. « Als er so redete , ist von dem Hause her eine ältliche Frau zu ihnen getreten , deren Antlitz von verwundenem Leide zeugte und auch davon , daß sie fremdem Willen sich zu beugen hatte lernen müssen . Eine Weile ließ sie ihre Augen auf dem Knaben ruhen ; dann sprach sie » Siehst du es denn nicht , Heilwig ? Das ist der Junker Detlev ! Ich kenne ihn nach seiner Mutter Angesicht ; und alle Armen und Bedrückten werden ihn auch daran erkennen . « Sie hatte dem Knaben ihre Hand gereicht , Heilwig aber sah ihn groß aus ihren blauen Augen an . » O Junker Detlev « , rief sie , » du siehst ganz anders aus als deine Brüder ! « » Ich kenne meine Brüder nicht « , sagte der Junker ; » ich kenne euch hier alle nicht ! Wenn meine gute Base nur noch lebte , so wäre ich erst gekommen , wenn ich mündig war ; der Herzog hat mir auch versprochen , daß ich auf seiner neuen Universität studieren soll ! « » Aber « , sagte die Förstersfrau , » hat denn Herr Hennicke Euch kein Roß zum Reiten in die Stadt geschickt ? « » Ich gehe lieber « , entgegnete er kurz , » als daß ich auf Frau Benediktes Pferden reite ! « – » Und wißt Ihr denn auch , daß Ihr an der jetzigen Wohnung Eures Vaters vorbeigewandert seid ? « Der Knabe nickte . » Das weiß ich wohl ; ich will erst meiner Mutter Bildnis sehen , bevor ich nach dem fremden Hause komme ! « » Mit Gott , Junker Detlev ! « sprach die Alte , indem sie einen Schlüssel von ihrem Gürtel löste ; » Heilwig mag Euch die Sommerstube aufschließen , indessen ich Euch einen Imbiß unter Eurer Mutter Dach besorge ! « Das war der Junker wohl zufrieden ; und während dann die Alte in der düsteren Küche zu hantieren anfing , stiegen die Kinder miteinander in das Oberhaus hinauf . – – Als spät mit Dunkelwerden der Junker Detlev auf Frau Benediktes Hof kam , haben die beiden Füchse schon am Tor auf ihn gelauert und ihn mit Lärmen in das Haus gezogen ; er sollte ihnen gegen den dummen Informator beistehen und ihnen den Kuckuck aus dem Neste schmeißen helfen ! Frau Benedikte , da er bei seiner Abendschüssel gesessen , hat das feine Tuch seines Wamses mit ihren mageren Fingern ausgeprüft und ihm gesagt , das passe hier nicht auf dem Lande ; auch werde sie schon morgen ihm die blonden Locken stutzen . Herr Hennicke aber ist auswärts bei einem Nachbar zum Gelag gewesen . Gleichwie indes der Junker Detlev sich Frau Benediktes Schere zu erwehren verstand , so wurden auch die Hoffnungen der beiden Füchse nicht erfüllt . Sie wußten freilich nicht , daß Detlev mit dem » Kuckuck « vor seiner Mutter Bild gestanden hatte , und konnten deshalb nicht begreifen , warum er nicht ihre Kameradschaft der des dummen Mädchens vorzog , ja gleich dieser und zu des verhaßten Informators Freude emsig bei den Büchern saß . Herr Hennicke selber ist seinem ältesten Sohne meistens aus dem Weg gegangen und hat weder in Schimpf noch Ernst zu ihm geredet . Nur wenn der Junker sich bisweilen seines mütterlichen Erbes annahm , sei es , daß er für einen armen Hörigen Fürspruch tat oder daß er den sichtlichen Verfall des alten Hauses aufzuhalten wünschte , dann hat Herr Hennicke ihn drohend angeschaut und ihn mit hartem Wort zurückgewiesen ; doch noch niemals , was die beiden Füchse sich mit Neid erzählten , hatte er eine Hand zum Schlage gegen ihn erhoben . Auf dem Eekenhofe ist der Junker oft gesehen worden . An Winterabenden saßen er und Heilwig vor dem Ofenfeuer , und die spinnende Förstersfrau erzählte ihnen die Geschichten von den Bildern droben , soweit sie selber davon wußte . Im Sommer , zumal wenn draußen gar zu dumpfe Schwüle lagerte , gingen sie auch wohl nach dem kühlen Saal hinauf . Als einst die Schritte des Knaben gar zu hallend in dem stillen Raume tönten , legte Heilwig die Hand auf seinen Arm : » Du ! du mußt leise gehen ! « – » Leise ? Warum denn leise ? « » Ja , deine Mutter ist doch tot ; und auch die andern , die hier abgebildet sind ! « Da tat er , wie sie sagte ; und flüsternd gingen sie von einem Bild zum andern , bis vor dem Bilde von Detlevs Mutter ihr Gespräch verstummte . An andern Tagen strichen sie miteinander durch den nahen Wald , und wenn der Durst sie überfiel , liefen sie zu einem Kätner , dessen kleines Heimwesen dicht am Waldesrand gelegen war . » Forthmann « , sagte dann wohl der Knabe , wenn er das Krüglein Milch aus dessen Hand an Heilwig reichte , » warte nur , du sollst zu deiner einen Kuh noch einmal zwei dazubekommen ! « Und der arme Hörige antwortete : » Ja , ja , Herr Junker , Euer Großvater ist auch ein guter Mann gewesen . « Mitunter redeten die Kinder gar ernsthaft miteinander ; und einmal , da sie in einsamer Waldlichtung im Grase beisammensaßen , sagte Detlev : » Erzähl mir doch einmal von deinem Vater , Heilwig ! Ist er denn niemals hier gewesen ? « Heilwig schüttelte den Kopf . » Ich weiß nicht « , sagte sie , » Großmutter spricht nicht gern von ihm ; ich glaube , Detlev , er ist kein guter Mann gewesen ; denn er hat meine Mutter verlassen , bevor ich noch geboren wurde , und sie ist dann darum gestorben . « Der Knabe wurde nachdenklich ; dann aber ergriff er die kleine Hand des Mädchens und flüsterte ihr zu : » Sag es zu keinem Menschen , Heilwig , auch nicht zum Informator ; aber