seine Reflex-Wirkungen auf Berthas Kehle nicht , sie jauchzte mit , daß es ihrem zarten Gemahl in die Ohren schrillte . „ Wenn nur der Molch , die Ernestine , ein Junge wäre , da könnte sie Gretchen einmal heiraten und man hätte doch gleich einen Mann für das Mädel “ , meinte sie nach einer Pause . „ Schwatze doch nicht so töricht “ , sagte Leuthold , „ einen Sohn würde Hartwich eben so leidenschaftlich lieben , als er Ernestine haßt , und einem Sohne hätte er sein ganzes Vermögen vermacht . Dem unerhört günstigen Zu ­ fall allein , daß Ernestine nur ein Mädchen ist , verdanken wir das Glück , ihn zu beerben ! Gesetzt aber auch , Alles wäre , wie es ist und Ernestine wäre ein Knabe — meinst Du , so wohlfeil würde ich einst meine Tochter hergeben ? Nein , unser Gretchen wird eine so glänzende Partie , so schön und so reich , daß ich sie wahrlich nicht an einen Herrn von Hartwich vermähle . Dies Prachtexemplar wird mich einmal zum Schwiegervater eines großen Staats ­ manns , eines berühmten Gelehrten — oder doch wenigstens eines Grafen machen ! “ „ Und mich zur Gräfinmutter ! ! “ rief die Gattin in Wonne zerfließend . — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Ernestine hatte indessen ihren Weg fortgesetzt . Lang ­ sam schritt sie über die weitgedehnten Kartoffelfelder in dem , durch keinen Baum oder Strauch gehemmten Brand der Vieruhrsonne . Der enge Leib des verwachsenen Kleid ­ chens preßte die kleine Brust zusammen , daß sie öfter stehen bleiben mußte , weil sie zu ersticken glaubte , der Schweiß rann an ihr herab , als müsse das kraftlose Körperchen seine letzten Säfte hergeben . Die Sonnenstrahlen sammelten sich wie glühende Dolchspitzen auf ihrem Scheitel — und doch mußte sie weiter und durfte nicht zurück ; die Furcht vor dem Vater war noch größer als die Qualen , die sie litt . Lieber von den goldenen Sonnenstrahlen gestochen , als von der rohen Faust des Vaters zerschlagen werden ! Aber doch konnte sie nicht umhin , bitterlich zu weinen , daß Alle so erbarmungslos gegen sie waren . Was hatte sie nur verschuldet , daß der Vater sie so haßte ? sie konnte ja nichts dafür , daß sie häßlich und daß sie — kein Junge war ! — „ Ach , warum mußt ’ ich ein Mädchen werden ? “ schluchzte sie und setzte sich todesmatt in das graue , verbrannte Kartoffelkraut auf die harten ausgetrockneten Schollen . Sie umschlang mit beiden Armen ihre Knie und dachte darüber nach , warum denn Knaben etwas Besseres seien , als Mädchen , und ob sie denn nicht am Ende auch vollbringen könne , was jene vollbrächten ? — Der Schullehrer sagte ja ohnehin immer , sie lerne besser und sei klüger als die Buben ! Was fehlte ihr denn nun noch ? Die Kraft und die Wildheit und der Mut ! Ja , das war freilich viel — aber ließ sich denn das nicht erringen mit der Zeit ? — Sie dachte ernst darüber nach . Sie wollte ihre Kraft üben ; sie hatte einmal gelesen , wie ein Mann ein Kälbchen herumgetragen und , weil er dies jeden Tag getan , es gar nicht gemerkt hatte , wie das Kälbchen allmälig wuchs und schwerer wurde , so daß er zuletzt auch den mächtigen Stier noch heben konnte . So wollte auch sie es machen ; sie wollte erst kleine , dann immer größere Lasten schleppen , bis sie die größten zu bewältigen vermochte . Und wild konnte sie auch sein , wenn sie nur durfte , und ihre Ängstlichkeit wollte sie sich gleichfalls abgewöhnen . Dann , hoffte sie , werde der Vater schon zufrieden sein ! — Sie sprang getröstet auf und ging weiter . Der Vorsatz stand nun fest in ihr , — sie wollte werden wie ein Knabe ! — Zweites Kapitel . Das Märchen vom häßlichen jungen Entlein . Nach einer Stunde erreichte Ernestine ein schönes weitläufiges Gehölz und , als sie dies durchschritten , einen Garten , an dessen Ende ein prachtvolles Landhaus stand . Vor dem Hause war ein weiter Rasenfleck , auf dem sich eine Schar munterer Kinder tummelte und in dessen Mitte der hohe Wasserstrahl eines Springbrunnens glän ­ zende Glaskugeln auf und nieder trieb . Vor den geöffneten Türen eines in den Garten führenden Salons saß eine Gesellschaft elegant gekleideter Damen und Herren , Diener in funkelnder Livree reichten Erfrischungen auf silbernen Platten umher . Ernestine stand wie geblendet von aller der Pracht und Herrlichkeit . Sie wagte nicht heranzutreten . Wie sollte sie ? An wen durfte sie sich wenden ? Niemand kam ihr entgegen , Niemand redete sie an . Der Schweiß brach ihr von Neuem aus , ihre Verlegenheit war unbe ­ schreiblich , als plötzlich die schönen , reich gekleideten Kinder auf dem Rasenplatz ihr Spiel unterbrachen und mit ver ­ wunderten Mienen nach ihr hinsahen . Ernestine bemerkte , wie ein kleines Mädchen das andere am Kleide zupfte .und mit dem Finger nach ihr zeigte . Sie verstand ganz deutlich , wie einige fragten : „ Was will denn die ? “ — Sie war nahe daran , wieder umzukehren , aber in dem Augenblick hatte man sie in der Gesellschaft vor dem Hause bemerkt und einen Bedienten nach ihr geschickt , sie zu fragen , wen sie suche . Es flimmerte ihr vor den Augen , als der große Mann mit vornehmer Haltung auf sie zuschritt und sie scharf anredete : „ Was willst Du hier ? “ „ Nichts “ , erwiderte Ernestine , „ ich wäre gar nicht gekommen , wenn ich nicht gemußt hätte ! “ „ Wer bist Du denn ? “ fragte der Bediente . „ Ich bin ja Hartwichs Ernestine ! “