Daumerschen Bericht bestätigen . Wenige Tage später , gegen Anfang Juli , veröffentlichte der Bürgermeister einen Aufruf , der im ganzen Land Verwunderung und Beunruhigung erregte . Zunächst wurde darin das Erscheinen Caspar Hausers geschildert , und nachdem die eigne Erzählung des Jünglings mit tunlichster Ausführlichkeit wiedergegeben war , beschrieb der Verfasser diesen selbst . Er sprach von der alle Umgebung bezaubernden Sanftmut und Güte des Knaben , in der er anfangs immer nur mit Tränen und nun , im Gefühl der Erlösung , mit Innigkeit seines Unterdrückers gedenke ; von seiner rührenden Ergebenheit an diejenigen , die häufig mit ihm umgingen , von seiner unbedingten Willfährigkeit zum Guten , die mit der Ahnung dessen verbunden sei , was böse ist , ferner von seiner außerordentlichen Lernbegierde . » Alle diese Umstände « , fuhr der beredsame Erlaß fort , » geben in demselben Maß , indem sie die Erinnerungen des Jünglings bekräftigen , die Überzeugung , daß er mit herrlichen Anlagen des Geistes und des Herzens ausgestattet ist , und berechtigen zu dem Verdacht , daß sich an seine Kerkergefangenschaft ein schweres Verbrechen knüpft , wodurch er seiner Eltern , seiner Freiheit , seines Vermögens , vielleicht sogar der Vorzüge hoher Geburt , in jedem Fall aber der schönsten Freuden der Kindheit und höchsten Güter des Lebens verlustig geworden ist . « Eine kühne und folgenschwere Vermutung , die eher dem mitleidigen Gemüt und dem romantischen Geist als der behördlichen Vorsicht eines hohen Bürgermeisteramtes zur Ehre gereichte . » Zudem beweisen mancherlei Anzeichen « , hieß es weiter , » daß das Verbrechen zu einer Zeit verübt worden , wo der Jüngling der Sprache schon einmal mächtig gewesen und der Grund zu einer edeln Erziehung gelegt war , die gleich einem Stern in finsterer Nacht aus seinem Wesen hervorleuchtet . Es ergeht daher an die Justiz- , Polizei- , Zivil- und Militärbehörden und an jedermann , der ein menschliches Herz im Busen trägt , die dringende Aufforderung , alle , auch die unbedeutendsten Spuren und Verdachtsgründe bekanntzugeben . Und nicht etwa deswegen , um Caspar Hauser zu entfernen , denn die Gemeinde , die ihn in ihren Schoß aufgenommen , liebt ihn , betrachtet ihn als ein von der Vorsehung ihr zugeführtes Pfand der Liebe , das sie ohne gültigen Beweis der Ansprüche andrer nicht abtreten wird , sondern nur , um die Übeltat zu entdecken und den Bösewicht samt seinen Gehilfen der gerechten Sühne auszuliefern . « Wahrscheinlich wurden von den Urhebern große Hoffnungen an das Manifest geknüpft , aber die Sache nahm einen ganz unerwarteten Verlauf und bereitete den Nürnberger Herren mancherlei Verlegenheiten . Zunächst lief eine Menge unsinniger und verleumderischer Bezichtigungen ein , durch welche eine Reihe von adligen Familien und von intimen Vorgängen in aristokratischen Kreisen dem Gerede ausgesetzt wurden : Kindesmord , Kindesraub , Kindesunterschiebung waren nach Ansicht des gemeinen Volks Verbrechen , welche die vornehmen Leute täglich und zum Vergnügen begehen . Schlimmer war es , daß die magistratische Bekanntmachung dem Appellhof des Rezatkreises auf nichtamtlichem Weg zu Händen kam . Irgendein grimmiger Hofrat am selben Gerichtshof erließ alsogleich ein gepfeffertes Schreiben an die Kreisregierung in Ansbach , worin erstlich die Publikation des Nürnberger Bürgermeisters als vorschriftswidrig , zweitens als abenteuerlich bezeichnet wurde , und worin drittens der lebhafte Tadel darüber ausgedrückt war , daß durch das verfrühte Preisgeben wichtiger Umstände eine Kriminaluntersuchung wenn auch nicht vereitelt , so doch sehr erschwert worden sei . Der ergrimmte Hofrat ersuchte daher die Regierung , den Magistrat zu strenger Rechenschaft zu ziehen und zu befehlen , daß die den Fall behandelnden Polizeiakten unverzüglich anher zu senden seien . Die Regierung ließ sich das nicht zweimal sagen . Sie sendete ein Reskript an den Stadtkommissär von Nürnberg und äußerte sich dahin , daß die erzählte Lebensbeschreibung des Findlings so viele grobe Unwahrscheinlichkeiten enthalte , daß der Gedanke an eine ärgerliche Täuschung nicht abzuweisen sei . Gleichzeitig wurden die noch vorhandenen Exemplare des » Intelligenzblattes « und des » Friedens- und Kriegskuriers « , in welchen Zeitungen der Aufruf erschienen war , beschlagnahmt . Dies wurde dem Appellhof ordnungsgemäß mitgeteilt und die Erwägung daran geknüpft , ob die strafrechtliche Verfolgung des Häftlings einzuleiten sei oder nicht . Den Magistratsherren fuhr ein heilloser Schrecken in die Glieder . Schleunigst ließen sie die Aktenfaszikel zusammenpacken und schickten sie mit Eilpost nach Ansbach hinüber . Vielleicht wähnten sie , daß nun alles gut sei aber der grimme Hofrat dort selbst erhob alsbald wieder seine Stimme . » Die Verhöre mit dem Häftling und die Zeugnisse über ihn sind aktenmäßig nicht einwandfrei « , zeterte er ; » es sind keineswegs alle Personen , die zuerst mit ihm in Berührung getreten sind , polizeilich vernommen worden ; ferner hätte der Professor Daumer , um der öffentlichen Bekanntmachung des Magistrats eine rechtliche Basis zu geben , seine Gespräche mit dem Findling zu den Akten legen sollen . « Die Regierung , um ein übriges zu tun , warnte den Magistrat vor einseitigem Verfahren . Darauf erwiderte der Magistrat in einem Anfall von Trotz und Entrüstung : ja , aber in den Maßregeln , wie ihr sie verlangt , liegt Gefahr , die Entdeckung zu hemmen , welche Anklage die vorgesetzte Behörde mit zorniger Energie zurückwies . Holt eure Versäumnisse nach , diktierte sie , protokolliert Verhöre , schickt Akten , Akten , nichts als Akten . Mit innerer Wut hatte der Professor Daumer diese Vorgänge verfolgt . Er bezeichnete das Treiben der Ansbacher Behörde als widerwärtige Federfuchserei und hatte allen Ernstes die Absicht , seinem Unmut in einer geharnischten Epistel an die Regierung Luft zu machen . Mit Mühe hielten besonnene Freunde ihn davon zurück . » Aber es muß doch etwas geschehen ! « warf er ihnen voll Empörung entgegen , » man ist ja auf dem besten Weg , einen Justizmord zu begehen , und soll ich dazu die Hände in den Schoß legen ? « » Das ratsamste wäre « , antwortete der Freiherr von Tucher , der bei