den höchsten Wert haben könne , wenn es auf eine schöne Weise die Saiten des Lesers tönend angeschlagen habe , begreift Ihr nicht . Wie es bebt und rauscht und klingt , nachdem Ihr das Gedicht zu Ende gelesen und seinen Flügelschlägen nachlauscht - das ist Euch zu unbefriedigend , Ihr wollt die Flügel so lange sehen , bis sie am Boden liegen . Ihr seid Philister . Alles Ende ist prosaisch - ein Gedicht , dessen Schluß den Raum des Gedichts offen läßt , entfaltet die meiste Poesie . Ihr platten Leute wollt eine tranchierende Sentenz am Ende , damit Euerm ängstlichen Gewissen geholfen werde , sonst werdet Ihr unruhig , unbehaglich , weil Ihr die peinliche Abgeschlossenheit liebt . Geht , geht , Ihr seid Rechenexempel . Von Konstantin hab ' ich Nachricht , will Dich aber nicht damit behelligen . 5. Leopold an Valerius . Kupido schreibt seinem lieben Zuverlässigen . Ich sehe Dich lächeln , Du ernster Gesell , denn Du vermutest sogleich ein Anliegen , ein Geschäft , sonst - meinst Du - kommt der Schmetterling nicht zum Schreiben . Ich werde Dich nächstens hassen , weil Du mir gegenüber immer recht hast . Du bist wirklich ein fataler Mensch mit Deiner Ruhe : wärst Du wenigstens ein Pedant wie William , so könnte man doch über Dich lachen , aber so wie Du bist , bist Du doch eigentlich gar nicht amüsant . Da ich einmal schreibe , so könnte es sich begeben , daß ich im Schusse die eigentliche Veranlassung vergäße - lächle nicht wieder , lieber Valerius , ich bitte Dich , es ist mir unbequem - ich will also gleich damit anfangen . Ich wohne hier auf einer reizenden Villa bei äußerst lieben Leuten ; der Graf Topf ist zwar , wie Du ' s nennst , ein eingefleischter Aristokrat , indessen weißt Du , daß mich das wenig kümmert ; er ist ein poetisches Gemüt . Wäre es nicht Dir gegenüber , so würde ich sagen , das sei mehr wert als alles andere . Still doch - ich hab ' es ja nicht gesagt , hinweg mit der Stirnrunzel ! Ein klein wenig Eitelkeit - mein Gott , wer ist nicht eitel - mag wohl auch teil dabei haben ; er spielt gern den Mäcen und da ich ihm von unserm poetischen Vereine erzählte , so besteht er darauf , die Mitglieder alle hier auf seinem Schlosse zu sehen und zu bewirten . Ich habe Dich kühlen Mann als einziges wahrscheinliches Hindernis genannt , deshalb tat er das Unerhörte und schrieb eine verbindliche Einladung an Dich . Du hältst sie als rosenfarbene Beilage meines Briefes in der Hand . Sei freundlich , teile die Aufforderung den andern mit , und kommt her in das Reich der Düfte und Töne , der süßeste Rausch wird über Euch kommen , ich lebe wie ein kleiner Liebesgott und habe Euren Beinamen nie besser verdient . Ich wiege mich von einer Seite der klingenden Tiekschen Gedichte auf die andere , ich schwebe auf Akkorden , ich bin wie entpuppt und säusle wie Psyche körperlos durch die Lüfte . Mein ganzes Wesen ist der liebenswürdigste Argus mit hundert Augen für eitel Schönheit , der alte kleine Leopold begegnet mir nur zuweilen und überrascht mich wie ein wiedergefundener Bekannter , ich bin durch und durch ein neuer Gedanke von Glück und Liebe . - Wie Du sanft lächelst ob meiner Überschwenglichkeit , nicht wie ein Mephisto , aber wie ein Weiser der kühlen Stoa - sieh , das macht Dich mir so liebenswert , daß ich immer wieder meine heiße Brust an Dein kühles Haupt lege : Du gewährst ja der Persönlichkeit ihr Recht . Ich lasse mich nur von Dir gern schelten . William dagegen erbittert mich . Nun horch , was mich hier so unsäglich beglückt . Der Graf hat eine Tochter , Alberta , schön wie Diana , spröde wie Diana , göttlich wie Diana - jeder Gedanke in mir liebt sie , und jeder Gedanke an sie ist Poesie . Ihr Kopf ist der einer Madonna , die ihre Verklärung ahnt , die noch nicht geliebt hat , aber auf den Lippen , auf den Augenwimpern die schalkhaften Liebesgötter hebt und wiegt , die ihr zuflüstern , daß sie unendlich lieben werde . Der Ausdruck ihrer Züge ist ein seliges , träumerisches Aufwachen , ihr wie ein Blumenkelch sich aufschließendes Ganze lispelt zauberisch : Ich fühl ' s , ich werde lieben . Wie über der Blume schimmert der Tau der Sehnsucht , der frische Morgen - ach es ist ein unbeschreiblich liebes Mädchenbild , und ich muß mir die Augen zuhalten , um ungestört mit ihr kosen zu können . Sie ist fein , aber rund und voll gewachsen . Trotz ihrer sonstigen Sanftmut trägt sie den Kopf keck und stolz und geht in einer sehr vornehmen Haltung einher . Ihr Haar ist rabenschwarz , sie trägt es glatt und ungelockt , meist verhüllt durch eine Art leichten Turbans , den sie mit großer Geschicklichkeit zu drapieren weiß , so daß er wie ein keckes Bürschchen herunterschaut . Die Stirn ist schön wie ein Marmortempel , die Augen - ach wenn ich Dir sagen könnte , was es mit diesen Augen , mit diesen lispelnden Mundwinkeln für eine Beschaffenheit hätte ! In den Augen und auf dem Munde ruht jene Sehnsucht des betauten Blumenkelchs . Das Auge ist groß und schwarz , aber nicht stechend schwarz , nein , weich wie Sammet und Seide , weich wie die Nachtluft im heißen Sommer , glänzend wie ein dunkler Wasserspiegel , der in ungestörter Ruhe zwischen den hohen Bergen Tirols lagert . In seinen Tiefen glaubt man bezauberndes Glockengeläut zu hören , Städte von fabelhafter Pracht und Herrlichkeit liegen zu sehen . Albertas Auge ist das Märchen von tausend und einer Nacht , und die langen dunkeln Wimpern beschatten es wie die träumerische Palme Arabiens zur Zeit der Dämmerung ; fein und