Weidebriefes verübten , war ein grobes und übermütiges crimen juris laesi . Man mußte da ein heilsames Exempel statuieren . Ohne Erbarmen ! Oder Hoheit und Besitz des Stiftes mußten an solcher Anmaßung und Schröpferei verbluten . Während Amtmann Someiner beim trüben Laternenschein das alte brüchige Pergament wieder im Schrank verwahrte , erwog er schon den Gedanken , den Ramsauern am Morgen die bewaffnete Exekution über den frechen Hals schicken und die siegelwidrig auf dem Hängmoos weidenden siebzehn Kühe pfänden und davontreiben zu lassen . Aber der Ramsauer Richtmann Runotter ? Dieser Verläßliche und Redliche ? Wie kam es , daß der solch eine schreiende Rechtswidrigkeit geschehen ließ ? Konnten die Ramsauer vielleicht doch ein Fähnlein der Entschuldigung aushängen ? Und auf den Richtmann Runotter , der trotz schwerem Unrecht , das der Chorherr Hartneid Aschacher ihm angetan , noch immer in Treu zu Stift und Recht gestanden , mußte man verdiente Rücksicht nehmen . Als der Amtmann zu dieser wohlmeinenden Erwägung kam , hörte er draußen auf dem Gassenpflaster den klirrenden Schritt der Stiftswache . Er ging in den Flur , riegelte das Haustor auf und rief in die Nacht hinaus : » Höi , Wachleut ! « Die beiden Spießknechte kamen gesprungen . » Wer ist Wachführer ? « » Ich , Gestreng Herr Amtmann , der Marimpfel . « » Gut ! Auf dich ist Verlaß . Komm herein zu mir ! « Herr Someiner hob dem baumlangen Kerl , der in den Flur trat und mit dem Spieß salutierte , die kleine Laterne gegen das Gesicht . Im Lichtschein funkelten des Knechtes Armschienen , die Brustplatten und der blanke Eisenhut , der mit zerzauster Feder über einem verwitterten , von Narben durchrissenen Bartgesichte saß . Der Amtmann sagte : » Um Mitternacht laß dich ablösen und vergönn dir ein lützel Schlaf . Doch eh der Morgen aufgeht , sollst du hinausreiten zum Taubensee und hinauf zum Hängmoos . « Der Knecht lachte . » Da muß ich acht haben , Herr daß ich mein Rössel nit in die graue Supp hineinreit . « » Wir haben nicht Spassenszeit ! « sagte der Amtmann streng . » Auf dem Hängmoos zählst du die Kalben und Ochsen . Aber halte dein Maul vor dem Hirten ! Und tu ihm keinen Trutz an ! Und siehst du auf dem Hängmoos einen Käser stehen und tät es wahr sein , daß da droben Melkvieh weidet , so bring dem Richtmann Runotter eine Ladung vor mein Amt . « » Soll ich Beistand mitnehmen ? Wenn ' s nötig wär , daß man zugreift . « Someiner schüttelte den Kopf . » Der Runotter wird im guten kommen . Er soll bei mir sein , morgen , so lang noch Amtszeit ist . « » Wohl , Gestreng Herr Amtmann ! Wird geschehen . « Als Marimpfel wieder draußen auf der Gasse war , tuschelte sein Kamerad die Frage : » Ist was Lustigs los ? « » Ich schmeck , man will einen Baurenschädel zwiefeln . Einen , dem ich ' s gönn ! Weil er die Nasenlöcher gar so weit auftut . Solcher Hochmut wachst , seit die Herren zu gut sind . War ich der Probst , ich möcht den Mistbrüdern einen Flohbeiß auf die Haut setzen , daß sie springen müßten , wie man winkt . « Der so redete , war selber ein Ramsauer Kind und eines leibeigenen Bauern Sohn . Was die Schärpenfarbe für üble Wunder wirkt ! Geschworener Knecht eines Herren werden , eines Herren Wehr und Farben tragen , und schlagen und stechen müssen auf des Herren Wink - das heißt , ein Hofmann sein , und heißt , verachten dürfen , was tiefer steht , und heißt , was Besseres werden , denn man gewesen als seiner Mutter Kind . Die beiden Spießknechte schritten über den Marktplatz gegen das Stiftstor hin , vor dem das Pfannenfeuer brannte . Im Widerschein der roten Loderflamme waren die Kanten des Gemäuers und die Säume der steilen Dächer wie von rinnendem Blut übergössen . Und hinter den dunklen Firsten stiegen die Türme des Münsters und der neuen Pfarrkirche in die sternschöne Nacht hinauf , gleich schwarzen , himmelhohen Riesen , die sich in der Finsternis aus den Schlünden der Erde erhoben hatten , um Ausschau zu halten über das Tun und Leben der kleinen Menschen . In des gestrengen Amtsmanns Hause hatte Herr Someiner das Flurtor wieder fest verriegelt . Und hatte die drei Hängeschlösser wieder gesperrt , am Pergamentkasten , an der Tür der Amtsstube , am eisernen Gitter . Als er mit dem schwankenden Laternchen die enge , steile Treppe hinaufstieg , war er des redlichen Glaubens , daß er im Dienste seines fürstlichen Herrn , des Erzpropstes zu Berchtesgaden , eine dringende Pflicht seines Amtes gewissenhaft und mit klugem Bedacht erfüllt hätte . In der Wohnstube war der Tisch geräumt . Auf dem Eisenreif Brannte nur noch eine einzige Kerze ; die Hausfrau hatte die drei andern Lichter ausgelöscht . Und leise sprach bei diesem sparsamen Zwielicht das Pendel in dem alten Uhrkasten : » Bau ! Bau ! « Herr Someiner verwahrte den Schlüsselbund , löschte das Laternchen und blies auf dem Eisenreif die letzte Kerze aus . Nun war die Stube finster . Nur um die verbleiten Scheiben des Erkers zitterte , vom Pfannenfeuer des Stiftes her , ein matter , rötlicher Schein . Im Uhrkasten sagte die schwingende Stimme unablässig : » Bau ! Bau ! Bau ! « Diese Uhr , deren Räderwerk kein lebendes Herz , nur stählerne Federn und wirkende Gewichte hatte , war klüger , als Menschen sind . Immer wieder sprach sie in der stillen Nacht ihr schlummerloses Mahnwort . Doch in dieser stillen Nacht , in der ein Rechtsbeschützer seine Pflicht gewissenhaft erfüllt zu haben wähnte , begann im Berchtesgadener Land ein sinnloses Zerstören und grauenvolles Vernichten . 2 Als der Morgen dämmern wollte , jagte ein Reiter gegen die Ramsau hinaus . Bevor