dunklen Zimmer saß , stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch , andächtig nach ihm schauend , ob ich es schon in der Finsternis nicht sehen konnte . Durch das Schweigen der weiten Wohnung , in welcher sämtliche Türen offenstanden , tönten melodische Laute : das weiche Gurren eines Turteltaubenpaares aus dem nachtschwarzen Speisezimmer und drüben , vom kronleuchtererhellten Saale das träumerische Trillerschwirren eines Kanarienvogels , von jenen , welche beim künstlichen Lichte singen . Da saß ich nun und wog mein Schicksal . Wie zweierlei Odem aus entgegengesetzten Weltgegenden umschauerte es mich ; in der Mitte aber drohte die Frage : » Darfst du ? Sprießt der Größe mit dem Glück ein Vergleich ? « - Traurig vernahm ich die Frage , ahnend , daß die Antwort verneinend ausfallen müsse , sonst hätte ja die Frage nicht verlautet . Mein Herz aber , die Gefahr spürend , begann zu toben : » Deine Größe « - schrie es - » der du mich opfern willst , wo ist sie ? Zeig her , beweise deine Werke ! - Zukunftsgröße ? Ei , wer bürgt dir denn , daß du sie nur erlebst , die Zukunft ? Es gibt Krankheiten , es gibt einen Tod . Oder wähnst du dich etwa den Nöten der Natur enthoben ? Doch gesetzt , du bleibest leben , woher beziehst du es , das Märlein deiner künftigen Größe ? Bitte , sage , woher ? Aus deinem Selbstbewußtsein ? O Jammer ! o Fastnacht ! Nimm mirs nicht übel , laß mich lachen . Nach Zehntausenden zählt man sie , die Jünglinge , die großwichtig von ruhmwürdigen Taten träumen ; mit einem Selbstbewußtsein , so riesig , daß sie zur Weltkugel aufschwellen . Und was wird später aus ihnen ? Schau hin : unnütze Wichte , Nullen , mit Bitterkeit gefüllt und mit Selbstkrieg behaftet . Oder meinst du etwa , dein Selbstbewußtsein wäre von besserem Karat ? Weswegen ? Woher ? Weil es größer ist ? Um so schlimmer , um so gewisser , daß du ein Tropf bist ! Größenwahn , mein Teuerster ! gemeiner germanischer Schulbubengrößenwahn ! Nur , daß die andern , weniger unbescheiden , weniger verbohrt als du , den bübischen Blast mit dem Staatsexamen abzuwerfen pflegen . Viktor , ich sage dir , dein sogenannter Beruf mitsamt deiner eingebildeten künftigen Größe ist eitel Wunsch und Wind ; das köstliche Geschenk dagegen , das dir die Gunst des Schicksals heute anbietet , ist haltbare , weltwirkliche Seligkeit . Lächerlichkeit über dich und Reue , lebenslängliche höllische Reue , lässest du für ein gaukelndes Irrlicht der Eitelkeit dein Liebes- , dein Lebensglück entgleiten . Nicht einmal Mitleid wird man dir zollen , wenn du elendiglich verendest , sondern statt des erhofften Nachruhms wird über deinem Grabe der Gedenkspruch warnen : Hier platzte eine Blase . « Da lernte ich zum ersten Male in meinem Leben den Zweifel . Unsicher erwiderte ich : » Du weißt doch , oh mein Herz , daß ich meinen Beruf , meinen Glauben , mein Selbstbewußtsein nicht aus mir selber beziehe , sondern - « » Sondern von wem ? « - höhnte das Herz - » gelt , du verstummst ? gelt , du schämst dich vor deinem Verstande , deine Torheit mit deutlichen Worten auszusprechen ? Weil du , ob du dirs schon nicht gestehst , in deinem Innersten spürst , daß du einen kindischen Götzendienst züchtest , an Stelle eines anständigen , namhaften , weltschöpferischen Gottes ein wesenloses , selbstgeschaffenes Gespenst anbetend , ein luftiges Spiegelbild deiner eigenen Seele , das du mittels Phantasie-Kunststücklein außer dich setzest , in der albernen Hoffnung , daran über dich selber emporzuklettern wie Münchhausen an seinem Zopf . Nicht einmal den Namen deines Götzen wagst du ja ohne Erröten zu bekennen . Was ist das , deine geheimnisvolle Herrin deines Lebens , die Strenge Frau , der du mit fanatischer Hingebung dienst wie ein Prophet seinem Jehova ? Ich will dir sagen , wer deine Strenge Frau ist ! Jeder Student kennt sie , jeder Pfuscher , jeder Polterabenddichter , jeder Zuckerbäcker : Die Muse ist es , verjährten Angedenkens ; die alte abgeschmackte Allegorientante , die Patin der Leblosigkeit , die Schutzpatronin des Nichtkönnens . Und solch einem verstaubten , von der Landstraße aufgelesenen Lehrbegriff soll ich mich von dir Narren verkaufen lassen ? Wegen dieses Schulstubentrödels wagst dus und willst meine Seligkeit verschachern ? Was schäumst du , was entrüstest du dich ? Daß ich deine Strenge Frau gemeinhin eine Muse nenne ? - Wäre sie nur wenigstens eine Muse ! - Aber sie ist ja nicht einmal das ! Eine Muse lehrt doch einen Gymnasiasten zwei Verse wohl oder übel zusammenleimen . Kannst du das ? Und was kannst du denn sonst , du dreißigjähriger Bube ? Gar nichts kannst du , nicht einmal einen gerechten Satz auf ein Stück Papier schreiben ! Eine Null warst du , eine Null bist du , und eine Null wirst du bleiben ; ungefähr wie die übrigen , nur noch um eine Nummer unbedeutender . Die übrigen aber bescheiden sich , und zum Lohne dafür dürfen sie glücklich sein . Bescheide dich , und du darfst es gleichfalls ! « In dieser Not flüchtete ich zu ihr selber , der Herrin meines Lebens , der Strengen Frau : » Siehe , mein Herz versucht mich schwaches Menschenkind ; mit Reue mich bedrohend , deinen heiligen Ursprung leugnend , dich eine gemeine Muse schmähend . Darum höre : Ich , der dir ohne Murren alle Hündlein meines Herzens dahingegeben , damit du sie erwürgest , ich heische heute , ehe ich dir das letzte , schwerste Opfer bringe , von dir ein Zeichen , daß du kein täuschend Trugbild bist , ein Pfand , daß du Gewalt und Macht hast , tauglich , mich ans Ziel zu geleiten . Gib mir das Pfand , gewähre mir das Zeichen , und ich gehorche . Wo nicht