– , alles machte mir den Aufenthalt so unerträglich dort unten , daß ich glaubte , die Wände müßten auf mich herabfallen . Ich sehnte mich nach den hohen , eleganten Zimmern , nach den weichen Teppichen , auf die mein Fuß trat . Ich hatte mich so rasch in diese Umgebung hineingewöhnt , daß sie mir zum Leben , zum Atmen unentbehrlich schien . Es beleidigte meinen Schönheitssinn , wenn ich das Pfarrhaus besuchte , und Kathrin in einer braunen irdenen Kanne den Kaffee servierte und mit der Schürze über den Tisch fuhr . Ich konnte dann gewöhnlich nichts hinunterbringen und fragte mich immer : wie es möglich sei , daß mein Vater , ein so gebildeter und gelehrter Mann , einen gewissen Luxus in dieser Beziehung entbehren möchte ? Kathrin merkte es wohl , daß es mir zu Hause nicht mehr gefiel , doch war sie ruhig und hielt keine längeren Reden mehr . » Ich hab ' s vorher gewußt « , das war alles , was sie darüber äußerte . So schwebte ich gleichsam zwischen Himmel und Erde , und nur meine Hanna , das beste Herz , das es je auf der Welt gab , entschädigte mich für alles , was mir schmerzlich war . Inzwischen wurde Ruth eingesegnet und ging auf ein Jahr nach B. in eine Erziehungsanstalt . Nun kam für Hanna und mich eine glückliche Periode . Wir verlebten die Backfischzeit in ungetrübter Seligkeit und wurden zusammen eingesegnet durch meinen Vater . Heimlich bangte uns vor dem Augenblick , da Ruth wiederkommen mußte . Ich konnte ja nicht immer auf dem Schlosse bleiben und dachte mit Schauder und unter Tränen an die Rückkehr in das Pfarrhaus und an das Leben dort unten . Indessen wir ängstigten uns grundlos . Eine Schwester der Frau v. Bendeleben , die in Wien lebte , erbot sich , die junge , schöne Tochter in die große Welt einzuführen und mit ihr den Winter in der fröhlichen Kaiserstadt zuzubringen . Den Eltern war der Vorschlag recht , denn ein einsames Gut ist nicht der Ort , eine solche Schönheit zur Geltung zu bringen , und außerdem war der Baron zu bequem , um sich nicht herzlich zu freuen , daß ein anderer diese strapaziöse Pflicht übernehmen wollte . Infolgedessen traf Frau v. Bendeleben mit meinem Vater die Verabredung , daß ich noch länger im Schlosse bleiben solle , damit Hanna nicht allein sei . Niemand war froher als ich , ich fühlte mich so glücklich , wurde so liebevoll behandelt , daß man äußerlich keinen Unterschied mit der eigenen Tochter wahrnehmen konnte . Zuweilen wurde ich geradezu verzogen , besonders von dem Baron . Ich hatte eine sehr gute Stimme , und da mir Herr v. Bendeleben , der Gesang über alles liebte , einen ausgezeichneten Unterricht geben ließ , so machte ich bedeutende Fortschritte und konnte ihn durch nichts mehr erfreuen , als wenn ich abends im Dämmern seine Lieblingslieder sang . Er tat mir dafür alles mögliche zuliebe und beschenkte mich oft mit Sachen , die vielleicht für meine Lage nicht passend waren . Mit kindischer Freude nahm ich die schönen , oft kostbaren Geschenke hin und bildete mir wohl ein , das müßte so sein , wenigstens dachte ich nicht darüber nach . Einmal , als ich ihm sein Lieblingsstück , die wundervolle Arie des Pagen aus » Figaros Hochzeit « : » Neue Freuden , neue Schmerzen « , ganz besonders gut vorgesungen hatte , schenkte er mir ein wunderhübsches Pferd und einen Reitanzug . Kurz vorher hatte ich beim Betrachten eines schönen Bildes , das eine schlanke Amazone auf mutigem Pferde darstellt , geäußert : » Wie wundervoll muß es sein , auf solch prächtigem Tiere durch Wald und Feld zu fliegen . Ach , wer doch reiten könnte ! « Da bekam ich das Pferd und das Kleid . Hanna war schon von jeher geritten . Herr v. Bendeleben gab mir selbst Unterricht , und ich saß in einer Seligkeit auf dem hübschen , schwarzen Tierchen , die , glaubte ich , rührend war . Es wurde mein größtes Vergnügen , zu Pferde mit Hanna die liebliche Gegend zu durchstreifen . Ich hätte aufjauchzen mögen vor Wonne , flog ich so auf schattigen Waldwegen dahin . Zuweilen begleitete uns der Baron , und im Walde , wenn die Tiere auf weichem Moose so leise dahinschritten und die Sonne nur verstohlen durch die Wipfel der alten Eichen blitzte , dann bat er wohl : » Nun , Gretel , singe mir ein Lied ! « Und dann sang ich aus dem vollen jungen Herzen heraus : » O Täler weit , o Höhen , o schöner , grüner Wald ! « Die Pferde spitzten dann die Ohren , und Hanna sang leise die zweite Stimme mit , während der Baron , aufmerksam zuhörend , im Sattel saß . Oh , es waren glückliche Stunden , die ich so verlebte , und meine Liebe und meine Dankbarkeit für die Familie , die mir all dieses Schöne verschaffte , wuchs stündlich in meinem Herzen . Zuweilen , wenn wir oben in unserem Mädchenstübchen saßen , das in einem der großen runden Türme lag und von dem kleinen Balkon , der wie ein Schwalbennest daran hing , die schönste Aussicht auf die bewaldeten Hügel bot , schlang ich den Arm um Hanna und sagte : » Hanna , es ist doch zu schön in der Welt , und was wird nun erst noch alles kommen ! « Im Winter , wenn der Sturm um das alte Schloß tobte und an den Fenstern rüttelte , als wollte er sie zerschmettern , dann saßen wir am Kamin im Turmstübchen , das Feuer flackerte und knisterte , die blauen Vorhänge vor den Fenstern waren fest zugezogen , die Lampe brannte , und mit vor Eifer glühenden Wangen fertigten wir Weihnachtsarbeiten , oder eines las vor aus Büchern , welche die Frau Baronin immer sorgfältig auswählte . Manchmal kam