genannte Herr schien das für ein Kompliment zu nehmen , denn er lächelte versöhnt . » Ich widme allerdings seit zwanzig Jahren meine besten Kräfte dem Wohle unserer Stadt , und ich kann wohl sagen , daß sie unter meiner Leitung einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen hat . Ich versichere Ihnen , daß sich Siegbert sehr wohl dort befindet , und es fehlt ihm auch keineswegs an der nötigen Anerkennung . In unserem » Tagesboten « wird jedes seiner Bilder mit Bewunderung , ja mit Begeisterung besprochen . « » Das ist allerdings eine schwerwiegende Anerkennung . Der » Tagesbote « ist vermutlich das Hauptorgan von Wiesenheim ? « » Unser einziges Organ , aber ein ganz vorzügliches Blatt , besonders seit den letzten Monaten , wo es unter der Leitung eines neuen Redakteurs steht , eines jungen Dichters , der ein Genie ersten Ranges ist und dereinst den Heroen unserer Dichtkunst beigezählt werden wird . Das hat er uns nämlich gleich in dem ersten Artikel , den er schrieb , in überzeugender Weise auseinandergesetzt , und wir glauben es auch alle . Er zählt zu den Freunden meines Hauses und ißt alle Sonntage bei mir zu Mittag . « » Sie sind ja ein wahrer Kunstmäzen ! « spottete Bertold . » Den Maler erziehen Sie zu einer Stadtberühmtheit und dem Dichter geben Sie jeden Sonntag ein Mittagessen – eine Art Medizäer von Wiesenheim ! « Der Bürgermeister schien diesen Vergleich nur ganz in der Ordnung zu finden , denn er nickte beifällig . » Ich halte es für die Pflicht eines jeden , der mit Glücksgütern gesegnet ist , die Kunst und die Künstler zu unterstützen . Ich habe das von jeher getan , und was Siegbert betrifft , so dankt er gerade der Ruhe und Sammlung seines jetzigen Lebens die ideale Richtung , die ihm draußen im Treiben der großen Welt verloren gegangen wäre . Ja , Herr Professor , die Gemütlichkeit , der häusliche Herd , das Familienleben , das sind die wahren Musen des deutschen Künstlers ! « Er war augenscheinlich im Begriff , sich noch des weiteren und ausführlicheren über Ideale und Musen zu verbreiten , aber die Geduld des Professors war jetzt zu Ende , das lang verhaltene Gewitter kam endlich zum Ausbruch . » Sagen Sie es doch lieber gerade heraus , daß Sie dem armen Jungen die Freiheit nicht gönnten ! « fuhr er auf , » daß Sie ihn nicht aus den Händen lassen wollten , weil Sie Furcht hatten , Ihr Genie , das Sie eigens aufgezogen haben , um Staat damit zu machen , könne Ihnen verloren gehen , sobald es Leben und Freiheit gekostet . Sie wußten so gut wie ich , daß , wenn Siegbert erst einmal Ihren Wiesenheimer Musen mit der idealen Richtung den Rücken kehrte , er auch nicht wieder kam . Darum widersetzten Sie sich der Reise nach Italien , darum riefen Sie ihn aus der Residenz zurück . Sie wollten ihn zeitlebens am Gängelbande haben , zeitlebens hinter dem Ofen festhalten ; was dabei aus ihm und seiner Kunst wurde , das kümmerte Sie nicht . « Der Bürgermeister wurde dunkelrot vor Ärger und vielleicht auch vor Verlegenheit , als man ihm die Wahrheit so rücksichtslos in das Gesicht sagte . Er protestierte in sittlicher Entrüstung und erhob seine Stimme zu den höchsten Fisteltönen : » Herr Professor , Sie verkennen mich in der schmählichsten Weise . Ich habe meinen Pflegesohn aus Armut und Niedrigkeit emporgezogen , ich habe ihm die Mittel zum Studium gegeben . Ohne mich wäre er mit seinem Talente untergegangen – « » Durch Sie ist er untergegangen ! « schrie der Professor in seinem kräftigen Baß . » Freilich , es ist die Schuld des Jungen , er hat sich geduldig die Flügel binden lassen , bis er das Fliegen überhaupt verlernte . Die Energie , das Durchgreifen hat ihm von jeher gefehlt . Wäre ich an seiner Stelle gewesen , ich hätte die sogenannte Dankbarkeit zum Kuckuk gejagt , ich hätte Ihre ganze Wiesenheimer Gemütlichkeit mit oder ohne Musen über den Haufen geworfen und wäre nach Rom gegangen ! « Er warf dem armen Bürgermeister , der wie erstarrt vor dieser Grobheit stand , noch einen wütenden Blick zu , kehrte ihm dann den Rücken und stürmte davon . Eggert sah ihm aufs höchste betroffen nach , es dauerte einige Minuten , ehe er die Sprache zurückgewann , dann schüttelte er den Kopf und sagte halblaut : » Ein sehr exzentrischer Mensch , dieser Professor Bertold ! Freilich , er gilt überall für ein Original , und bei seiner großen Berühmtheit muß man ihm die Originalität hingehen lassen , aber sie kann doch bisweilen recht unangenehm werden . « Fünftes Kapitel . Der Professor ging indessen im Sturmschritt vorwärts , ohne im mindesten auf die gerühmten Schönheiten des Weges zu achten . Er sah weder rechts noch links , und so bemerkte er denn auch seinen ehemaligen Schüler nicht , der nur wenige Schritte seitwärts vom Wege im Moose lag . Siegbert hatte auch heute die unvermeidliche Begleitung und Kontrolle des Pflegevaters erdulden müssen , aber wenigstens die Erlaubnis erhalten , noch eine Stunde im Walde bleiben zu dürfen , um eine Baumgruppe zu zeichnen . Er zeichnete indessen nicht , sondern blickte träumend zu den Baumwipfeln empor , als der wuchtige Tritt Bertolds die Stille unterbrach . Der junge Mann sah auf und sprang dann jäh in die Höhe ; er schien im ersten Augenblick ganz verwirrt und fassungslos , und es vergingen einige Sekunden , ehe er sich zu einem scheuen , verlegenen Gruße aufraffte . Auch der Professor stutzte bei diesem unerwarteten Zusammentreffen , aber sein Gesicht wurde nur noch ingrimmiger . Er neigte kaum merklich den Kopf und wollte ohne ein Wort vorübergehen . Doch der kurze , scharfe Blick , mit dem er das Antlitz Siegberts streifte , mochte ihm wohl dessen tiefe , krankhafte Blässe gezeigt haben . Er blieb