sich im Unwillen , angesichts der schönen , männlichen Erscheinung im grünen Jägerrock , die eine dürre , zerstäubende Eichenlaubgirlande umschloß ... Ja , so mußte er ausgesehen haben , der stolze Herr Oberforstmeister , der Mann , der sich von seiner einzigen Schwester losgesagt hatte , weil sie einem aus dem Handwerkerstande ihr Herz geschenkt und ihn auch , trotz Zorn und Widerspruch ihres Bruders , geheiratet hatte ! Diese Schwester aber war die Mutter des jungen Markus gewesen ... Ja , das war der ausgeprägte Beamtenhochmut , der zeitlebens die Verwandtschaft mit » dem Schlosser , dem Rußbengel « von sich gewiesen , ob auch die Schlosserwerkstätte des jungen Arbeiters sich im Laufe der Zeit zu dem Riesenunternehmen einer großartigen Fabrik umgewandelt hatte und einen hochgeachteten Namen an der Stirn trug ... Der Herr Oberforstmeister hatte von jeher hoch hinaus gewollt ; es hatte auch eine von altem Adel sein müssen , die er als Frau in sein Haus geführt ; arm war sie gewesen , und die Letzte ihres alten Namens ; daß aber die vornehme Herkunft allein maßgebend gewesen , daran glaubte der junge Mann , den beiden Bildern gegenüber , von nun an nicht mehr . Durch das Gesicht des stolzen Jägers ging ein Zug tiefer Leidenschaft , er hatte einen dunkelglühenden Blick , und die junge Braut an seiner Seite , mit dem Myrtensträußchen am Busen , war engelschön gewesen , von so unbeschreiblichem Liebreiz im Ausdruck , daß man unmöglich denken konnte , auch diese Seelenmacht der Züge sei vergänglich gewesen und modere in der Erde . Im Elternhause des Herrn Markus waren diese zwei Menschen da fast nie genannt worden . Als Knabe hatte er nicht gewußt , daß ihm in Thüringen Onkel und Tante lebten ; er war sehr erstaunt gewesen , als eines Tages ein Brief der Frau Oberforstmeisterin an seine Mutter den jähen Tod des Bruders – er war bei einem Jagdschmause seines Fürsten vom Schlage getroffen worden – gemeldet hatte . Diese Todesanzeige war der Gegenstand einer mehrstündigen Beratung seiner Eltern gewesen ; dann war ein sehr förmliches , kurzes Beileidsschreiben von der Hand des Vaters an die » Dame « , und später ein Verzicht der Mutter auf jeden Anspruch an den Nachlaß des kinderlos verstorbenen Bruders an dessen Sachwalter abgegangen ... Danach war es gewesen , als sei ein Vorhang über dem Ereignis zugefallen – es war nie mehr davon gesprochen worden . Hatte der hochmütige Beamte einst Schwester und Schwager verleugnet , so war auch der Arbeiter stolz genug gewesen , den Verwandten bis in den Tod hinein unbeachtet zu lassen . Wie wohl die schöne Frau über dieses unnatürliche Verhältnis gedacht hatte ? – Hochmut lag nicht in dem Gesicht , wohl aber etwas Zärtliches , Glückseliges . Sie mochte wohl den Mann ihres Herzens über alles geliebt haben und blindlings mit ihm gegangen sein . Vielleicht hatte sie nach seinem Tode der verstoßenen Schwester versöhnend die Hand bieten wollen , indem sie eine schriftliche Beziehung anzubahnen gesucht – sie war streng zurückgewiesen worden ... Und nun war der einzige Sohn dieser Schwester doch noch der Erbe im Hirschwinkel geworden ! Ob die Verstorbene wohl deshalb nie ein Testament gemacht hatte , um stillschweigend die Hinterlassenschaft ihres Mannes doch noch in die Hand kommen zu lassen , der das einzige Recht darauf zustand ? – Er vermochte kaum den Blick wegzuwenden von dem jugendschönen Gesicht , das aus einer fast märchenhaften Fülle blonder , seidener Locken hervorlächelte ; aber es lockte ihn auch , die Räume zu durchwandern , in denen diese Vereinsamte viele Jahre der Abgeschiedenheit durchlebt hatte ... Die Türen der ineinander führenden Zimmer standen weit offen , er konnte die ganze Wohnung so ziemlich mit einem Blick übersehen . Welch ein Unterschied zwischen dieser altväterischen , verbrauchten Einrichtung und dem modernen Luxus in der prächtigen Villa , die sein verstorbener Vater unweit der Fabrik erbaut hatte ! Das Erkerzimmer war das stolzeste , mit seiner Glastür und den Polstermöbeln in grünblumigen Kattunbezügen , die mit den Gardinen übereinstimmten . Es stand schönes Meißener Porzellan auf den Kommoden , und neben guten Ölbildern schmückte ein großer Spiegel die Wand . Das mochte wohl immer das Zimmer der Frau gewesen sein , und nebenan hatte der Gemahl geweilt . Seine Witwe hatte ihn fast um zwanzig Jahre überlebt ; aber noch hing der Schlafrock am Nagel , als habe ihn der Hausherr eben ausgezogen , um in die Uniform zu schlüpfen . Die Tabakspfeifen standen wohlgeordnet auf dem Brett , und der Schreibtisch war sichtlich mit peinlicher Genauigkeit in dem ungeordneten Zustand erhalten worden , wie ihn der Tote hinterlassen , als er zur Hofjagd gegangen war , von der er nicht zurückkehren sollte . Ein seltsames Gefühl beschlich den jungen Mann – war es doch , als müsse er noch andere Tritte als die seinen in diesen wohnlichen Räumen hören . Die Verwaiste hatte es verstanden , eine Art von Lebensodem verstorbener Liebe um sich festzuhalten . Da nebenan war das Schlafzimmer . Dicht an dem einen Bette stand ein Kinderbettchen , mit bunter Decke belegt , als sei es eben , nachdem ihm der süße Schläfer entnommen , frisch aufgebettet worden . Aus dem Berichte des Sachwalters wußte Herr Markus , daß ein Erbe im Hirschwinkel geboren worden sei , ein Knabe , der aber in zartem Alter verstorben war ... Eine Fülle von Zärtlichkeit und tiefer Sehnsucht mußte das Herz der Einsamen bis zum letzten Schlag bewegt haben ; aber sie war auch ein starker , gesunder Geist gewesen , der den Lebensrest nicht in der Hingabe an den Schmerz verträumt hatte . Das bewies die » Bücherstube « , deren ganzen geistigen Inhalt die alte Frau in ihrem Kopfe gehabt haben sollte ; davon zeugte die anstoßende Kräuterkammer , an deren Wänden sich große Bündel heilbringender Pflanzen hinreihten , welche die Verstorbene unermüdlich im Walde zusammengesucht hatte , um sie in dem kleinen Laboratorium nebenan in Arzneien und Spezereien