einfach in das Salzfaß tunke oder sich den Luxus einiger Lot Butter auf seinem ungedeckten Tisch erlaube . Sievert durchmaß das Dorf mit verdoppeltem Eilschritt . Die erleuchteten Fenster erinnerten ihn , daß daheim das letzte Stümpfchen Licht auf dem Leuchter steckte ; es hatte bereits sieben Uhr geschlagen , eine ziemliche Strecke Weges lag noch vor ihm , und die Bewohner des Waldhauses waren auf das Abendbrot angewiesen , das er im Korbe heimbrachte . Am Ende des Dorfes verließ er die Landstraße , die auf der Talsohle noch ein Stück fast schnurgerade in die weite Welt hineinlief , und betrat , links abbiegend , einen jener vernachlässigten Holzfahrwege , die nach einem aufweichenden Regen bodenlos , bei frosthartem , trockenen Wetter aber durch die fußtiefen Geleise geradezu halsbrechend werden . Das Waldhaus führte seinen Namen mit Recht . Vor Jahrhunderten von einem Herrn von Zweiflingen lediglich zu Jagdzwecken erbaut , lag es wie verloren im Walde . Bewohnt hatten es seine Besitzer niemals ; das eigentliche Haus bildete eine einzige ungeheure Halle , und nur die zwei ziemlich umfangreichen Türme , die zu beiden Seiten der Vorderfront emporstiegen , enthielten einige Gemächer , in denen ehemals die Teilnehmer an den großen Jagden übernachtet hatten . Nach dem Tode des Majors von Zweiflingen war dessen Witwe in eine kleine Stadt Thüringens übergesiedelt . Ihr ganzes Einkommen bestand in einer sehr schmalen Pfründe , die ihr infolge einer uralten Zweiflingenschen Stiftung zufiel – eine kleine Pension , die ihr der Minister , Baron Fleury , beim Fürsten von A. ausgewirkt , hatte sie zurückgewiesen . Den Luxus , irgendwelche Dienerschaft zu halten , schloß der kleine Etat selbstverständlich aus ; Sievert mußte demnach selbst für seinen Unterhalt sorgen , und er konnte es ; er hatte das von seinem Vater ererbte Bauerngütchen verkauft , und die Zinsen des Kapitals reichten vollkommen aus für seine geringen Bedürfnisse . Vor zwei Jahren nun war ein Rückenmarkleiden bei Frau von Zweiflingen zum Ausbruch gekommen ; sie hatte sich damals bereits dem Tode nahe gewähnt und mit fieberhafter Heftigkeit verlangt , auf Zweiflingenschem Grund und Boden zu sterben . Unter unsäglichen Mühen war sie nach dem Waldhaus , dem letzten Rest ehemaligen glänzenden Besitztums , geschafft worden und erwartete hier in völliger Abgeschiedenheit die erlösende Stunde . Allmählich stieg der Boden unter Sieverts Füßen aufwärts . Der alte Soldat watete bis über die Knöchel in dem zwischen den Furchen liegengebliebenen Schnee und hatte schwer zu kämpfen mit dem Sturm , der hier widerstandslos über den baumlosen Wiesenabhang hinpfiff . Aber schon brauste es schutzverheißend von droben herab – wohl heult der Sturm auf ein altes Schloß in einer ganz besonderen Tonart ; allein nicht weniger ergreifend klingen seine Stimmen , wenn er die Waldwipfel schüttelt , wenn er jedes dürre , zusammengekrümmte Eichenblatt zu seinem Sprachrohr macht und die leblose Blätterleiche zwingt , klagend mitzusingen von toter Waldesherrlichkeit , von Lenzesliebe und Sommertraum , aber auch von alten , alten Zeiten , da das Trara aus dem Hifthorn des Knappen scholl und das goldige Haar der pirschenden Edeldame über dem Dickicht wehte . Für Sievert klang auch noch anderes mit in dem Tosen , das jetzt über seinem Haupte hinzog . Die zürnenden Stimmen der alten gestrengen Herren von Zweiflingen – sie hatten hier geherrscht mit dem ganzen Gewicht feudaler Macht und Rechte , sie hatten oft unerbittlich grausam und blutig gerichtet über den Walddieb und Wilderer in ihrem Revier – , und jetzt mußte der alte Soldat auf dem nun fremden Grund und Boden die dürren Reiser auflesen , um den letzten Nachkommen des glänzenden Geschlechts eine warme Stube zu verschaffen ; er war noch vor kurzem in dem Untergehölz , inmitten der scheelsehenden Bettelkinder des Dorfes , umhergekrochen und hatte von dem scharlachnen Teppich der Preiselbeeren ein paar Körbe voll eingeheimst , zur Erquickung der letzten Frau von Zweiflingen . Der Alte pfiff leise zwischen den Zähnen , wie einer , der ein bitteres Auflachen verbeißen will . Plötzlich blieb er stehen – ein zornig knurrender Ton entschlüpfte seinen Lippen – , von fern flimmerte ein matter Lichtpunkt durch die Flocken , die in diesem Augenblick minder dicht niederfielen . » Aha , da hängt wieder einmal die Decke nicht vor dem Fenster ! Bei dem Wind ! « murmelte er grimmig . » Das wird ja hübsch durch die Stube pfeifen ! ... Nun fehlt nur noch , daß sie auch den Ofen vergessen hat . « Er lief vorwärts und lachte plötzlich auf – der Wind trug ihm einzelne volle Klavierakkorde entgegen . » Nun ja , da haben wir ' s – sie rast wieder einmal – , konnte mir ' s schon denken ! « grollte er weiterlaufend . Alle Selbstbetrachtungen waren im Nu verflogen vor dem Ärger , der sich des alten Soldaten bemächtigte . Was kümmerten ihn jetzt noch die wehklagenden und zürnenden Schatten der längst vermoderten Herren von Zweiflingen – er hörte nur die allmählich zur rauschenden Melodie werdenden Töne und sah den Lichtschein , der , unruhig hin und her flackernd , in der Tat aus einem unverhüllten Turmfenster fiel und dessen Eisenvergitterung in schwankenden , mattgezeichneten Umrissen auf die Schneedecke draußen warf . Die Fassade des Waldhauses trat um einige Schritte hinter die Türme zurück ; vor ihr hinlaufend und um eine Anzahl Stufen erhöht , verband eine Galerie die beiden Türme . Der unmittelbar vom Waldboden hinaufführenden Treppe gegenüber , die das Steingeländer der Galerie in seiner Mitte durchbrach , erhob sich eine ungeheure Doppeltür , die direkt in die große Halle führte . Bei Sieverts Hinaufsteigen floß der Laternenschein über zwei lebensgroße Steinfiguren , die auf der Brüstung zu beiden Seiten der Treppe standen , geschmeidige Jünglingsgestalten in Edelknabentracht . Das umlockte Haupt zurückgeworfen und mit hochgehobenem Arm das steinerne Horn an den Mund setzend , bliesen sie seit Jahrhunderten das Halali hinaus in den Wald ... Was für eine Versammlung wäre das geworden , wenn der Ruf all die toten