und gar nicht zu ihr Gehöriges . Sie lag da wohl in dem schmalen Bett unter der häßlichen rosa Kattundecke , aber sie hatte nicht die Empfindung , als sei dieses die Wirklichkeit , wirklich für sie war noch die Welt des Traums , aus der sie eben emportauchte . Jede Nacht führte er sie in ihr früheres Leben zurück , jede Nacht mußte sie ihr früheres Leben weiter leben . Am besten war es noch , wenn sie sich in dem alten Heimatshause ihrer frühen Jugend dort in der kleinen Provinzstadt befand . Ihre Mutter lag wieder auf der Couchette , hatte Migräne und eine Kompresse von Kölnischem Wasser auf der Stirn . Sie hörte wieder die klagende Stimme : » Mein Kind , wenn du verheiratet sein wirst und ich nicht mehr sein werde , dann wirst du an das , was ich dir gesagt habe , oft zurückdenken . « Und dieses Wort » wenn du verheiratet sein wirst « , das in den Gesprächen ihrer Mutter immer wiederkehrte , gab Doralice wieder das angenehme , geheimnisvolle Erwartungsgefühl . Draußen der schattenlose Garten lag gelb vom Sonnenschein da , die langen Reihen der Johannisbeerbüsche , das Beet mit den Chrysanthemen , die fast keine Blätter und stark geschwollene bronzefarbene Herzen hatten . Auf der Gartenbank schlummerte Miß Plummers . Das gute alte Gesicht rötete sich in der Mittagshitze . Doralice ging unruhig in Kieswegen auf und ab , das eintönige sommerliche Surren um sie her kam ihr wie die Stimme der Einsamkeit und der Ereignislosigkeit vor . Aber gerade hier in dem alten Garten fühlte sie es stets am deutlichsten , daß dort jenseits des Gartenzaunes eine schöne Welt der Ereignisse auf sie wartete . Sie fühlte es körperlich als seltsame Unruhe in ihrem Blut , sie hörte es fast , wie wir das Stimmengewirr eines Festes hören , vor dessen verschlossenen Türen wir stehen . Nun und dann war diese Welt gekommen , in Gestalt des Grafen Köhne-Jasky , des hübschen älteren Herrn , der so stark nach new mown hay roch , Doralice so verblüffende Komplimente machte und so unterhaltende Geschichten erzählte , in denen stets kostbare Sachen und schöne Gegenden vorkamen . Daß Doralice eines Tages ihr weißes Kleid mit der rosa Schärpe anzog , daß ihre Mutter sie weinend umarmte und der kleine kohlschwarze Schnurrbart des Grafen sich in einem Kusse auf ihre Stirn drückte , war etwas , das selbstverständlich notwendig war , etwas , auf das Mutter und Tochter ihr bisheriges Leben über gewartet zu haben schienen . Am häufigsten aber befand Doralice sich im Traum in dem großen Salon der Dresdner Gesandtschaft . Immer lag dann ein winterliches Nachmittagslicht auf dem blanken Parkett . In den süßen Duft der Hyazinthen , die in den Fenstern standen , mischten die großen Ölbilder an der Wand einen leichten Terpentingeruch . Von der anderen Seite des Saals kam ihr Gemahl entgegen , sehr schlank in seinen schwarzen Rock geknüpft , die Bartkommas auf der Oberlippe hinaufgestrichen . Ein wenig zu zierlich aber hübsch sah er aus , wie er so auf sie zukam , die glatte weiße Stirn , die regelmäßige Nase , die langen Augenwimpern . Allein der Traum spielte ein seltsames Spiel , je näher der Graf kam , um so älter wurde dies Gesicht , es welkte , es verwitterte zusehends . Er legte den Arm um Doralicens Taille , nahm ihre Hand und küßte sie . » Scharmant , scharmant « , sagte er , » wieder eine reizende Aufmerksamkeit . Wir haben unsere Ausfahrt aufgegeben , weil wir wußten , daß der Gemahl heut nachmittag ein Stündchen frei hat . Da wollen wir ihm Gesellschaft leisten und ihm selbst den Tee machen . Gute Ehefrauen habe ich schon genug gesehen , Gott sei Dank , es gibt noch welche , aber ma petite comtesse ist eine raffinierte Künstlerin in Ehedelikatessen . « Doralice schwieg und preßte ihre Lippen fest aufeinander und hatte das unangenehm beengende Gefühl , erzogen zu werden . Natürlich hatte sie ausfahren wollen , natürlich hatte sie gar nicht gewußt , daß der Gemahl heute eine Stunde frei hatte und hatte auch gar nicht die Absicht gehabt , ihm Gesellschaft zu leisten . Allein das war seine Erziehungsmethode , er tat , als sei Doralice so , wie er sie wollte . Er lobte sie beständig für das , was er doch erst in sie hineinlegen wollte , er zwang ihr gleichsam eine Doralice nach seinem Sinne auf , indem er tat , als sei sie schon da . Hatte sich Doralice in einer Gesellschaft mit einem jungen Herrn zu gut und zu lustig unterhalten , dann hieß es : » Wir sind ein wenig vielverlangend , ein wenig sensibel , man kann sich die Menschen nicht immer aussuchen ; aber du hast ja recht , der junge Mann hat nicht einwandfreie Manieren , aber soviel es geht , wollen wir ihn fernhalten . « Oder Doralice hatte im Theater bei einem Stück , das dem Grafen mißfiel , zu viel und zu kindlich gelacht , dann bemerkte er beim Nachhausefahren : » Wir sind ein wenig verstimmt : schokiert , wir sind ein wenig zu streng , aber tut nichts , du hast ganz recht , es war ein Fehler von mir , dich in dieses Stück zu bringen . Ich hätte ma petite comtesse besser kennen sollen , vergib dieses Mal . « Und so war es in allen Dingen , diese ihr aufgezwungene fremde Doralice tyrannisierte sie , schüchterte sie ein , beengte sie wie ein Kleid , das nicht für sie gemacht war . Was half es , daß das Leben um sie her oft hübsch und bunt war , daß die schöne Gräfin Jasky gefeiert wurde , es war ja nicht sie , die das alles genießen durfte , es war stets diese unangenehme petite comtesse , die so sensibel und so reserviert war und ihrem Gemahl gegenüber immer recht