sie das Haus und den Garten ihrer Mutter fast nicht mehr verlassen haben ; auf dem Deiche und am Strande ist seit jenem Tage eine gewisse sehr jugendliche kühne Schwimmerin nicht wieder gesehen worden . Geredet wird viel darüber . Einige meinen , sie sei schon in der Wiege irgendeinem in unbekannter Abwesenheit lebenden Vetter verlobt worden , der weder das Tanzen noch das Schwimmen leiden könne , und der nun plötzlich seine Rechte geltend mache ; andere sagen einfach , sie sei – verliebt . Nur für mich liegt alles in deutlicher Folge wie unter einem durchsichtigen Schleier . Nein , nein ; fürchte nicht , daß ich den Namen nenne ! Ich kenne Dich ja . Der grelle Tag soll die Dämmerung Deiner Phantasie mit keinem Strahl durchbrechen ; Deine leiblichen Augen sollen sie nie gesehen haben ! So seid ihr beide sicher , Du in Deinem Künstlertum und sie in ihrer heiligen Jungfräulichkeit , die Du mir übrigens – o rätselhafter Widerspruch des Menschenherzens ! – mit fast eigennützigem Eifer zu behüten scheinst . « – – Er las nicht weiter ; er hatte den Brief aus der Hand fallen lassen und stand jetzt , die Hände auf dem Rücken , vor dem düsteren Bilde seiner nordischen Walküre . Aber sie war ihm in diesem Augenblicke nichts als nur der Hintergrund , auf dem vor seinem inneren Auge ein anderes , lichtes Bild sich abhob . Langsam wandte er sich ab und trat ans Fenster . Das Haus lag in einer der Vorstädte , welche die nordische Hauptstadt umgürten , und gewährte noch den freien Ausblick über Hecken und Felder , bis zum fernen Rand des Himmels , der jetzt ganz von leuchtendem Morgenrot überflutet war . Ein Schimmer des rosigen Lichtes lag auf dem Antlitze des jungen Künstlers selbst , der regungslos hinausschaute , als sähe er dort fern am Horizonte , was sich in seinem Inneren leis empordrängte und mehr und mehr Gestalt gewann . – – › Arme Psyche ! ‹ sprach er bei sich selber ; › armer gaukelnder Schmetterling ! Von der blumigen Wiese , die deine Heimat war , hattest du dich aufs fremde Meer hinausgewagt . – – – Nein Franz ! ‹ – und es war , als ob er tiefer ins Morgenrot hineinschaute – › betrüge dich nicht selbst ; du täuschest es doch nicht mehr hinweg ! – Psyche , die knospende Mädchenrose , das schlummernde Geheimnis aller Schönheit , sie war es selbst . – – Wie gierig die Wellen nach ihr leckten ! Wie sie mit den zarten Libellenflügeln spielten ! – – War ich ' s denn wirklich , der auf diesen Armen sie emportrug ? ‹ – Er war ins Zimmer zurückgetreten ; unwillkürlich hatten seine Hände einen auf der Modellierscheibe liegenden Klumpen weichen Tons ergriffen ; dann bald auch eins der Modellierhölzchen , die dicht daneben lagen . – › Wie erzählt nur Apulejus das anmutige Märchen ? – Psyche , das arme leichtgläubige Königskind , hatte den neidischen Schwestern ihr Ohr geliehen : ein Ungeheuer sei der Geliebte , der nur in purpurner Nacht bei ihr verweilen wolle . Nach dem Rate der Argen , mit brennender Lampe und mit scharfem Stahl bewehrt , war sie an das Lager des Schlafenden getreten und erkannte , bebend vor Entzücken , den schönsten aller Götter . Aber die Lampe schwankte in der kleinen Hand , ein Tropfen heißen Öls erweckte den Schlafenden , und zürnend entriß der Gott sich ihren schwachen Armen und hob sich in die Luft . Aus dem Wipfel einer Zypresse schalt er die törichte Geliebte ; dann breitete er aufs neue die Schwingen aus und flog zu unsichtbaren Höhen . – – – O süße Psyche ! Als im leeren Luftraum dein Auge ihn verlor , da hörtest du die Wellen des nahen Stromes rauschen ; da sprangst du auf und stürztest dich hinein ; dein zartes Leben sollte untergehen in den kalten Wassern ! Doch der Gott des Stromes , fürchtend den mächtigeren Gott , der selbst das Meer erglühen macht , trug dich auf seinen Armen sanft empor und legte dich auf die blühenden Kräuter seines Ufers . – – Nahmen nicht oft die Götter die Gestalt der Menschen an ? – Vielleicht nahm er die meine , und mir träumte nur , ich sei es selbst gewesen . O süße Psyche , ich hätte dich an keinen Gott zurückgegeben ! ‹ Nur in seinem Innern , unhörbar hatte er alle diese Worte gesprochen . – Draußen am Himmel war das Morgenrot verschwunden , und dem schönen Aufgang war ein grauer Tag gefolgt . Der Flöte spielende Faun , wie alles andere , stand jetzt im kalten Schein des Winterhimmels ; nur auf dem Antlitz des Künstlers selber schien noch ein Abglanz des jungen Lichts zurückgeblieben . Aber aus dem bunten Szenenwechsel , der vor seinem inneren Auge vorbeigezogen war , sah ihn stumm und rührend , wie um Gestaltung flehend , das eine Bild nur an . – Und seine Hände hatten nicht gerastet ; schon war aus dem ungestalten Tonklumpen ein zarter Mädchenkopf erkennbar , schon sah man die geschlossenen Augen und die Wölbung des kleinen , leicht geöffneten Mundes . Die Mittagshelle des Wintertages war heraufgezogen ; da klopfte es von draußen mit leisem Finger an die Tür . – Er merkte es nicht ; Ohr und Auge waren versunken in die eigene Schöpfung , die er aus dem Chaos an das Licht emportrug . – Da klopfte es noch einmal ; dann aber wurde die Tür geöffnet . Eine alte Frau war eingetreten . » Aber Franz , willst du denn gar kein Frühstück ? « » Mutter , du ! « – Er war aufgesprungen und hatte hastig ein neben ihm liegendes Tuch über das junge Werk geworfen . » Soll ich ' s nicht sehen , Franz ? Hast du ein neues Werk begonnen ? Du bist ja sonst nicht so