mir oft gesagt , wie er , ein junger Geselle , durch die Straßen der Stadt hinter der fahrenden Sarazenin hergelaufen sei . Denn diese habe jeden Vorübergehenden angehalten und ihn gefragt : › Gilbert ? ‹ Dadurch sei sie stadtkundig geworden , so daß ihr am Ende viel Volk nachgezogen , um mit ihr › Gilbert ! ‹ zu rufen . Die einen aus Mitleid mit dem schönen ausgehungerten Frauenbilde , das vor Kümmernis jede Speise zurück wies , die andern der Törin spottend , die einen Gilbert aus Tausenden in London , wo der Name gemein ist , herausfinden wollte . Endlich sei der wahre Gilbert an sein Fenster und vor seine Schwelle getreten , habe die Heidin bei der Hand ergriffen und an seinen Herd geführt . Wann aber der Meister so erzählte , ermangelte er nie anzufügen : › Fahrende Heidinnen , Hans , bringen uns Christen nichts Gutes . Wäre doch das Wüstenkind in seinem Zelte geblieben , statt : nach unserm Engelland zu schwimmen und uns hier den Kanzler auf die Welt zu setzen , den Verräter an seinem Volke ! ‹ Der Kanzler , der weltberühmte Kanzler von Engelland , die Wonne und Weisheit des Königs , die Bewunderung und der Neid der Normannen , der Haß und geheime Schrecken der Sachsen , war damals in aller Munde . Sein rasch aufleuchtender Stern , die wie aus einem unerschöpflichen Füllhorn über ihn ausgeschütteten Gnaden und Würden , seine Türme , Burgen , Abteien , seine Zaubergärten und unbegrenzten Wälder , sein Gefolge von hundert und dann von tausend Rittern , die goldenen Geschirre seiner Rosse und Mäuler , die üppigen Tafeln seiner Feste und die unabsehbaren Reihen der Geladenen , seine köstlichen Gewande und blitzenden Steine – das alles gab den Leuten von London zu wundern und zu reden von Morgen bis Abend . In der Werkstätte konnte ich mir während der Arbeit die Ohren nicht verhalten und so klangen sie mir unablässig von dem Sohne des Sachsen und der Sarazenin . Daß ihm seine Landsleute alle schwarzen Frevel nachredeten , setzte mich nicht in Erstaunen und lag in den Staatsverhältnissen , da der Kanzler der einzige Sachse war , der im Sonnenlichte der königlichen Gnade wandelte . Aber denkwürdig bleibt es immerhin , daß die Väter an demselben Manne keine gute Faser fanden , den die Söhne jetzt auf den Knieen anrufen . Ein schlechter Sohn sei er gewesen , der den Geruch der väterlichen Ölfässer und Warenballen verabscheut habe . In den Dienst eines schwelgerischen normännischen Bischofs sei der Jüngling zuerst getreten , dort habe er französisch lispeln gelernt und kein ehrliches sächsisches Wort sei mehr über seine Lippen gekommen . Um seinen von Vaterseite sächsischen Ursprung zu verwischen , habe er von den Händen dieses Normannen , als ein Leichtfertiger , die ersten Weihen empfangen . Dann , reich geworden durch den Tod des Vaters , sei er über Meer gefahren , habe in Calais seine treuen sächsischen Diener verabschiedet , welsches Gesinde gedungen , köstliche Gewande gekauft und sich als Ritter aufgetan . Durch Aquitanien und Spanien sei er an die maurischen Höfe gezogen , von seinem mütterlichen heidnischen Blute getrieben , und beim Könige von Cordova in die höchste Gunst gekommen . Dort habe er mit Weisen aus dem Morgenlande Sterndeutung und geheime Wissenschaft getrieben , worin er seine Meister bald übertroffen , so daß es ihm nach seiner Heimkehr habe glücken können , König Heinrich durch höllische Sympathie unvergänglich an sich zu ketten . Herr , darin war das Goldkorn der Wahrheit schwer zu finden . Um so mehr wuchs meine Begierde , diese lebendige Fabel mit Augen zu schauen ; aber lange mußt ich mich gedulden , denn Thomas Becket weilte damals mit dem Könige jenseits des Meerarmes in Aquitanien , das , wie Ihr wißt , zu dem Weibergute seiner Königin gehörte . Endlich kam der Tag . Ich schnitzte in der Werkstatt an einem Bolzen . Da fängt es an , auf der Straße unruhig zu werden , zu treiben und zu summen . Meine Gesellen verlassen ihr Zeug , steigen auf Schemel und Bänke und drücken die Köpfe in die Fenster . Pauken und Zimbeln schmettern . Hinter den berittenen Spielleuten folgte ein Herold mit den drei Pardeln auf der Brust und bereitete den Weg dem Sohne der Heidin Grazia . Ein schöner Mann war er und fürstlich , wie König Salomo . Mit den normännischen Herren konnte er sich wohl nicht messen an Frische des Antlitzes und Macht des Wuchses . Aber er lenkte mit unvergleichlichem Anstande seinen goldgeschirrten , tanzenden Araber und sein farbloses Antlitz besaß eine ernste Lieblichkeit . Wie ich damals , mitten unter dem niedern Volke stehend , ihn bewunderte , ließ ich mir nicht einfallen , daß ich selbst über ein kurzes in den Dienst des Königs treten und dort diesem wundersamen Herrn täglich , ja stündlich begegnen würde . Das begab sich aber folgendergestalt . In der Werkstätte meines Meisters gingen die Normannen ein und aus , denn da gab es stets mit neuer Kunst erfundene oder vervollkommnete Armbruste zu prüfen . Leider blieb bei diesen Besuchen die schüchterne Hilde nicht immer verborgen . Sie war die Freude und der Wunsch meiner Augen ; so konnte mir nicht entgehen , daß die der normännischen Ritter schärfer auf ihr hafteten als heilsam war . Einer von ihnen , den sie Gui Malherbe , das ist Veit Unkraut , hießen und der im Gefolge und an der reichen Tafel des Kanzlers sein schädliches Dasein fristete , ein frecher , ungebundener Edelknecht , aber gegen die Frauen von geschmeidigen Manieren , wurde mir täglich mehr zum Stachel und zum Ärgernis , und es fraß mir das Herz ab , ihn mit der sächsischen Magd auf der Grenzscheide verblümter Tändelei und nackter Herrenfrechheit spielen zu sehen , ohne ihm dafür mein Messer zwischen die Rippen stoßen zu dürfen . Mein Leben hätt ich es mir vielleicht kosten lassen ; aber