hatte ja gesagt ; er hatte sie geküßt und sie hatte seinen Kuß erwidert ... Und so war es denn Sylvia ergangen , wie dem ersten besten » Komtessel « , dessen ganzer geistiger Horizont von den Begriffen : Ball , Courmacher , » Passion « , » glänzende Partie « umgrenzt ist . Und doch wie ganz anders war sie geartet . Ihre Interessen umfaßten eine ganze Welt von Ideen , Kenntnissen und Zeitfragen ; an den Bestrebungen und Plänen ihrer Mutter und ihres Bruders hatte sie stets ernsten Anteil genommen . Obwohl von diesen beiden nicht zur tätigen Mitarbeit herangezogen , war ihr doch Einblick in deren Denken und Fühlen gegeben , und auch sie war ein ernstes , von hohen Idealen erfülltes Menschenkind geworden . Und wenn sie von ihrer Zukunft träumte , so pflegte sie sich an der Seite irgend eines bedeutenden Mannes - Gelehrter oder Staatsmann - zu sehen , der seiner Zeit seinen Stempel aufdrücken würde , und der befähigt wäre , diesen Stempel so zu formen , daß den Zeitgenossen wieder um eine Stufe herauf verholfen würde , auf der Skala der Veredlung und Beglückung . Und jetzt ? Jetzt war sie bereit und entschlossen , ihr Leben mit einem Mann zu teilen , von dessen Charakter sie eigentlich nichts , gar nichts wußte ; von dem ihr keinerlei Bürgschaft geboten war , daß er ihre Träume erfüllen , daß ihm jemals eine hervorragende und einflußübende Rolle zufallen würde , daß er überhaupt ein - Edelmensch sei . Dieses von Tilling geprägte Wort war im Hause geläufig geblieben . Und an ihrem Bruder besaß Sylvia das Urbild aller Eigenschaften , die zu jenem Titel berechtigen ; von Toni Delnitzkys Eigenschaften kannte sie eigentlich nur die , daß er ihr Herz in seliger Unruhe pochen gemacht , daß er rasend verliebt schien , und daß er der eine Mann , der einzige auf Erden war , nach dessen Kuß ihre Lippen sich sehnten . Sie war aber nicht verblendet , sie dichtete ihm nicht alle Tugenden an , wie das naiv Verliebten sonst Brauch ist . Sie gab sich Rechenschaft darüber , daß sie dem Bann einer Leidenschaft verfallen war . Es war aber ein so starker und so süßer Bann , daß sie gar nicht versuchen wollte , dagegen anzukämpfen . Wozu auch ? Es band sie keine andere Pflicht , sie brach niemandem die Treue ; - sie setzte nur eines aufs Spiel : ihr eigenes Glück . Das Glück späterer Jahre . Nun , diesen Einsatz konnte sie wagen ; war ihr das Glück der gegenwärtigen Stunde und der nächsten Zukunft sicher und fühlte sie doch , daß sie höchstes Glück gewährte , daß sie dem geliebten Freier mit ihrem » Ja « eine beseligende Gabe gereicht , während ihr » Nein « ihm schier unerträgliches Leid zugefügt hätte . Sie empfand , daß sie durch diese Verlobung aus der Alltäglichkeit in ein ungeahntes Fest - in eine Lebens-Sonntagsstimmung gehoben war , aus der sie nicht willkürlich sich herausreißen konnte , ehe die Festnummern absolviert waren , die auf dem rosa Programm prangten ... Lange noch stand Sylvia am offenen Fenster und sog die balsamische Nachtluft ein . Jeder Atemzug Freude , jeder Pulsschlag Lebensgenuß . III Martha hatte ihren Sohn bitten lassen , auf ihr Zimmer zu kommen , sie habe mit ihm zu sprechen . Rudolf folgte dem abgesandten Diener auf dem Fuße : » Was steht zu Befehl , Mutter ? « Baronin Tilling saß in einem an ihr Schreibzimmer anstoßenden runden Erker . Der kleine Raum enthielt nur ein Miniatursofa an der linken Wand und einen niedern Schrank an der rechten . In der Mitte , dem Eingang gegenüber , Marthas Fauteuil , davor ein drehbarer Lesetisch , und rechts daneben ein zweites Tischchen . Auf diesem die Tageszeitungen , ein Arbeitskorb , Fächer , Flacon , Blumenvase und ein Photographierahmen mit Tillings verblaßtem Bild . An den Wänden hingen noch mehrere Bilder des verlorenen Gatten in verschiedenen Aufnahmen und Größen . Darunter auch ein gemaltes lebensgroßes Kniestück , von der Hand eines berühmten französischen Künstlers . Dieses Porträt war aber unvollendet . Begonnen im Sommer 1870 , einige Wochen vor Ausbruch des Krieges , konnte es nicht ausgeführt werden , weil sich der Maler zu den Fahnen stellen mußte . Dennoch , so wie es war , zeigte es schon die sprechendste Ähnlichkeit . Der niedere Schrank , kunstvoll aus Ebenholz geschnitzt und mit Elfenbein eingelegt , war mit Andenken an Tilling bedeckt und angefüllt . Da standen zwei Kassetten aus oxidiertem Silber mit den gravierten Jahreszahlen 1864 und 1866 . Es waren die Briefe , welche Tilling von den dänischen und den böhmischen Schlachtfeldern an seine Frau geschrieben , und in einem kleinen goldenen Kästchen lag der erste Brief , den sie überhaupt von ihm bekommen - geschrieben am Sterbelager seiner Mutter . In dem Schranke waren auch die blauen Hefte aufbewahrt , das sogenannte » Protokoll « , worin die Gatten im Verein die Chronik der Friedensidee eingetragen hatten . In diesem Winkelchen hielt sich Martha täglich mehrere Stunden auf ; hier las sie ihre Bücher und Zeitungen , oder zog die Fäden einer Stickerei , dabei an den Verlorenen denkend . Mit den Worten : » Was steht zu Befehl ? « küßte Rudolf seiner Mutter die Hand . Dann setzte er sich auf das kleine Sofa . Wohlgefällig blickte Martha auf ihren Sohn - ein Bild männlicher Jugendfrische und Vornehmheit . Er trug einen lichten , sommerlichen Morgenanzug , der seine sonngebräunte Hautfarbe noch dunkler erscheinen ließ . Tiefschwarz das kurzgeschorene , in drei Zacken in die Stirn gepflanzte Haar ; schwarz der schmale Schnurrbart , der den schöngezeichneten Mund frei läßt , schwarz auch und leicht gekräuselt der spanisch zugestutzte Kinnbart . Nur die dicht bewimperten Augen unter den dunklen Brauen sind blau . Edelgeformt das Profil ; die Gestalt geschmeidig und schlank und beinahe sechs Fuß hoch , aristokratische Hände