sein : die dicke Kathrin hatte ihren spillerigen und tippligen Schuster binnen Jahresfrist wieder hergeben müssen . Er starb an der Schwindsucht ; Großmutter aber behauptete , Kathrin habe ihn totgeärgert , denn die kurze Ehe war äußerst stürmisch gewesen ; und daß der arme Mann der Unterdrückte war , das lag jedem klar zu Tage , der den Vorzug hatte , Kathrin zu kennen . Sie kam denn also eines Tages als junge Witwe wieder in Großmutters Haus . Die alte Dame hatte inzwischen einige recht schlimme Erfahrungen gemacht mit jungen Dienstmädchen und war froh , die alte erprobte Kraft wieder zu bekommen ; an ihr Wesen hatte sie sich ja mählich gewöhnt , und zu Kathrins Lob sei es gesagt : ihr Hauptfehler kam seitdem in Wegfall . Von » die dämlichen Männer « mochte sie , seit ihrem Eheglück , nichts mehr wissen ; ein Leben voller Arbeit und Schinderei könnte sie auch ohne solchen tippeligen Kerl haben , danach brauchte man wirklich nicht zu freien ! So äußerte sie sich wenigstens unverhohlen , und fortan blieb sie männer- und ehefeindlich . Als die dicke Kathrin zum ersten Male in den Dienst der Großmutter trat , kam sie , wie man so sagt , frisch von der Weide ; sie hatte ein wunderliches Kinderleben hinter sich , halb in zügelloser Freiheit , halb in knechtischer Arbeit und moralischem Elend . Ihre Mutter war die Witwe eines Unteroffiziers , der wegen Trunks entlassen werden mußte ; es hatte sich zuletzt bei ihm das Delirium eingestellt und er prügelte in solchem Zustande Mutter und Kind halb tot . Ihren Wohnsitz hatte die Familie in der Kreisstadt , in dem jammervollen Hause einer erbärmlichen Gasse , in die weder Sonne noch Mond schien . Die Frau Zeugler erwarb den Lebensunterhalt für sich und die Ihrigen mittels eines ambulanten Kuchenhandels . Jeden Morgen , den Gott werden ließ , marschierte sie vor Tau und Tag , mit ihrer Tragkiepe auf dem Rücken , an jedem Arme einen mächtigen Henkelkorb , nach den 35 umliegenden Dörfern und Rittergütern , und neben ihr lief klein Kathrinchen , ebenfalls ein Tragkörbchen auf dem Rücken , manchmal noch taumelnd vor Müdigkeit . Abends zogen sie dann heim , schwer bepackt mit Eiern , Obst und sonstigen ländlichen Erzeugnissen , die der Konditor ihr abnahm , indem er so eine Art Tauschgeschäft mit ihr machte , das aber nur einen sehr winzigen Gewinn für die Händlerin abwarf . Natürlich suchte sie diese karge Einnahme dadurch zu verbessern , daß sie ihren Kunden mitunter altbackene Ware aufhängte , die ihr Herr Stelzer , der Konditor , billiger berechnete ; aber allzu oft durfte sie das auch nicht riskieren , denn ihre Abnehmer ließen es sich nicht gefallen . Sie schwur dann immer hoch und teuer , das altbackene Stück sei nur aus Versehen » mit mang « gekommen . In der Schule war das Kathrinchen selten gewesen , nur dann , wann der Polizeidiener sie gewaltsam holte . Sie trottete mit ihrer Mutter im Lande umher , und als sie heranwuchs , balancierte gleich dieser auf ihrer Tragkiepe eine ebensolche Riesenschachtel von Holz mit dem leckeren Inhalt . Bei solcher Gelegenheit faßte Großmutter mal das hochaufgeschossene dralle junge Ding , das immer so feindselig und verdrossen aussah , ins Auge , meinte , das müsse großartig arbeiten können , und auf die Frage , ob es in ihren Dienst treten wolle , erhielt sie nach einigen Tagen das Jawort der Mutter und Tochter . Daß es kein leichtes 36 gewesen war , die in Freiheit dressierte Kathrin zu zähmen , läßt sich wohl denken , Großmutter nannte es ihr schwerstes Stück Arbeit im Leben . Aber allmählich schien sie ja einzuschlagen , wenngleich die Klagen der alten Dame nicht abrissen . Als Kathrin in den Kreis meiner Erinnerungen trat , mochte sie vierundzwanzig Jahre alt sein und ihr Aufenthalt in Großmutters Hause bald fünf Jahre währen ; ihre Mutter näherte sich den Sechzigern . Diese bildete übrigens zu jener Zeit viel mehr den interessanteren Teil der Familie Zeugler für uns Kinder . Ich erinnere mich sehr wohl , wenn ich mit meinen Geschwistern auf Ferien bei den Großeltern weilte , des Jubels , so oft die Kuchenzeuglern kam . » Sterlettchen ist da ! « schrieen wir wie unsinnig und rannten ihr schon unter den Linden entgegen . Je nach der Jahreszeit pries sie ihren Stachelbeer- , » Kersch- « oder Pflaumenkuchen an , und daß uns Kindern eine Stachelbeertorte – die alte Frau nannte diese kleinen runden Obstkuchen » Sterlettchen « – als das höchste erschien , was es von Delikatessen auf der Welt geben konnte , das mag jeder glauben . Wir , die wir gut erzogene Kinder waren , die sich stets gebührend freuten , wenn wir in den Ferien bei den Großeltern von Vater oder Mutter besucht wurden , wir rannten natürlich , sobald wir » Sterlettchen « begrüßt hatten , in die Küche zu Kathrin und schrieen : » Kathrin , deine Mutter kommt ! « und waren jedesmal von neuem enttäuscht , wenn dieses Rabenkind , anstatt sich zu freuen und der Alten entgegen zu gehen , sagte : » Na , was is ' n da weiter ? Is mich ganz egal , braucht ' gar nicht so oft die Frau Oberförstern zu › inkommandieren ‹ . « Und wenn die Frau Oberförsterin die alte Frau in die Küche schickte mit der Weisung , sich von ihrer Tochter eine Tasse Kaffee geben zu lassen – wir gingen natürlich pflichtschuldigst mit und staunten das Wiedersehen an – dann blieb sehr häufig das » Guten Tag ! « der Alten unbeantwortet und Kathrin knallte der Beschützerin ihrer Jugend so ärgerlich und stumm einen Blechtopf voll Kaffee auf den Tisch , daß wir uns darüber entrüsteten . Machte aber ihre Mutter nur den leisesten Versuch , eine Unterhaltung mit ihr zu beginnen , so wurde sie mit einem 37 unnachahmlich lässigen : »