, ich mag es gar nicht denken . Ja , mein Gretelchen , da hätten wir andre Tage , du und ich . Und der Vater auch . Er ist jetzt krank , und Trud ist hart mit ihm und glaubt es nicht . Aber ich weiß es und weiß schon , was ihm fehlt : ein Herz fehlt ihm , und das ist es , was an ihm nagt und zehrt . Ja , deine Mutter fehlt ihm , Gret . Er war nicht mehr jung , als er sie von Brügg ' her ins Haus bracht , aber er liebte sie so , und das mußt er auch , denn sie war wie ein Engel . Ja , so war sie . « » Und wie sah sie aus ? Sage mir ' s. « » Ach , du weißt es ja . Wie du . Nur hübscher , so hübsch du bist . Denn es ist , als ob du das blasse Bild von ihr wärst . Und so war es gleich den ersten Tag , als dein Vater dich auf den Arm nahm und sagte : › Sieh , Gerdt , das ist deine Schwester . ‹ Aber er wollte dich nicht sehn . Und als ich ihm zuredete und sagte : › Sieh doch nur ihre schwarzen Augen ; die hat sie von der Mutter ‹ , da lief er fort und sagte : › Von ihrer Mutter . Aber das ist nicht meine . ‹ « » Und wie war denn seine Mutter ? Hast du sie noch gekannt ? « » O gewiß . « » Und war sie schöner ? « » Ach , was du nur frägst , Gretel . Schöner als deine Mutter ? Schöner war keine . ' s war eine Stendalsche , weiter nichts , und der alte Zernitz , der sie nicht leiden konnt und immer über sie lachte , wiewohlen sie mit seiner eignen Frau zum Verwechseln war , der sagte : › Höre , Regine , sieht sie nicht aus wie der Stendalsche Roland ? ‹ Und wahrhaftig , so sah sie auch aus , so steif und so lang und so feierlich . Und auch so schlohweiß , denn sie trug immer selbstgebleichtes Linnen ! Und warum trug sie ' s ? Weil sie geizig war ; und es sollt immer mehr und mehr werden . Denn sie war eines reichen Brauherrn Tochter , und alles Geld , das wir haben , das kommt von ihr . « » Und hatte sie der Vater auch lieb ? « » Ich hab ihm nicht ins Herz gesehen . Aber ich glaub ' s nicht recht . Denn sieh , sie hatte keine Liebe , und wer keine Liebe hat , der findt auch keine . Das ist so Lauf der Welt , und es war just so , wie ' s mit der Trud ist . Aber ein Unterschied ist doch . Denn unsre Trud , obwohlen sie mir das gebrannte Herzeleid antut , ist doch hübsch und klug und weiß , was sie will , und paßt ins Haus und hat eine vornehme Art. Das haben so die Gardelegenschen . Aber die Stendalsche , die hatt es nicht und hat keinem was gegönnt und paßte nicht ins Haus , und wäre nicht der Grabstein mit der langen Inschrift , es wüßte keiner mehr von ihr . Auch Gigas nicht . Und zu dem hielt sie sich doch und ging in die Beichte . « » Und zu dem soll ich nun auch gehen , Regine : morgen schon . Trud ist bei ihm gewesen , und das Spielen und Klettern soll nun ein End haben , und ich soll vernünftig werden , so sagen sie . Aber ich fürchte mich vor Gigas . Er sieht einen so durch und durch , und mir ist immer , als mein er , ich verstecke was in meinem Herzen und sei noch katholisch von der Mutter her . « » Oh , nicht doch , Gret . Er hat dich ja selber getauft . Und jeden Sonntag bist du zur Kirch und singst Doktor Lutheri Lieder , und singst sie , wie sie Gigas nicht singen kann . Ich hör immer deine feine kleine Stimme . Nein , nein , laß nur und ängst ' ge dich nicht . Er meint es gut . Und nun schlaf , und wenn du von dem Puppenspiele träumst , so gib acht , mein Gretel , und träume von der Seite , wo die Engel stehn . « Und damit wollte sie nebenan in ihre Kammer gehen . Aber sie kehrte noch einmal um und sagte : » Und weißt du , Grete , der Valtin ist doch ein guter Jung . Alle Zernitzens sind gut ... Und von dem Valtin darfst du auch träumen . Ich erlaub es dir , ich , deine alte Regine . « 5. Kapitel . Grete bei Gigas Fünftes Kapitel Grete bei Gigas Es war den andern Vormittag , und von Sankt Stephan schlug es eben zehn , als Trud und Grete die Lange Straße hinaufgingen . Trotz früher Stunde brannte die Sonne schon , und beide standen unwillkürlich still und atmeten auf , als sie den schattigen Lindengang erreicht hatten , der , an der niedrigen Kirchhofsmauer entlang , auf das Predigerhaus zulief . Auch dieses Haus selber lag noch unter alten Linden versteckt , in denen jetzt viele Hunderte von Sperlingen zwitscherten . Eine alte Magd , als die Glocke das Zeichen gegeben , kam ihnen von Hof oder Küche her entgegen und wies , ohne gegrüßt oder gefragt zu haben , nach links hin auf die Studierstube . Wußte sie doch , daß Frau Trud immer willkommen war . Es war ein sehr geräumiges Zimmer , mit drei großen und hohen Fenstern , ohne Vorhänge , wahrscheinlich um das wenige Licht , das die Bäume zuließen , nicht noch mehr zu