, sondern jene einstige , herrliche , nun aber zur Wüste gewordene Gedankenwelt , in welcher jedes folgende Kameel genau in die Stapfen des vorangehenden zu treten hat , wenn es nicht von dem Führer gezwungen werden will , auf die Vorderbeine zu fallen , um die Peitsche zu bekommen . « Ich wollte hier eine berichtigende oder wenigstens mildernde Bemerkung machen . Er wies sie aber durch eine rasche und energische Bewegung seiner Hand zurück und sprach weiter : » Ich weiß alles , was du sagen willst , alles ! Du hast gemeint , ich wolle als Personifikation meines Lebens vor dir stehen , als Individuum . Nun lasse es mich auch sein ! Ich hatte die Absicht , anders zu sprechen . Ich wollte mit der Stimme der Menschheit reden . Du aber hast mich darauf gebracht , als Einzelwesen mich jener Zunge zu bedienen , mit welcher mich Haß und Neid aus den Straßen des Lebens hierher in diese meine Einsamkeit verwiesen . Ich danke dir , daß du mir dies ermöglicht hast ! Ich werde nicht die Unwahrheit sagen , auch nicht übertreiben , sondern alles bei dem rechten Namen nennen . Aber fordere nicht von mir , zu schweigen oder gar zu beschönigen und mißzuloben , wo man gegen mich nicht einmal Nachsicht hatte . Der Gemarterte hat keine andern Töne als die , welche ihm der Schmerz erpreßt . Und wenn ich jetzt in der Erinnerung von meinen Bergen aus zurück nach jenen Gegenden steige , in denen ich die größten Qualen erduldete , die ein Mensch erleiden kann , so wundere dich nicht , daß ich nicht im Tone eines Mannes erzähle , der seine Feinde vergessen hat ! « » Ich würde es dennoch thun ! « warf ich ein . » Du ? Wirklich ? « » Ja . « » Ich glaube es dir . Christus sprach ja : Liebet eure Feinde ! Aber er war de Gottmensch , und du hast mich auf das Individuum , auf meine spezielle Persönlichkeit zurückgeführt , und so soll sie es sein , welche ich jetzt sprechen lasse . Ich fordere dich auf , dich als die Gesamtheit meiner Feinde zu betrachten . Zu ihr will ich weiter reden , nicht zu dir , dem das Leben nur Sonnenschein und die Menschheit gewiß nur freundschaftliche Anerkennung gegeben hat ! « Da war ich still ! Ich sagte kein Wort , kein einziges ! Aber mein Gesicht schien nicht ganz so verschwiegen zu sein , wie ich es wünschte , denn er fragte : » Was hast du für ein eigenartiges Lächeln , Effendi ? Gilt es mir ? « » Nein . Bitte , sprich weiter ! Du sagtest , daß du viele jener gepachteten Himmel kennen gelernt habest ? « » Ja . Indem ich dir einen von ihnen beschreibe , lernst du mit ihm auch alle anderen kennen . Also höre ! Ich kam auf meinem Pferde Imtichat2 vom Dschebel Din3 herab in ebenliegendes Menschenland . Da kehrte ich ein und erfuhr , daß hier der Weg zum nahen Paradiese sei . Ich ließ mir diesen Weg zeigen und folgte ihm . Die Leute , welche mir begegneten , schienen alle sehr fromm zu sein . Sie hielten die Hände gefaltet und schlugen die Augen ganz anders auf , als man für gewöhnlich thut . Bewohnte Zelte und Häuser gab es gar nicht mehr , dafür aber lauter Gebäude , welche Allah geweiht waren , wenn auch unter anderen Namen . Ich sah Moscheen neben hochfensterigen Bauten , an denen Türme standen , indische Tempel und chinesische Pagoden , malayische Götterhäuser und amerikanische Medizinzelte , hottentottische Götzenhütten und die in die Erde gegrabenen Andachtslöcher der Australen . Viele , viele Menschen strömten vor mir her . Sie alle wollten in den Himmel . Aber fast ebenso viele kamen traurig zurück , weil sie nicht hineingedurft hatten . Ich fragte sie , warum , und erfuhr , daß sie nicht im Besitze von Erlaubnisscheinen gewesen seien . Da ritt ich weiter . Das Gewühl wurde immer größer , bis ich das Thor des Himmels vor mir sah . Da hielt die Menge an , weil sich quer über den Weg das Chabl el Milal4 spannte . Ich war nicht da , um schon jetzt in den Himmel zu kommen und dort zu bleiben , sondern nur , um ihn zu prüfen . Darum ging mich dieses Seil nichts an . Ich spornte mein Pferd , und es sprang darüber weg . Nun befand ich mich auf dem freien Platze vor dem Thore des Paradieses . An der sehr , sehr hohen Mauer standen herrliche Palmen , Bäume und Sträucher , welche prächtig zu blühen schienen . Aber da ich keinen Duft bemerkte , schaute ich schärfer hin , und da sah ich denn , daß es keine wirklichen , sondern nur gemalte waren . Nur ein einziger von allen war ein wirklicher Baum , aber ein höchst sonderbarer . Er war sehr niedrig , doch unendlich breit . Blüten und Früchte trug er nicht , aber tausende von eigentümlichen Blättern , welche die Form menschlicher Köpfe hatten , die lebendig zu sein schienen , denn sie bewegten die Augen immerfort , wobei sie mit den nie schweigenden Lippen plapperten . Ich drehte mich um und fragte einen der Dastehenden , was das für eine seltsame Pflanze sei . « » Das ist der Baum El Dscharanil , « wurde mir geantwortet . » Kennst du ihn nicht ? Er wurde hierher gepflanzt , weil der Baum der Erkenntnis , der einst mitten im Paradiese stand , abgestorben ist . Seitdem muß man die Blätter des El Dscharanil fragen , wenn man wissen will , ob man das Wohlgefallen Allahs besitze oder nicht . Denn nur sie allein sind es , denen er alle Geheimnisse seines Ratschlusses anvertraut , sonst niemandem weiter auf der ganzen Erde . « Kaum hatte ich dies