gehabt , die Schwester morgens rechtzeitig aus dem Bett zu bekommen . Desto grösser war die Freude , als Lena mit dem Uebermut eines Schulknaben , der wieder ' mal eine mit Hangen und Bangen erwartete Versetzung hinter sich hat , heimkam . Aufnahmeprüfung , Vereidigung , alles war glücklich überstanden , und nun gings mit beiden Füssen zugleich hinein in ein neues Leben . Täglich von 8-12 Uhr Vormittags oder von 2-8 Uhr Nachmittags - zuweilen verschoben sich die Stunden auch - hatte Lena Dienst , der während ihrer Ausbildung in zwei Teile zerfiel : In den praktischen Dienst unter Leitung einer Aufsichtsdame , in dem das Stadt- und Ferngespräch erlernt wurde , und in den Instruktionsunterricht bei einem Aufsichtsbeamten , der die Anfängerin über das Verhalten in und ausser dem Dienst und die Vorsichtsmassregeln bei Gewitter- und Feuersgefahr unterwies . Lena mit ihrem anschlägigen Kopf erlernte das alles spielend . Ihr frisches , munteres Wesen trug das seine dazu bei sie beliebt und angenehm zu machen , und ohne allzu optimistisch zu sein , durfte sie ihre Anstellung um Anfang Dezember erwarten . Dann gabs für eine siebenstündige Arbeitszeit durch zwei Jahre 2 Mark 25 Tagegelder . Davon liess sich schon leben , sobald Lotte das ihre dazu verdiente . Wie ein Kind freute sich Lena auf die Zeit , da sie in ihrer schmucken Uniform , der blauen Leinenjacke mit den rot abgesteppten Nähten und den goldenen Knöpfen , die zu dem glatten schwarzen Rock so nett passte , in Reih und Glied mit den anderen Kolleginnen würde arbeiten dürfen . Es war eine Zusammengehörigkeitsaussicht , die ihr ungemein verlockend erschien . Während Lena so hoffnungsfreudig in die Zukunft sah , geriet Lottchen in eine immer gedrücktere Stimmung . Ihr anfangs so guter Mut wollte sich nicht wieder heben . Die Stunden , in denen Lena im Dienst war , dünkten ihr endlos lang zu sein , und immer trüber wurden die Gedanken , an denen sie in diesen einsamen Stunden spann . Sie war dies Alleinsein von Haus her so gar nicht gewöhnt . Dort war sie besonders während der letzten Jahre stets an der Seite der Mutter gewesen . Wenn es noch viel zu thun gegeben hätte ! Aber die Kundschaft stellte sich nur sehr spärlich ein und war recht wenig nach Lottchens Sinn . Zu Haus hatten die Frau Apothekenbesitzer , die Frau Doktorin , wenn nicht für sich , so doch für ihre zahlreichen Kinder , die Frau Steuereinnehmer , die Frau Kalkulator neue Hüte bei ihr bestellt , oder alte aufarbeiten lassen . Hier musste sie schon dankbar sein , wenn ein paar Mädchen aus den Nachbargeschäften kamen . Meist fanden sich indess nur Dienstmädchen bei ihr ein , die gegen Abend , während sie Einkäufe für ihre Herrschaft machen sollten , vorsprachen . Es handelte sich da beinahe stets um denselben Auftrag : der vorjährige Winterhut sollte bis zum nächsten Ausgehsonntag neu aufgearbeitet werden . Das waren Aufgaben , die in wenigen Stunden ausgeführt waren und im besten Fall etwa eine Mark für den Hut einbrachten . Was hätte Lotte für eine einzige Kundin mit ausgiebigen Aufträgen gegeben ! Für eine Kundin aus besseren Kreisen mit der die Unterhandlung keine moralische Pein war , die sich bei dem feinfühligen Mädchen oft bis zum physischen Unbehagen steigerte . Die Sehnsucht nach der toten Mutter wuchs wieder mächtig in ihr auf . Nur einmal während der vielen totstillen Stunden ihr Grab aufsuchen dürfen , ein paar armselige Blumen darauf niederlegen , über dem kahlen Hügel beten und weinen ! Und nicht allein zu der Toten , auch zu den Lebendigen trieb sie ' s zurück . Sie wollte sichs nicht eingestehen und doch war es so , jetzt schon , nach wenigen Wochen , hatte das Heimweh sie gepackt . Nach dem Vater , nach den wenigen Bekannten , nach den engen , vertrauten Gassen sehnte sie sich zurück . Mehr als je zuvor musste sie auch an Franz Krieger denken . Wenn er am Ende doch recht gehabt und sie und Lena im Unrecht gewesen wären ! Ein herzbeklemmendes Gefühl war es jedenfalls , allein und fremd zu sein unter Millionen von Menschen . Niemals ein bekanntes Gesicht zu sehen , einen freundlichen Gruss zu bieten oder zu empfangen . Die Freude würde sie überwältigt haben , wenn ihr eines Tages nur irgend ein gleichgiltiger Mensch aus der Heimat begegnet wäre . Nur einmal etwas anderes sehen als fremde Gesichter . Wie viel besser hatte es doch Lena ! Von ganzer Seele gönnte sie ihr das glücklichere Los , das sie gezogen hatte , aber dem Vergleich konnte sie sich nicht entziehen . Während die Schwester mit einer Schar von Kolleginnen , die alle die gleichen Interessen verbanden , zusammen arbeiten durfte , angestrengt arbeiten , ohne rechts und links zu sehen , sass sie allein , oft ohne jede genügende Beschäftigung , und ihre Augen suchten und fanden nichts als einen stillen , engbegrenzten Raum . Was ihr in den sonnigen Herbsttagen so gefallen , die abgeschlossene kleinstädtische Ruhe des mauerumfriedeten Hofes , schien ihr jetzt , wo der Herbstzauber dahin war , nur noch ein ödes totes Einerlei . Grau , blätterlos , halbverschneit stand der Nussbaum da . Die Fenster der Nachbarn , die im Oktober einen so freundlichen Einblick in das Innere der Wohnungen gewährt hatten , waren fest verschlossen . Vor den Fenstern blühten keine Blumen mehr , und der breite , in das Mauerwerk hinein lugende Himmel war grau und schwer , wie alles in der engen Nachbarschaft . In den Stunden , zu denen Lena da war , liess sich freilich alles ganz anders an . Trotzdem sie meist totmüde nach Haus kam , wusste sie doch immer von allerhand lustigen und interessanten Dingen zu erzählen . War der Dienst auch noch so streng und geregelt , die Aufsichtsdame noch so unnachsichtig , ein paar Augenblicke , um mit den Nachbarinnen zu plaudern , fanden