berufen zu sein ; aber statt der damaligen Zuversicht , statt des Glaubens an uns und unsere Bestimmung , erfüllt uns heute nur bitteres Weh ; wir wissen ja , dass wir all die goldigen Blumensaaten verloren haben , die einen erstarrten in Eis und Schnee , die anderen verbrannten in sengender Glut - nimmer werden sie keimen und blühen . Mit Nichtigkeiten und Eitelkeiten sind die Jahre verstrichen , wir haben sie vergeudet in der Jagd nach dem Unwesentlichen und vertrauert in den Sümpfen der Entmutigung - und darüber ist das Höchste und Beste in uns gestorben , das Kostbarste ist verloren gegangen . Und nun ist es zu spät ! - Wir möchten die Zeit anhalten , zurückeilen , nochmals anfangen und alles so ganz anders und besser beginnen ! Aber nie können die Räder der Zeit sich für uns rückwärts drehen , und der Zug braust unaufhaltsam über die Ebene weiter ; wie ein Ungeheuer breitet sich sein Schatten über die Fläche , wie ein Ungeheuer führt uns das Schicksal eilend weiter . Willenlos müssen wir ihm folgen , die wir nicht stark genug waren , selbst Schicksal zu werden , die wir die Jahre vergeudet und dann vertrauert . Und die ganze Fahrt - wohin ? wozu ? - Selig , wer sich aus der Kette der Verluste , als Opium letzter Stunde , den Glauben an ein Ziel gerettet . 9 New York , Oktober 1899 . Lieber Freund ! Nach viertägiger Fahrt sind wir endlich hier eingetroffen . Müde und verstaubt kamen wir gestern Abend an und fuhren gleich nach dem Waldorf Astoria . Ich wartete in der grossen Halle des Hotels , während mein Bruder sich nach unseren Zimmern bei den Direktoren erkundigte , die wie Kronjuwelen oder Verbrecher hinter Gittern sitzen . Während ich so wartete , bildete sich allmählich ein Gedränge um mich , das ich mir nicht zu erklären wusste , da ich mich weder schön noch abschreckend genug fühlte , um ein derartiges Interesse bei meinen Mitmenschen zu erregen . Das Rätsel löste sich aber bald . Nicht ich , sondern unser chinesischer Diener Ta-kwan-li war der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit . Während er gleichmütig neben mir stand , in jeder Hand eine Reisetasche , auf seinem guten runden Gesicht den Ausdruck vollkommenster Indifferenz , und die kleinen geschlitzten Augen so zugekniffen hielt , als lohne es sich gar nicht , sie zu öffnen , um diese ganz neue Welt zu betrachten , standen Herren und Damen um ihn herum , riefen andere herbei , ihn auch zu begaffen , und tauschten allerhand Bemerkungen über sein Äusseres aus . Der Orientale , dem doch alles so gänzlich neu und befremdend sein musste , war dem westlichen Menschen mal wieder ganz überlegen durch seine angeborene und anerzogene Ruhe . Er zeigte weder Erstaunen noch Neugier und sagte nur : » Wenn sie mich genug betrachtet haben , werden sie wohl aufhören . « Die unmittelbare Folge von Tas Aufsehen erregender Anwesenheit war , dass sich sofort Reporter der verschiedensten Zeitungen bei uns melden liessen . Sie waren voller Neugier , China und besonders die alte Kaiserin betreffend , über die sich nach dem Staatsstreich offenbar wahre Sagenkreise gebildet haben . » Ob wir an den Fortbestand Chinas glaubten ? Ob es zu einer Aufteilung kommen würde ? Ob Li Hung Tschang wirklich in russischem Solde stände ? Welchen Mächten die Kaiserin zuneige ? « Wir suchten uns aus all den verfänglichen Fragen herauszuziehen , indem wir wiederholten , dass wir ja keine Diplomaten , sondern einfache Privatleute seien - aber es war schwer , diese professionellen Frager los zu werden . Schliesslich liessen wir durch Ta jedem neuen Besucher sagen , dass wir von der Reise sehr müde seien und niemand mehr sehen könnten . Da hörten wir denn durch die Tür , wie sie nun mit Ta ein Kreuzverhör anstellten . Besonders wollten sie wissen , wie ihm New York gefalle , was ja immer die erste Frage ist , die Amerikaner stellen . Ta entwickelte wieder die grösste Ruhe und würdevolle Zurückhaltung , indem er antwortete , er sei ja eben erst bei Nacht angelangt und habe noch nichts erblicken können , es schiene ihm aber , dass die Amerikaner noch nicht viel Leute aus fremden Ländern gesehen hätten . Heute Morgen stand ich ganz früh auf , setzte mich ans Fenster und sah die grosse Stadt erwachen . Wir wohnen im achten Stock , die Menschen unten in der Avenue sehen wie Ameisen aus , und dabei sind wir noch nicht auf der halben Höhe des Hotels . Über seinem letzten Stockwerk ist eine Terrasse angelegt , ein sogenannter Dachgarten , wo man in den heissen Sommernächten Musik hören , kalte Getränke einnehmen und ein bisschen kühle Brise einatmen kann . Auf mehreren der höchsten Gebäude der Stadt , den achtzehn , zwanzig und noch mehr Stockwerke hohen Himmelskratzern , sind solche Vergnügungslokale errichtet - hell erleuchtet , scheinen sie nachts wie unbewegliche Ballons im dunkeln Himmel zu hängen . Von unsern Fenstern aus haben wir einen schönen weiten Blick auf die Fünfte Avenue und die Dreiunddreissigste Strasse , bis auf das Wasser des East River , auf dem früh noch nächtlicher Nebel lagert . Das Astorsche Haus , uns unmittelbar gegenüber , das ich vor Jahren so massiv und prächtig fand , ist längst überflügelt durch die neuesten Riesenbauten . Aus dem bläulichen Morgendunst tauchen sie auf wie Werke eines neuen Geschlechts , voll noch ungeahnter Möglichkeiten , wie die Schlösser künftiger Märchen , gigantisch , himmelstürmend und schön in ihrer Art , weil sie so vollkommen zweckentsprechend sind . Das erste , was ich heute tat , war , mich mit der Ausschmückung meines äusseren Menschen zu beschäftigen , denn ach , im Sonnenlicht westlichster Zivilisation besehen , erscheint meine chinesische Garderobe doch nicht ganz up to date . Ich fürchte , ich werde die Werke Tientais , dieses einzigsten Pekinger Schneiders , der für die