Jahren hinausgegangen in eine Welt voll Glanz und rauschender Freuden . Sie war auf Großmamas Wunsch und Fürbitte hin Hofdame bei der Herzoginwitwe geworden . Leicht war es ihr nicht geworden , diese Stellung , die vielbeneidete , wieder aufzugeben , nein , wahrlich nicht ! Ihr abwesender Blick umschleierte sich und die Lippen zuckten . Sie war der ausgesprochene Liebling ihrer hohen Herrin gewesen und die edle Frau hatte sie insgeheim vor ihren Neidern und stillen Feinden zu schützen gewußt , so hatte sie fast nur die strahlende Seite des Hoflebens kennen gelernt . Nun lag das hinter ihr auf Nimmerwiederkehr , und ein tiefes Sehnsuchtsweh nach der milden , sanften Greisin , der sie gedient hatte , brannte ihr jetzt schon im Herzen . Und leicht war es wohl auch nicht , das neue Leben ! Dem Kinde ihres Bruders eine treue Mutter zu sein , für ihn die Lebenssorgen auf die Schultern zu nehmen und mit jedem Pfennig ängstlich zu rechnen , auf daß nicht doch die Not durch das Eulenhaus schleiche , das wollte sie wagen , sie , die Unwissende , die Unerfahrene in alledem , was des Lebens Nahrung und Notdurft erheischte ? Sie legte die Hand auf das ängstlich klopfende Herz und schritt langsam über die Schwelle und die enge , aber blütenweiß gescheuerte Holztreppe hinauf . Als sie abei in das zunächstliegende ehemalige Wohnzimmer der Großmama trat , da atmete sie tief und erleichtert auf . Die kleine Elisabeth kam ihr mit einem Stück Kuchen in der Hand freudestrahlend entgegen und auf dem Sofatisch dampfte Großmamas messingene Kaffeemaschine . Die Tür nach der Plattform des Zwischenbaues stand weit offen und ließ die Blumendüfte des Gartens hineinströmen , und jenseits dieser nur wenige Schritte langen Plattform sah man durch die schmale Glastür in das untere Turmzimmer , ihr ehemaliges Logierstübchen während der Institutsferien , die sie stets bei der Großmama verlebt hatte . Mehr aber noch als dieses traute Wiedersehen beruhigte und ermutigte sie ein Blick auf ihren Bruder . Er hatte sich aufgerichtet , als habe er eine Zentnerlast von sich geworfen , und als sie später mit ihm hinaufging in die Glockenstube und er sein Manuskript auf die Wachstuchdecke eines einfachen Tisches am Fenster legte , da sagte er : » Es ist ein abgebrauchtes Bild , aber sein zutreffender Sinn bewegt mich tief in diesem Augenblick – mir ist zumute wie einem , der nach stürmischer Meerfahrt den Heimatboden betritt und niedersinken möchte , um ihn dankbar zu küssen ! « 3. Zwei Wochen waren seither verstrichen , Tage voll Mühe und Arbeit , aber auch voll befriedigenden Lohnes . Ja , es ging , wenn auch da und dort ein Brandfleck die neuangeschafften Kochschürzen verunzierte , einige Geschirrscherben den Spruch vom Lehrgeld bewahrheiteten und die weichen Hände der neugebackenen Köchin immer noch recht empfindlich waren gegen rauhe Berührung . Fräulein Lindenmeyers gutmütig angebotene Hilfe hatte Klaudine schon am ersten Tage entschieden abgelehnt . Das schmächtige , kränkliche Geschöpfchen stand auf sehr schwachen Füßen und bedurfte oft selbst der Pflege . Dafür aber war Heinemann eine tüchtige Stütze , und er ließ es sich durchaus nicht nehmen , alle gröberen Arbeiten zu besorgen . So war allmählich die neue Haushaltung ins Geleise gekommen , und heute fand Klaudine einen freien Augenblick , um auf die Zinne des Turmes hinaufzusteigen . Die Morgensonne lag auf dem Scheitel des alten Burschen , der sich mit gelben Mauerblümchen besteckt hatte , die aus allen Ritzen und Fugen dem Tageslicht zustrebten , und so altersmürrisch er auch sonst aussah , er beherbergte doch noch gern und willig junges , aufwachsendes Leben – das Vogelvolk brütete unter seinen Simsen und Mauervorsprüngen und fand des Piepsens und Zwitscherns kein Ende . Und vom Garten herauf und von den harztriefenden Fichten , die ihre schaukelnden dunklen Bärte wie Trauerfahnen in die Ruinen des Kirchenschiffes hineinhängen ließen , kam ein traumhaftes Summen – schier unersättlich umtaumelten Heinemanns Bienen und das wilde Hummelgesindel des Waldes den süßen Saft , den Prinz Mai aus Blütenbechern schenkt . Über ihr stand der blaue Äther , den nur dann und wann noch ein kühner Vogelflügel durchschnitt , wie zu Kristall erstarrt , dort drüben aber , am fernen Horizonte , troff sein Blau auf den welligen Bergrücken und schmolz mit ihm zusammen . – Dort weitete sich das Paulinental zur ebenen Fläche , die erst in weiter Ferne wieder jener blaubehauchte Höhenzug abschloß . Auf dem flachen Lande lag es wie feine , durchgoldete Nebelschleier . Sie deckten das Herzogsschloß . Nichts war zu sehen von seinem stolzen , hochgelegenen Bau , seinen purpurbeflaggten Türmen und marmornen Freitreppen , zu deren Füßen die Schwäne segelten und silberglitzernde Furchen durch den Teichspiegel zogen , nichts von dem Magnolien- und Orangendickicht der überglasten Zaubergärten , die mit ihrem düfteschweren Odem das Blut in den Schläfen pochen machten und das Herz angstvoll beklemmten , nichts von den türhohen , spiegelnden Fenstern , hinter denen eine junge Frau , ein Königskind , schlank und schneebleich , hüstelnd auf und ab schwankte und nach einem Blick aus den dunkelschönen Augen strebte , die mit heißem Flehen – eine andere suchten . Klaudine trat hastig von der Brustwehr zurück , sie war erblaßt bis in die Lippen . War sie deshalb heraufgestiegen in den kühlen blauen Himmel , um sich von dem schwülen , ängstlich geflohenen Odem dort drüben her anwehen zu lassen ? Sie wandte den Blick weg von jener sonnenbeschienenen Weite und ließ ihn nordwärts in die Runde schweifen . Wald , nichts als grüner Wald , wohin sie sah ! Nur dort , wo der breite Fahrweg die Wipfel auseinanderdrängte , lag in äußerster Ferne wie ein kleines Bild das Neuhäuser Gutshaus . Seine fensterreiche Fassade trat hell aus dem dämmernden Lindenkreise . Dort wehte eine rauhe , strenge , aber reine Luft unter Beates Regiment . Seit lange herrschte Spannung zwischen den beiden Geroldshöfen . Der Neuhäuser hatte öffentlich scharf über die » gottheillose