andere Sachen darauf gemalt , als Du bei weit reicheren Leuten schon gemacht hast – und nun nimmst Du nicht einmal das Geld dafür , das Du sauer genug verdient hast … Zehn Groschen sind für uns viel Geld , Lenchen , und der Schmidt ihr Kind wär ’ ebenso selig geworden , wenn sie ihm ein Sträußchen Buchsbaum aus den Sarg gelegt hätte , statt des Sprüchleins und der gemalten Blumen auf dem weißen Seidenband . “ „ Muhme , das ist nicht Euer Ernst ! “ entgegnete das Mädchen und seine erst von einer sanften Freundlichkeit beseelten Züge nahmen einen Ausdruck von Strenge an . „ Seht mich einmal an , Muhme . Wißt Ihr noch , wie die Schmidt die Hände fast blutig rang und verzweiflungsvoll weinte und schrie , als ihr der liebe Gott das kleine Mädchen , den Trost ihrer Augen , ihre ganze Glückseligkeit aus dieser Welt , nahm ? … Könnt Ihr Euch nicht denken , daß darin noch ein geringer Trost , eine wehmüthige Freude liegt , wenn wir das , was wir begraben müssen , wenigstens bis zu dem Augenblicke , wo es unseren Blicken entzogen wird , mit den höchsten äußeren Ehren , die wir zu geben vermögen , mit jedem sichtbaren Ausdruck unserer Zärtlichkeit überhäufen können ? Und soll eine arme Mutter darin nicht gerade so fühlen , wie eine reiche ? … Seid nicht bös , Muhme , ich konnte das Geld nicht nehmen , an dem die Thränen des armen Weibes hingen . “ „ Ja , da sprichst Du nun wieder wie ein Buch , und Unsereins kann nichts darauf sagen . Aber , Lenchen , wenn Du ’ s immer so machen willst , da wirst Du Dein Lebtag zu nichts kommen . “ „ Seid ohne Sorgen , Muhme , “ erwiderte das junge Mädchen nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit . „ Ihr wißt selbst am Besten , wie viel Leichencarmen mir schon bezahlt worden sind , ohne daß ich nöthig gehabt hätte , mich zu weigern … Ihr habt das Geld der Schmidt gelassen , nicht wahr , Muhme ? “ „ J freilich , da Du ’ s nicht nehmen wolltest , da durft ’ ich schon gar nicht , aber geärgert hab ’ ich mich doch , hab ’ s auch gleich dem Jacob gesagt , der gerade dazukam . Aber der ist nicht um ein Haar anders , als Du ; ‚ Recht hat das Veilchen ’ , sagte er und ließ mich stehen . “ Der Blick der Seejungfer fiel jetzt auf das geschriebene Heft , das noch auf dem Tische lag . „ Was hast Du denn da ? “ fragte sie . „ Geschriebenes von , Vetter Leberecht , “ sagte das Mädchen . „ Es lag in einem Buch ganz droben im Glasschrank . Ich hatte bis jetzt die Klammern daran nicht aufgemacht ; aber heute , als ich den Schrank innen säubern wollte , da stürzte es herunter und da fiel das Heft heraus . “ „ Ja , “ sagte die Alte , und eine tiefe Rührung überflog ihre Züge , „ das sind schöne Liederverschen , die der Leberecht wahrscheinlich aus seinen Büchern abgeschrieben hat … Ich hab ’ ihm oft in seiner Krankheit dies Schreibbüchlein auf ’ s Bett legen müssen , bis er ’ s am Tage vor seinem Tode selbst in das große Buch geschoben hat . “ „ Muhme Suschen , hat denn der Vetter Leberecht ein Mädchen lieb gehabt ? “ fragte plötzlich Magdalene . Die Seejungfer , die bei aller Rührung eben ein Stück Semmel zum Munde führen wollte , hielt so erstaunt inne , als sei sie eben gefragt worden , ob der Wald blau sei und der Himmel grün . „ Was Du aber auch immer für närrisches Zeug auf ’ s Tapet bringst ! “ sagte sie endlich . „ Der Leberecht , der stille , ernsthafte Mensch , der weder rechts noch links sah und immer seinen Weg fein gesetzt ging – nein ! “ „ Nun , deswegen könnte er doch geliebt haben . “ „ Ja , wen denn ? … Es gab freilich damals hübsche Bürgerstöchter genug und die Weiberstühle waren immer zum Brechen voll , wenn er predigte , aber angesehen hat er Keine . Er ging ja auch zu gar keiner Menschenseele und steckte den ganzen Tag zu Hause . Nur einigemal in der Woche kam er zu dem gestrengen Herrn Bürgermeister Werner und gab dem Jungen Stunden . “ „ Waren auch Töchter da ? “ „ Freilich , eine – nu , Du wirst doch nicht gar glauben , daß der Leberecht so dumm gewesen sei , sich in die Friederike zu verlieben , das stolzeste Mädchen in der ganzen Stadt ? … Nein , das hätte der Leberecht nie gethan , und wenn er ’ s auch bis zum Candidaten gebracht hatte – er war doch nur ein Schusterssohn , und das hat er nie vergessen . Da wäre er aber auch schlecht angekommen , denn Werner ’ s ganze Sippschaft hatte einen gar erschrecklichen Stolz . Nu , sie wären ja auch reich und vornehm genug ! … Tausend noch einmal , in dem Hause soll ’ s hoch hergegangen sein ! Manchmal Sonnabends kam der Bediente und lud den Herrn Candidaten ’ auf einen Löffel Suppe zum Sonntag ein . Da ging denn der Leberecht auch immer hin und nahm seine Geige mit – er soll recht schön gespielt haben , ich verstand ’ s nicht . Und da mußte er immer nach Tische der Familie ein Stückchen ausspielen und die Friederike sang auch … Aber er hat auch viel Aerger dort gehabt , denn der Junge , dem er das lateinische beibringen mußte , hat ihm viel zu schaffen gemacht , es war gar eine böse , nichtsnutzige Range … ist nachher aber doch ein vornehmer Mann und Bürgermeister geworden .