immer derselbe , was er empfand , empfinden wir noch , nur die Phasen des Zusammenlebens erfahren die Veränderungen und bilden die Geschichte . Welch ein Abstand zwischen dem römischen Reich und dem heutigen Kirchenstaat ! Beide wollten ein Weltreich gründen und beherrschen , aber jenes realistisch , durch die Macht ungeheurer Kräfte und den Eroberungstrieb angehender Zivilisation , dieser durch eine beschränkte und beschränkende Idee . « » Ja , wahrlich , wenn man den heutigen Kirchenstaat betrachtet , « versetzte Raden , » so kann man nichts mehr von einer großen , weltbewegenden Idee entdecken . Er ist eine Organisation einzig in ihrer Art und darin liegt noch seine Macht . Es hat ja wohl Momente gegeben , wo ein paar gewaltige Persönlichkeiten unter den Päpsten einen Traum von Weltherrschaft träumten , aber jetzt ist das alles ein kleines , meskines Treiben der Politik , wie überall , geworden . Ich habe gerade gestern abend bei der Herzogin wieder von wohlunterrichteten Leuten gehört , wie man hier die Politik betreibt ; liberal tuend und liebäugelnd am Tag mit den Franzosen und der liberalen Partei und am Abend sarkastische Bemerkungen und bitteres Lächeln über dieselben im Kreise seiner reaktionären Verbündeten , der Österreicher . Und auch was die moralische Seite der beiden geschichtlichen Epochen betrifft , bleibt der Vorzug der heidnischen . Die Korruption im römischen Kaiserreich war haarsträubend , aber wenigstens ehrlich und offen , wie etwas zu der Tagesordnung Gehöriges , und die römischen Hetären gaben den griechischen vielleicht nur wenig nach , an deren Spitze eine Aspasia stand , die es wert war , von Perikles geliebt und verteidigt zu werden . Aber die Moral hier unter dem Szepter des Heiligen Vaters , mit dem ganzen Olymp der Kardinäle und Prälaten als Vorbilder , die doch eigentlich halbe Heilige sein sollten , und mit einer das ganze Leben regelnden Kirche - nein , lieber Professor , Sie haben keine Ahnung , was da alles vor sich geht . Und eben nicht offen und wild-natürlich wie im römischen Reich , sondern heuchlerisch bedeckt mit dem verführerischen Schein der Zivilisation und der Schönheit und im Schutze der alleinseligmachenden Kirche . Alle diese glänzenden , hinreißend verführerisch schönen Frauen haben ihren Amante , oft auch nur nach materiellen Vorzügen , erwählt , neben sich , und manche beschränken sich nicht auf den einen . Man hat mir eben gestern wieder Geschichten erzählt , vor denen denn doch unsere deutsche Sitte erschreckt zurückfährt . Unter dem entsetzlich reaktionären Pontifikat Leos XII. , des verstorbenen Papstes , der am liebsten alles in die Nacht des Mittelalters zurückgeführt hätte , was blieb der lebensfrohen Gesellschaft anderes übrig , als sich in eitlen Festen zu vergnügen ? Ausgeschlossen von dem geistigen Weltverkehr , Journale verboten , Rom aufs neue die Stadt der Pilgerscharen zu kirchlichen Festen , weniger von Fremden besucht , hatte in der Gesellschaft das Vergnügen den Herrschersitz eingenommen . Jetzt , gottlob , nach dem Tode dieses della Genga , ein sonderbarer Typus übrigens , mischen sich wieder neue Elemente in dies äußerlich so glänzende , innerlich so verfaulte Bereich aller Schönheit , alles Luxus , aller Verderbtheit , und man darf hoffen , daß edlere Keime auch wieder neue edlere Blüten tragen werden . Was mich aber ungeheuer freut , das ist , daß unsere Herzogin von Santomara , diese Schönste der Schönen , ganz rein und unbefleckt in all der sie umgebenden , zum Teil sehr verdorbenen Gesellschaft dasteht . Ich habe es einstimmig von den verschiedenen Seiten versichern hören . Zwar fügt man hinzu , daß Don Camillo auch so eifersüchtig sei , daß er wie ein wahrer Cerberus den Weg zu ihr bewache und im gegebenen Falle vor keinem Mittel beleidigter Ehemänner zurückschrecken würde , aber man gesteht auch , daß Donna Giulia ihm bis jetzt nicht den geringsten Anlaß zum Verdacht gegeben hat , obgleich sich alle wundern , daß sie den hochmütigen , so viel älteren , anmaßend stolzen Gatten sollte lieben können . Sicher ist aber , daß sie bis jetzt noch keinen Amante hat . « Raden hielt einen Augenblick inne , dann fuhr er zögernd fort : » Doch scheint es fast , als ob von ihrer Seite eine Gefahr der Art drohe , denn , denken Sie nur , gestern abend sagte mir einer der hervorragendsten unter den vornehmen jungen Leuten hier , dem sich wohl alle Schönen huldvoll neigen würden - Ihr Prinz , sagte er , hat schon viele Neider ; wir alle sind eifersüchtig auf ihn , denn er , ein Fremder , ein Ausländer , wird von der Herzogin von Santomara so ausgezeichnet , wie es noch niemandem widerfahren ist . Nun habe ich allerdings auch gestern abend bemerkt , daß sie , mit aller Natürlichkeit der südlichen Naturen , ihr Wohlgefallen an unserem Waldemar unverhohlen zeigt ; ich beobachtete sie , als sie mit ihm in ein längeres Zwiegespräch vertieft war ; nie habe ich ein solches Liebeswerben so wunderbarer Augen gesehen . « Der Professor hatte bei der letzten Wendung der Rede Radens die Brille abgenommen , seinen Horaz auf den Tisch gelegt und starrte nun mit besorgter Miene in Radens Gesicht , ferneren Bericht erwartend . » Nun , bis jetzt scheint mir der Prinz nur überrascht und geblendet und das ist wahrlich kein Wunder ; ein alter Praktikus wie ich verlöre da die Besinnung und nun gar ein solcher idealistischer Neuling . Aber was mich sehr freut und beruhigt , ist , daß Waldemar , als echter deutscher Jüngling , sich fast mehr von der zarten jungfräulichen Improvisatrice angezogen fühlt . Ich sah ihn mehrere Male gestern abend auf sie zugehen und lange und freundlich mit ihr plaudern . Sie ist aber auch ein reizendes Geschöpf , so fein , so bescheiden und so voller Poesie ; ein schönes Gemisch von italienisch und deutsch , wie sie es ja auch ihrer Geburt nach ist , und wenn der Prinz sie öfter sieht