daß Daisters dabei so gesellig leben können - wenn man im Auswärtigen Amt arbeitet und sich vorbereitet - auf ein Examen ! « Welche Mühe mußte Sophie sich geben zuzuhören . Um sie herum war frohes Stimmendurcheinander ; beglänzte Seidenfalten schimmerten warm und prunkvoll , edle Steine strahlten wie Tautropfen im Sonnenlicht . Aber das Zimmer war für Sophie leer und dunkel , weil der eine noch nicht da war , auf den sie wartete . Nun kam aber aus dem Munde der Senatorin die Bitte , die Sophie aufhorchen machte . » Ich möchte keinen längeren Aufenthalt in Berlin nehmen . Sie haben wohl manchmal davon gehört - Art der Städte - Art der Menschen zu verschieden - ich fühl ' mich hier nicht behaglich . Zu wenig Tradition . - Also kurz : ich muß Sie schon einladen , nach Hamburg zu kommen . Versprechen kann ich ' s natürlich nicht , aber ich zweifle nicht daran : Marieluis wird nicht das einzige Porträt bleiben . « Nach Hamburg - wo zwischen ragenden Schornsteinen , häßlichen , bestaubten und verräucherten Mauern und Dächern , an Wasserläufen , die Lastkähne trugen , irgendwo in einer Vorstadt ihr Allert sein junges Unternehmen zum Erfolg zu führen sich mühte ... Oh ja , wie gern nach Hamburg ... Fort von hier , wo der Freund lebte , dem sie , der ihr nötig war . Alternde Menschen sollen einander nicht berauben - um keine Stunde darf das Schicksal sie betrügen , die hell und tröstlich und voll sanfter Freude sein könnte - denn zu nahe ist jene eine Stunde , wo alles in Dunkelheit mündet ... Oh nein - nicht nach Hamburg ... Sie konnte nicht antworten . Nicht einmal zögernde , hinausschiebende Worte suchen . Denn Thea Daister kam wieder heran , eilig und noch unruhiger . » Das begreife , wer kann ! Rositz hat nicht abgesagt und kommt nicht und telephoniert nicht . - Ich denke , man geht zu Tisch - es ist nur - er sollte Dich führen ... « Die Senatorin machte ein ärgerliches Gesicht . Sie unterhielt sich gern mit bedeutenden Männern . Der Vortragende Rat im Handelsministerium Rositz , von dem es hieß , er werde selbst mal Minister - der wäre ihr gerade als Tischherr recht gewesen . Sein Amt hatte ihn hie und da in Berührung mit Hamburger Handelsherren und Schiffsreedern gebracht . Es fehlte also nicht an Beziehungen . Jetzt trat der kleine elegante Herr von Daister zu seiner ihn überragenden Gattin , mit einem ernsten Ausdruck , der wie eine durchsichtige Maske über seinem flotten , siegessicheren Husarengesicht lag . » Wir können zu Tisch gehen . Rositz kommt nicht . Gräfin Bretten sagt mir eben , er sei sehr krank . Blinddarm . Nun , die Art Sachen kuriert Czermack ja glänzend . - Also ich meine doch ... « Sophie begriff sich nicht - sie vermochte es , sich zu halten , unauffällig zu bleiben , zu sprechen , am Tisch zu sitzen , zwischen Menschen , die ihr wie Phantome erschienen , während ihr selbst war , als träume sie . Ihr einzig klarer Gedanke war : die Gräfin Bretten zu fragen , was die wußte . Weit weg von ihr an dem dritten der großen runden Tische im Speisesaal saß die Gräfin . Sophie behielt immer den braunen Haarschopf im Auge , den ein Pfeil mit Brillanten durchstach - auf ganz altmodische , doch höchst kleidsame Art. Aber nach Tisch , als Sophie sich umsah , war die Gräfin verschwunden . Irgend jemand wußte : sie hatte noch auf den Ball der schwedischen Gesandtschaft gewollt ... Gleich darauf schlich Sophie sich davon . Der Diener begleitete sie hinab - da standen Autos - sie sagte ihre Straße und Hausnummer . - Und kaum , daß das Gefährt davonbrauste , so drückte sie an dem Gummiballon , der dem Führer » Halt ! « zupfiff . Sie nannte ihm die Wohnung des Freundes ... Sie dachte gar nicht : was will ich da ? Sie fühlte nur : es war schon etwas , das Licht hinter seinen Fenstern sehen - Licht ist wie der Strahl des Lebens - wie Sinnbild des Seins - das Unerloschene würde zu ihr sprechen , als sei es Trost . Sie wußte : die beiden Fenster links von der Ecke des ersten Stockwerks - das waren seine Fenster . Zuweilen , wenn sie , von einer Gesellschaft in später Nachtstunde heimkehrend , noch die Tiergartenstraße entlang fuhr , so sah sie in warmem , mildgelblichem Licht diese Fenster hell , und das war ein Zeichen : er arbeitete noch . Nun hielt das Auto - nicht vor der Gitterpforte , sondern , wie Sophie dem Führer befohlen hatte , an der gegenüberliegenden Seite , neben dem Reitweg , am Rande des Tiergartens . » Warten Sie ! « Sophie sah das Licht , nach dem sie sich gesehnt hatte ... und noch viel mehr Licht - aus allen Fenstern brach es - schien die Mauerpfeiler wegzudrängen , die ganze Front in Helle aufzulösen - so blendend schrie dies viele Licht in die Nacht , wie ein prunkendes Fest oder - wie die Angst vor der düsteren Nähe des Todes . Sophie stand am hohen Gitter , zwei von den eisernen Stäben umklammernd , die in Reih und Glied aus der gemauerten Basis emporstiegen . Sie starrte zu seinen Fenstern empor . Alles war still . Keine Schatten glitten über die Vorhänge . Sie hörte gleich einer melancholischen Musik den Wind in den Wipfeln des Tiergartens . Kein Brausen und Rascheln und Wühlen in Blätterfülle . Nur jenes feine Sausen und Schwingen , als seien all die kahlen Reiser Peitschen geworden und schlügen die Nachtluft . Sternenlos , von schweren Schneewolken verhangen , stand der Himmel . Wie eine Bettlerin lauerte sie am Gitter , sie , die dem Mann , der droben lag und litt , die Nächste war - und