saß auch Tante Ursula schon strickend in ihrer Fensternische , und nebenan in seinem Zimmer sah ich durch die offene Tür meinen Vater über seine Korrespondenzen und Zeitungen gebückt . So war denn alles noch beim alten ; nur eine Vermehrung unserer Hausgenossenschaft stand bevor , da noch am selbigen Abend ein junger Mann erwartet wurde , der von meinem Vater auf die Empfehlung eines Gymnasialdirektors als Lehrer für den kleinen Kuno engagiert war . Er hatte Philologie und Geschichte studiert und sich nach einem längern Aufenthalt in Italien dem akademischen Lehrfach widmen wollen , war aber durch äußere Umstände zu einer vorläufigen Annahme dieser Privatstellung genötigt worden . Außer seinen sonstigen Kenntnissen sollte er , was besonders mich interessieren mußte , ein durchgebildeter Klavierspieler sein . Ich sah ihn zuerst am folgenden Tage , da er unten an der Mittagstafel neben seinem Zögling saß . Das blasse Gesicht mit den raschblickenden Augen kam mir bekannt vor ; aber ich sann umsonst über eine Ähnlichkeit nach . Während er die Fragen meines Vaters über seinen Aufenthalt in der Fremde beantwortete , strich er mitunter mit einer leichten Kopfbewegung das schlichte braune Haar an der Schläfe zurück , als wolle er dadurch ein tiefes inneres Sinnen mit Gewalt zurückdrängen . Nach Beendigung des Mittagessens brachte mein Vater das Gespräch auf Musik und bat ihn , bisweilen meinem Gesange mit seinem Akkompagnement zu Hülfe zu kommen . Obgleich aber dies mit Bereitwilligkeit zugesagt wurde , so verflossen doch einige Wochen , ohne daß ich mich dieser Abrede erinnert hatte ; überhaupt bekümmerte ich mich um den neuen Hausgenossen nicht weiter , als daß ich ihn zu Mittag und bei dem gemeinschaftlichen Abendtee in der herkömmlichen Weise begrüßte . Eines Nachmittags aber war mit einer jungen Dame aus der Stadt , mit der ich zuweilen zu singen pflegte , eine Sendung neuer Musikalien angelangt . Wir hatten ein Duett von Schumann hervorgesucht ; aber die eigensinnige Begleitung ging über unsere Kräfte . » Wir wollen den Lehrer bitten « , sagte ich und schickte den Diener nach dessen Zimmer . Er kam nach einer Weile zurück » Herr Arnold könne augenblicklich nicht , werde aber so bald wie möglich die Ehre haben . « So mußten wir denn warten ; ich sah nach der Uhr , eine Minute nach der andern verging , es war schon über eine Viertelstunde . Wir hatten uns eben wieder selbst darangemacht , da ging die Tür , und Arnold trat herein . » Ich bedauere , meine Damen ; die Stunde des Kleinen war noch nicht zu Ende . « Ich erwiderte hierauf nichts . – » Wollen Sie die Güte haben ! « sagte ich und zeigte auf das aufgeschlagene Notenblatt . Er trat einen Schritt zurück . » Darf ich bitten , mich der Dame vorzustellen ? « » Herr Arnold ! « sagte ich leichthin und ohne aufzublicken ; ich nannte den Namen des jungen Mädchens nicht , ich wollte es nicht . Er sah mich an . Ein überlegenes Lächeln glitt über sein Gesicht , und die leicht aufgeworfenen Lippen zuckten unmerklich . » Fangen wir an ! « sagte er dann , indem er sich auf das Taburett setzte und mit Sicherheit die einleitenden Takte anschlug . Dann setzten wir ein ; nicht eben geschickt , ich vielleicht am wenigsten ; nur die Sicherheit des Klavierspielers hielt uns . Als wir aber bis auf die Mitte des Stückes gekommen waren , hielt er inne . » Ancora ! « rief er , indem er mit der flachen Hand die Noten bedeckte ; » aber jede Stimme einzeln ! – Sie , mein Fräulein – ich darf mir vielleicht Ihren Namen erbitten ! « Die junge Dame nannte ihn . » Wollen Sie den Anfang machen ! « – Und nun begann , bald auch mit mir , eine strenge Übung ; unerbittlich wurde jeder Einsatz und jede Figur wiederholt , wir sangen mit heißen Gesichtern ; es war , als seien wir plötzlich in der Gewalt unseres jungen Meisters . Mitunter fiel er selbst mit seiner milden Baritonstimme ein ; und allmählich trat das Musikstück in seinen einzelnen Teilen immer klarer hervor , bis wir es endlich unaufgehalten bis zu Ende sangen . Als er sich lächelnd zu uns wandte , stand mein Vater hinter ihm , der unvermerkt herangetreten war . Das etwas abgespannte Gesicht des alten Herrn , der für Musik kein besonderes Interesse hatte , nahm sich zu der herkömmlichen Freundlichkeit zusammen . » Bravo , mein lieber Herr Arnold « , sagte er , indem er den jungen Mann auf die Schulter klopfte , » Sie haben den Damen heiß gemacht ; aber Sie sollten uns auch nun selbst noch etwas singen ! « Arnold , der noch die eine Hand auf den Tasten hatte , setzte sich wieder und begann eines jener italienischen Volkslieder , in denen die Klage um den Glanz der alten Zeit wie ein ruheloser Geist umgeht . Mein Vater blieb noch einige Augenblicke stehen ; dann wandte er sich ab und ging , die Hände auf dem Rücken , im Zimmer auf und ab . Seine Gedanken waren längst bei andern Dingen , vielleicht bei dem Bildnis des Königs , das er durch Vermittlung eines einflußreichen Freundes als Geschenk der Majestät zu empfangen Hoffnung hatte . Statt seiner war der kleine Kuno mit seiner Krücke ans Klavier geschlichen und lehnte sich schweigend an seinen Lehrer . Dieser legte unter dem Spielen den Arm um ihn und sang so das Lied zu Ende . – » Hörst du das gern , mein Junge ? « fragte er , und als der Knabe nickte und mit zärtlichen Augen zu ihm aufsah , nahm er ihn auf den Schoß und sang halblaut , als solle es dem Kleinen ganz allein gehören , das liebe deutsche Lied : » So viel Stern ' am Himmel stehen ! « Aber , ob mit oder ohne Willen , auch