durch seine runden Brillengläser angesehen , › daß Peter Liekdoorn bei seinen Lebzeiten mit diesem Daumen allzuviele Hühneraugen hätte operieren können ! ‹ Weiteres war aus ihm nicht herauszubringen gewesen ; aber übermorgen sollte mein Vater wieder zum Bürgermeister kommen . Der Finger war in den mit Spiritus gefüllten Glashafen getan und dieser , nachdem man ihn mit dem Gerichtspetschaft versiegelt hatte , in dem großen Aktenschrank verschlossen worden . – – Nun , es wurde denn auch übermorgen ; – langsam genug . – Um elf Uhr vormittags ging mein Vater aus dem Hause . Während meine Mutter und ich uns durch Putzen und Scheuern die Angst von der Seele wegzuarbeiten suchten , kam unsere alte Krautfrau zu uns in die Küche und erzählte , Peter Liekdoorn habe heute nacht in der Bürgermeisterei ans Fenster geklopft ; denn er habe seinen Daumen wiederhaben wollen , der jetzt dort in dem großen Schrank verschlossen liege . › Letzten Sonntag ‹ , sagte sie , › haben die Diebe ihn über die Türschwelle dem Bürgermeister in das Haus geschoben , weil sie vor dem Gespenste keine Nacht mehr Ruhe hatten ; aber heut vormittag ist groß Verhör , und dann kommt alles an den Tag ; und hernach mögen alle Reu und Leid geben , die so ihre bösen Mäuler über unsern Herrn Ohrtmann haben laufen lassen ! Gott soll mich bewahren , daß ich an so was nur gedacht hätte ! ‹ Ich seh das alte dumme Weib noch vor mir « , sagte unsere treffliche Wirtin , » wie sie das alles wie Kraut und Rüben durcheinanderwelschte ; Gott weiß , wo sie es sich aufgesammelt hatte ! Wir freuten uns nur , da sie endlich fort war und wir wieder , wie am Sonntag , hangend und bangend allein beieinander in der Stube saßen . Da endlich hörten wir die Haustür gewaltsam aufreißen . › Das ist Christian ! ‹ sagte meine Mutter . › Was wird der wieder zu erzählen haben ! ‹ Aber es war unser Vater , dem freilich Christian mit seiner Rechentafel auf dem Fuße folgte . › Nun ‹ , rief meine Mutter , › haben sie gestanden ? Sind die Diebe festgenommen ? ‹ Aber er schüttelte den Kopf und schwenkte , ganz außer Atem , ein beschriebenes Papier in seiner Hand . › Mutter ! Kinder ! ‹ rief er endlich , › es ist lauter Dunst gewesen ; nun wird alles wieder gut ! Aber dem alten Hennings , dem Mann hätt ich die Füße küssen mögen ! Und das , das hier – das kommt ins Wochenblatt ! ‹ Seine Augen glänzten , seine Stimme bebte ; uns war , als ob er alles durcheinanderspräche . Aber dann gab er mir das Blatt und sagte : › Lies , Nane ; aber laut und deutlich ! Siehst du , des Bürgermeisters Name steht darunter , und das Siegel ist auch dabeigedrückt ! ‹ Und dann las ich , und noch heute weiß ich jedes Wort ; denn uns allen war , als ob eine Himmelsbotschaft in unser dunkles Haus gekommen wäre . › Wenn ‹ – so stand da – › einer unserer geachtetsten Mitbürger , der Brauer Josias Christian Ohrtmann , durch unbedachte Zungen in Verdacht geraten , als ob der von dem Körper des hieselbst hingerichteten armen Sünders abhanden gekommene Finger sich in seinem Biere vorgefunden , so wird zur Steuer der Wahrheit , und um unverdienten Schaden von einem ehrenwerten Manne abzuwenden , hiedurch bekanntgegeben , daß nach sorgsamer , durch den hiesigen Herrn Apotheker Hennings unter Zuziehung der Behörde vorgenommener Untersuchung der Verdacht erregende Gegenstand sich lediglich als eine verhärtete Gest-oder Hefemasse herausgestellet , welche durch besondere Zufälligkeiten die Form eines menschlichen Daumens angenommen hatte . ‹ So lautete der Inhalt Wort für Wort « , sagte die Erzählerin ; » wer sollte so was auch vergessen können ! Mein Vater aber hatte plötzlich seine Hände vor der Brust gefaltet . › Mutter ! Kinder ! ‹ sagte er ruhig , › Gott ist barmherzig und ein Gott der Liebe ! Er prüfet wohl ; doch er verlasset keinen , der in seiner Schwachheit gerecht vor ihm zu wandeln trachtet ! ‹ Und dann betete er laut ; ich habe niemals ein so heißes Dankgebet aus eines Menschen Munde gehört . Meine vierzehnjährige Schwester war auf die Knie gesunken und sprach ebenso laut die Worte nach , die über seine Lippen strömten . Auf unsern Christian aber hatte die Freudenbotschaft auch noch eine andere Wirkung . Als wir noch alle schweigend um unseren Vater standen , bemerkte ich auf einmal , daß er wiederholt mit der doppelten Faust als wie zur Übung in die leere Luft hineinschlug . › Christian ! Christian ! ‹ rief unsere Mutter , › was treibst du da für Faxen ? ‹ Christian tat erst noch einen Lufthieb und schaute dabei sehr fröhlich aus seinem heut ganz braun und blauen Angesicht . › Verdamm mich , Mutter ! ‹ sagte er , denn er fluchte wirklich mitunter ganz gotteslästerlich ; › verdamm mich , Mutter ! Nun sollen die Jungens aber Prügel haben ! ‹ › Pfui , schäm dich ! ‹ rief sie . › In solchem Augenblick an so was nur zu denken ! ‹ Er ließ zwar etwas beschämt den Kopf hängen , dann aber murmelte er : › Ja , Mutter , verdamm mich ! Sie sollen es aber doch ! ‹ Und geschwind tat er noch einmal einen Fausthieb durch die Luft . Mein Vater , der dergleichen sonst nicht leiden konnte , strich heute seinem hitzköpfigen Knaben nur lächelnd übers Gesicht ; er war zu glücklich , um jetzt ein tadelndes Wort zu sprechen . › Hole mir lieber unsern Lorenz , Christian ‹ , sagte er , › damit wir auch ihm den Stein von seinem Herzen nehmen ! ‹ Und dann wurde Lorenz geholt ; und ich las noch einmal . Als