- wisset Sie - sie ischt halt schüli drunte gsi , das gueti liebi Fräulein . « Ich raffte mich mühsam zu der Frage auf , ob sie denn je die Absicht ausgesprochen , sich - Wieder kam das vielsagende Achselzucken . » G ' sait hät sie ' s nüd , aber ' s wär nüd zum Verwundere . Sie hat so e Charakter g ' ha , sie hät nüd und Niemert chönne säge . Und manchesmal ischt sie noch fröhlich gsi und hät mi tröschtet , wenn min Mann - Ja , Herr Gott und Vater ! Hingege wo ihre Bücher emol furt gsi sind , do ischt sie ganz schtill worde und bleich und hat kei ' s Wörtli g ' redet . Und so ischt sie furt . - Drü Täg hänt mir g ' suchet , aber nüd g ' funde . Do isch mir ' s in d ' Sinn cho ' , daß sie emol g ' sait hät : Frau Laubi , ich habe zwei Hände ! an dem han i mi dann ' s bitzli beruhiget , wisset Sie ! - - I hät ' s nimme denkt , daß es emol de Weg ging mit ' m Fräulein Halmschlag ! « - - - - - - - - - - - - Grausames , grausames Leben ! Am Tage ging es noch , da trat soviel Gegenwärtiges zwischen mich und die quälenden Bilder , die der Bericht der Frau heraufbeschworen . Aber Nachts glaubte ich immer , wenn ich erwachte , nebenan ein Schluchzen zu vernehmen , und zuweilen fuhr ich auf , - ich hatte einen grellen Hilfeschrei gehört . Das schreckliche Wort » geschraue « verfolgte mich . - - - - Grausames , grausames Leben ! - So geht man blöd und hilflos an einander vorüber . Und nun liegen vor mir ihre Gedanken ! - - Gestern ist das Packet gekommen , aber nicht mit der Post . Ein junger Mensch hat es mir gebracht . Sie lebt also . Sie lebt ! Und hier ! Aber er konnte mir nichts von ihr sagen , er kannte die Absenderin nicht , wußte nicht ihre Adresse . Er solle dies da mir übergeben , in meine Hände , weiter sprach er nichts Vielleicht wollte er nicht . Sein kluges ernstes Gesicht widersprach seiner Behauptung , daß er » nur einen Botengang « gemacht . Es glühte förmlich auf , als ich den Namen Fräulein Halmschlag nannte . Aber er sagte nein , er kenne sie leider nicht . Leider , sagte er . Ich hatte nämlich das Packet vor seinen Augen geöffnet und meiner Freude , meiner überraschten Freude lauten Ausdruck gegeben , als ich sah , von wem es kam . Ich drückte dem jungen Manne fest die Hand , ich war ihm so dankbar ! Und herzhaft erwiederte er den Druck , obgleich er anfangs , seiner beschmutzten Stiefel und seiner Arbeiterkleidung wegen , nicht ins Zimmer gewollt . An der Hausthür schon hatte er kehrt gemacht . Nun saß er hier drinnen ganz unbefangen , als kennten wir uns längst . » Ich kann Ihnen also keine Antwort mitgeben ? « fragte ich . Er verneinte , aber diesmal errötete er tief . Seine Lippen bewegten sich , als ob er etwas sagen müsse . Aber dann , mit einem unwillkürlichen feinen Lächeln stand er auf und ging . Ich begleitete ihn bis an die Treppe ; er flößte so viel Vertrauen ein , daß ich ihm noch einmal sagen mußte , wie sehr das unerhoffte Lebenszeichen mich erfreut hatte . Und gleich mit einem Sprung an meinen Schreibtisch zurück , zurück an das Heft , das er mir gebracht . Oben an der rechten Ecke hatte ich ' s gesehn : Lilie Halmschlag , Zürich , Oktober 1887 . Heute schrieben wir den 20. September 1892 ; im Winter 1889 war Lilie Halmschlag verschollen . Ein altes Heft von ihr also ! Was wollte das alte Heft mir sagen ? Ich wog es ängstlich in der Hand . Dann , als ich es aufschlagen wollte , fiel mir ein Briefchen entgegen , ohne Couvert , ohne Datum , aber an meinen Namen . Ich las : » Sie sind mir neulich begegnet und haben mich nicht erkannt . Es ist sehr natürlich , und doch quält es mich . Nicht wahr , Sie hätten mich gegrüßt , wenn Sie mich erkannt hätten ? Unter allen Umständen ? Obgleich ich untergetaucht bin , untergetaucht in die große namenlose Menge ? Ja , ich bin untergetaucht , aber untergegangen bin ich nicht . Mehr kann ich Ihnen heut nicht sagen . Vielleicht - vielleicht begegnen wir uns noch einmal - vielleicht trage ich eine Fahne - - Wollen Sie mich grüßen , welche Fahne ich auch trage ? Wollen Sie meine Gedanken lesen ? Es sind die Gedanken einer Einsamen : als ich zehn Jahr alt war , verlor ich meine Mutter , aber ich konnte es niemals fassen , daß sie tot sei , und ich schrieb ihr Briefe , sagte ihr alles , was mich quälte und freute . Die Gewohnheit ist mit mir gewachsen . Ich hatte sie , sie , mein geduldiges Ohr , das liebevolle Ohr der Einsamkeit , was brauchte ich die Menschen ! Sie hörte alles an , was ich ihr sagte , und durch die Jahre alle ist sie treulich mit mir gewandert und hat sich gewandelt wie ich selbst . Nun werden Sie verstehn , wer die ist , die ich Mutter nenne . Außerdem hab ' ich noch eine Mama ; sie ist meine Stiefmutter und kam zu uns zwei Jahre - später , ich war damals zwölf . Dann ist Papa da . - - - - Nein , nein , Niemand ist da ! Niemand ! schon lange , lange nicht mehr . Niemand ist da , als die Menschheit ,