saßen lange beisammen und plauderten . Das letzte Duftwölkchen aus der Teekanne war längst in der Luft zerflossen , die Schatten der Nacht ballten sich in den Ecken der Stube , dann huschten sie über das leuchtende Zifferblatt der Wanduhr und hingen zuletzt einen schwarzen Flor über den goldenen Rahmen des Großmutterbildes , und es ward endlich so still , daß der kleine Dorfcantor getrost sein zartes Geigensolo hätte beginnen können , zu welchem er seit so vielen Jahren den Bogen angesetzt hielt . Draußen schmolzen die Millionen Blätter und Blüten wunderliche Gestalten zusammen und kein Lufthauch wagte , an die von den Händen der Nacht gezeichneten Contouren zu rühren . Plötzlich glühte es auf über den Wipfeln einer Akaziengruppe und die weißen , träumerisch hängenden Blüten waren überschüttet von buntfarbigen Lichtströmen . An der Decke des Turmzimmers brannte eine Hängelampe . Das schöne , zarte Weib im weißen Atlasgewande da droben , dem die schwarzen Haarwellen über den Busen fluteten , es hatte einst seine himmlischen Worte der Liebe unter dem schützenden Dunkel der Nacht gestammelt , und hier bog es sich von Licht umflossen verlangend hernieder und keine rosige Flamme der Scham flog über ihr bleiches Liliengesicht . Die weißen Arme umschlangen ihn , der kühn den Balcon erklommen hatte und der über ihrem berauschenden Geflüster die Todesgefahr vergaß ; süßer aber hatte wohl die unglückliche Tochter der Capulets ihrem Romeo nicht zugelächelt , als hier ihr zartes Conterfei auf den zerbrechlichen Glasplatten . Hinter den Gestalten des Fensters glitt rastlos ein Schatten hin . Ein Mann , wie es schien , ging mit raschen Schritten auf und ab … War das der tückische Nachbar , der Blaubart , der ein unglückliches Weib gefangen hielt , damit kein anderes Auge , als das seine , auf ihr schönes Antlitz falle ? Lilli wagte nicht , diese Frage laut werden zu lassen , sie wollte heute nicht mehr an die Seelenwunde der Tante rühren . In dem Augenblick trat auch der alte Sauer mit der Lampe herein . Seine knarrenden Stiefeln weckten die Hofrätin aus einem leichten Schlummer ; sie fuhr lächelnd in die Höhe und setzte die Brille vor die verschlafenen Augen , um noch ein wenig zu lesen . Währenddem schloß Sauer die Fensterläden ; der alte Junggeselle nahm in beinahe hastiger Weise zuerst das südliche Eckfenster in Angriff , wobei er mit einem scheuen Rückblick nach Lilli etwas von „ sündhaftem Spectakel “ murmelte . Noch einmal glühten die herrlichen Gebilde des Glasgemäldes auf , dann verschwanden sie hinter dem unerbittlichen , grauen Fensterladen . Lilli nahm der Tante die Zeitungen aus der Hand und las vor , bis die Wanduhr zehn brummte . Die Hofrätin richtete sich streng nach der heiseren Stimme der alten Mahnerin , mit dem letzten Schlag erhob sie sich und führte Lilli nach der Gaststube , wo sie ihr mit einem Kuß auf die Stirn gute Nacht sagte . Hier war der Laden noch nicht geschlossen , die Fensterflügel standen offen , das Zimmer war erfüllt von dem Duft der Nachtviolen , die draußen auf den Rabatten standen , und über das weiße Bett hin floß ein bleicher Schimmer . Der Mond war aufgegangen , aber wie verirrte Nachtschwärmer zogen die letzten dunkeln Wolken des Gewitters über seine volle Scheibe hin . Da droben wandelte der Schatten noch immer einsam auf und ab . Der einzelne dünne Mondstrahl , der durch einen Wolkenriß zuckte , irrte noch machtlos an den glühenden Tinten des Glasfensters vorüber , doch allmählich löste sich die dräuende Schicht am Himmel , wie ein unaufhaltsamer Lavastrom floß das bleiche Licht über die Wolkenränder und plötzlich lag es drunten über die Erde gebreitet , ein verklärender Schleier , der ihr Antlitz fremdartig und rätselhaft macht , wie das einer Sphinx , der unlösbare Fragen weckt in der Menschenbrust ; wir fassen sie zusammen in das einzige Wort : Sehnsucht . Die Hängelampe im Turmzimmer erlosch . Das war aber nicht der Moment , den Laden zu schließen und die schlaflosen Augen in die Kissen zu stecken , meinte Lilli . Der Blaubart da drüben ging sicher jetzt zur Ruhe , und sein schwarzer und weißer Hofstaat auch , und da konnte man wohl ungestraft einen Blick tun in die verbotenen , gefürchteten und doch so anziehenden Herrlichkeiten jenseits des Zaunes . Sie schlüpfte geräuschlos in die Hausflur und huschte , ohne von Dorte , die in der Küche noch mit dem alten Sauer aufsaß , bemerkt zu werden , zur Tür , die nach [ 435 ] dem Garten führte … Horch , war das nicht der volle , tiefe Klang einer unbeschreiblich rührenden Menschenstimme , der durch die Lüfte zitterte ? … und noch einmal – und abermals ! Die Töne reihten sich aneinander , in himmlischer Ruhe an- und abschwellend . War die melancholische Weise der Nachklang eines überwundenen Schmerzes , oder sang sie von verschwiegenem , unbeglücktem Sehnen ? … Es war übrigens keine menschliche Stimme , sondern ein Cello , und die Töne quollen aus den jetzt geöffneten Turmfenstern . Lilli lauschte bewegungslos . Sie dachte nicht daran , daß sie in ihren dünnen Pantöffelchen auf dem feuchten Kies stand und daß der Saum ihres hellen Muslinkleides morgen zum Verräter an ihr werden mußte … Das Wesen , das dem Instrument so sympathische Töne zu entlocken wußte , das in schweigender Nacht die Tiefen einer bewegten Seele im Lied öffnete – es konnte doch unmöglich jener Mann sein , der so wild und herrisch auf seinem Pferd einherbrauste , daß man sich fürchten mußte , der wehrlose Frauen einsperrte und sie wie ein Cerberus bewachte . Unter den Schlußklängen des Adagios , die leise über ihrem Haupte zerflossen , schritt Lilli unhörbar nach dem Pavillon . Ueber den Zaun zu sehen vermochte sie nicht , das konnte nicht einmal der himmellange , alte Sauer , denn die grüne Wand war sehr hoch und undurchdringlich , aber da war ja das Fenster , um deswillen