Bewegung , ein Niveau , eine Richtung , ein Protest , ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch , aus uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen - Wahnmoching ist noch vieles , vieles andere , und das werden Sie erst allmählich begreifen lernen . Aber für heute sei es des Guten genug , sonst möchte noch die aufgehende Sonne uns hier im Zwiegespräch überraschen . « Damit trennten wir uns . 4 20 .... Mir fehlte etwas der Mut , zu diesem Jour zu gehen , aber Doktor Gerhard nahm mich mit . Ziemlich viele Leute , die sich in mehreren Räumen verteilten , die Frau des Hauses an einem gemütlichen Eckplatz hinter der Teemaschine , um die herum eine Anzahl junger Leute und Damen . Als wir eintraten , schwieg alles ein paar Minuten lang - ich merkte später , daß es jedesmal so war , wenn jemand Neues kam . Gerhard stellte mich vor und fügte statt meiner hinzu : » Gnädige Frau , mein junger Freund heißt nämlich so . « Frau Hofmann empfing mich sehr liebenswürdig - ihr Mann habe ihr schon von mir erzählt . Dann wandte sie sich an die anderen : » Denken Sie nur , Herr Dame wußte bis vor kurzem nicht , daß er in Wahnmoching wohnte . « Man betrachtete mich , wie mir schien , mit verwundertem Wohlgefallen , und ich war durch diese Bemerkung gewissermaßen eingeführt . Ich langweilte mich etwas , denn da ich niemand kannte , mußte ich vorläufig auf meinem Platz bleiben und Tee trinken . Gerhard machte vor einem jungen Mädchen halt - neben ihr auf einem Tischchen stand ein grüner Frosch aus Porzellan oder Majolika - und sagte etwas wehmütig : » Gnädiges Fräulein - Sie sollten eigentlich immer einen grünen Frosch neben sich sitzen haben . « Dann ging er weiter von einer Gruppe zur anderen und sagte wahrscheinlich ähnliche Dinge , denn wo er hinkam , wurde es gleich etwas belebter . Ich beneidete ihn im stillen um diese Gabe , denn ich konnte mich nicht recht in die Konversation hineinfinden . Es war die Rede von Menschen im allgemeinen , von ihrem Wesen , und worauf es dabei ankäme . Der Professor sagte etwas überstürzt und definitiv : » Auf die Geste kommt es an . « Die jungen Herren , es waren zwei oder drei , nickten bedeutungsvoll zustimmend , und die ältere Dame aus dem Café - die kappadozische - , die ich gleich wiedererkannt hatte , sagte lebhaft : » Ich hätte gedacht - in erster Linie auf die Echtheit des Empfindens . « » Empfinden ist immer echt « , bemerkte Hofmann wieder sehr definitiv , so daß man nicht anders konnte als ihm beistimmen . Aber Gerhard , der jetzt wieder neben dem Tisch stand und ein Bild betrachtete , warf milde ein : » Nun , das kann man doch nicht so ohne weiteres hinstellen , es gibt wohl auch leere und bedeutungslose Gesten , die durch das Empfinden nicht gerechtfertigt werden . Und ich meine , man darf nicht so schlechthin von der Geste sprechen . « Worauf die Frau des Hauses förmlich triumphierend meinte : » Nun , worauf es ankommt , ist eben der Stil . « » Gewiß , aber nicht jeder « , korrigierte ihr Mann und sah etwas beleidigt aus . » Die Geste ist überhaupt die geistleibliche Urform alles Lebens , und der Rhythmus der Geste ist der Stil . « Die anderen hörten ganz begeistert zu , und die Kappadozische äußerte : » Das haben Sie wieder ganz wunderbar gesagt . « Gerhard räusperte sich ein paarmal , als ob er nicht ganz einverstanden wäre , dann brach er auf , und ich schloß mich ihm an . Zum Herrn des Hauses sagte er noch : » Lieber Professor , ich hoffe , mein junger Freund wird noch öfter Gelegenheit finden , mit Ihnen zusammenzukommen . « Der Professor schüttelte mir wiederholt die Hand und sah mich ganz zerstreut an . Als wir hinausgingen , sagte er halblaut zu Gerhard : » Ihr Freund ist ein wundervoller Mensch . « Warum wohl - ich hatte den ganzen Abend kaum zehn Worte gesagt und das meiste , was sie sprachen , nicht verstanden , zudem , wie Gerhard mir nachher sagte , einen schweren Fauxpas begangen , indem ich der Frau Professor sagte : ich sei sehr begierig , den Meister kennenzulernen . So etwas dürfe man nicht tun - es wäre eine Art Gotteslästerung . Er pflege sich im dritten Zimmer aufzuhalten , und nur , wer würdig befunden sei , würde ihm vorgestellt ; zum Beispiel jener verklärte Jüngling , der vorhin leise mit der Hausfrau sprach und dann plötzlich verschwand . Das gehöre eben auch zur Geste . Geste - Geste - was soll man darunter verstehen ? wie war es noch ? - die geistleibliche Urform alles Lebens . Hier wird ja überhaupt so viel vom Leben gesprochen , und immer so , als ob es durchaus nichts Selbstverständliches sei , sondern gerade das Gegenteil . Aber gerade darin liegt wohl etwas , was reizt und anzieht - ich möchte ja selbst endlich einmal dahinterkommen , was es eigentlich mit dem Leben auf sich hat - ob es etwas ganz Selbstverständliches oder etwas ungeheuer Kompliziertes ist . Heinz zum Beispiel tut ja , als ob er hier in diesem sonderbaren Stadtteil den Stein der Weisen gefunden hätte . Und mir ist , seit ich hier bin , zumut , als ob ich nur in Rätseln sprechen höre und mich zwischen lauter Rätseln bewege . Ich fühle mich ziemlich unglücklich , und in meinem Kopf ist es wirr und dunkel . Anmerkung Hier sind mehrere Seiten herausgerissen , und statt dessen findet sich eine Anzahl fast unleserlicher Zettel mit Bleistiftnotizen . Dann folgt quer über die Seiten hingeschrieben ein Eintrag von Frauenhand : - ich habe dieses Heft - Ihr Tagebuch ,