ein Mann , so finster und unheimlich , er trug einen langen schwarzen Talar – “ „ Das wird einer von den Mönchen des Stiftes gewesen sein , “ meinte Bernhard gleichgültig . „ Die Herren Benedictiner pflegen zwar sonst nicht gerade die einsamen Waldgründe aufzusuchen , wenn sie sich außerhalb des Klosters amüsiren ! – Das Ordenskleid also hat Dich so erschreckt ? “ Lucie sah zu Boden und schüttelte den Kopf . „ Nicht das Kleid , “ sagte sie leise , „ der Blick war es . Er hatte so seltsame Augen , wahre Gespensteraugen ! “ Das Spottlächeln von vorhin erschien wieder auf dem Gesicht des Bruders . „ Dein Heroismus scheint nur den Gouvernanten gegenüber zu existiren ! Noch vor einer Viertelstunde prahlst Du damit , Dein ganzes Pensionat in Schach gehalten zu haben , und jetzt läufst Du vor einem Mönchsgewand und einem Paar Mönchsaugen davon . In der That , eine rechte Heldenseele , die ich da in meiner Schwester entdecke ! “ Lucie wollte auffahren und sich eifrig gegen den Vorwurf vertheidigen , aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen ; denn in diesem Augenblick traten sie aus dem Walde auf die Höhen hinaus , und eine prachtvolle Gebirgslandschaft rollte sich vor ihren Blicken auf . Rauschend schoß der Bergstrom durch ein weites offenes Thal , im hellsten Sonnenstrahl schimmerten Flecken , Dörfer und einzelne Gehöfte , theils am Strome , theils am Bergeshang zerstreut liegend , von nah und fern herüber , dazwischen leuchtete das sonnige Grün der Matten , die ringsum all die tiefer gelegenen Höhen umkränzten , und darüber hinaus strebten dunkle Tannenwälder höher und höher an den Bergwänden empor , bis zum Gipfel hinauf . Im Vordergrunde lag ein Schloß , eine malerische alte Bergveste , die gerade hinab zum Strom blickte , aber so kühn es sich auch auf seinem Felsen hob , und so trotzig die grauen Erker und Söller aus dem Tannengrün hervorschauten , es trat doch zurück vor dem mächtigen , schloßartigen Gebäude , das sich ihm gegenüber auf einer Anhöhe ausdehnte , von weiten Gärten umgeben , mit Mauern und Pfeilern , die wie für die Ewigkeit gegründet schienen , mit langen Fensterreihen und zwei prachtvollen Thürmen über dem Hauptportal . Die Sonnenstrahlen fielen mit vollster Kraft auf die leuchtend weißen Mauern ; vom hellsten Mittagsglanz umflossen lag die Benedictinerabtei stolz und mächtig da , weithin das Thal beherrschend , die Krone und der Mittelpunkt des ganzen herrlichen Landschaftsgemäldes , und über das alles hinaus hoben sich die riesigen Häupter des Gebirges , von blauem Duft umwoben , und ragten ernst und gewaltig hinein in die sonnige Welt . Lucie war überrascht stehen geblieben , nur ein lautes Ah der Bewunderung entfuhr ihren Lippen , dann blieb sie regungslos im Anschauen versunken , Bernhard beugte sich zu ihr nieder . „ Nun , Lucie , wirst Du hier Deine engen Residenzstraßen , Deine hohen Häuser und den ummauerten Pensionsgarten vermissen ? Ich denke nicht . “ Das junge Mädchen fuhr aus dem athemlosen Schauen auf bei dieser Anrede , sie schlang plötzlich ihre beide Arme um den Hals des Bruders und rief mit der ganzen stürmischen Freude eines Kindes : „ O , ich habe nicht gewußt , daß die Welt so schön ist ! “ Bernhard lächelte . „ Du hast freilich noch nichts davon gesehen , als nur unsere märkischen Haiden . Sieh dort hinüber , dort liegt Deine künftige Heimath , und jetzt laß uns eilen , daß wir sie endlich erreichen , es ist hohe Zeit ! “ Er hob sie in den bereits wartenden Wagen und nahm an ihrer Seite Platz , ein Druck mit dem Zügel , und die ungeduldigen Thiere griffen aus ; dahin rollten sie , dem Thale zu , hinein in die Berge . „ Ist Pater Benedict schon zurückgekehrt ? “ „ Noch nicht , Euer Gnaden ! “ „ Er soll sofort nach seiner Ankunft benachrichtigt werden , daß ich ihn zu sehen wünsche , und daß der Herr Graf Rhaneck ihn hier erwartet . “ Der Kammerdiener schloß die Thüren und entfernte sich , den soeben erhaltenen Befehl auszuführen ; die beiden Herren , welche sich im Arbeitszimmer des Prälaten befanden , blieben mit einander allein . Es war ein großes , mit fürstlicher Pracht eingerichtetes Gemach . Die schweren purpurrothen Seidenvorhänge des hohen Bogenfensters wehrten , zur Hälfte herabgelassen , den glühenden Strahlen der Mittagssonne den Eingang . An einem Tisch , der mit kostbarem Schreibgeräth , mit Briefschaften und Papieren aller Art bedeckt war , saß der Prälat im reichvergoldeten , mit dunklem Sammet überzogenen Lehnstuhl , während Graf Rhaneck von seinem Sitze ihm gegenüber aufgestanden war , und mit raschen , etwas ungeduldigen Schritten das Zimmer durchmaß . Es war nicht schwer , in den Beiden gleich beim erstens Blick zwei Brüder zu erkennen , die Aehnlichkeit zwischen ihnen trat deutlich genug hervor : dieselbe hohe , imponirende Gestalt , dieselben großen blauen Augen , derselbe Schnitt des Gesichtes , mit dem gleichen Ausdruck eines unnahbaren Stolzes . Es waren offenbar Familienzüge , die Züge eines edlen , kräftigen Geschlechts , die sich in diesen regelmäßigen Linien wiederholten , und vielleicht war sie auch unter den Rhanecks erblich , jene eigenthümliche Linie auf der Stirn , gerade zwischen den Augen , die , in ruhigen Momenten kaum sichtbar , sich bei jeder Erregung zu einer drohenden Falte vertiefte , ein Zug von Härte , ja von Grausamkeit , der , wenn er erst einmal hervortrat , das Antlitz fast entstellte und ihm einen ganz anderen Charakter lieh . Aber trotz aller Aehnlichkeit waren die Brüder doch verschieden genug von einander