wir lieber endlich eine abgeschlossene gelehrte Gesellschaft , die ihre Bücher nur unter ihre Mitglieder verteilt . Wir Gelehrte schreiben doch nur für die andren Gelehrten - laßt uns drum einen Bund schließen , wie ichs schon öfters empfohlen habe . Wir brauchen unsre Bücher garnicht öffentlich herauszugeben . Fürs Volk schreiben wir ja doch nicht . Wir versenden unsre Bücher nur an die einzelnen Mitglieder des zu uns gehörenden Gelehrtenbundes und pfeifen dann auf die Gesetze des dummen Mutadid , der besser täte , wenn er in den Wallgräben Bagdads die Schweine hütete . « Nach dieser unerwarteten Rede springt auch endlich der Schreiber Osman auf , der bis dahin still auf dem persischen Teppich saß und chinesischen Tee trank . Osman erhob sich furchtbar schnell , was so aussah , als wenn ein Gummiball einen Klaps bekommen . » Ihr habt ja kein Geld ! « schreit der Schreiber , » wollt Ihr Eure Bücher verschenken ? « Und es entsteht ein neuer Lärm - der ist noch wüster als der erste . Jakuby bemüht sich vergeblich , das Gespräch auf die bevorstehende Mondfinsternis , die garnicht erscheinen will , zu lenken . Schließlich reden Alle zugleich , sie schreien die Worte mit versengendem Glutblick einander zu . Niemand versteht , was sie so heftig sagen ... - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Safur aber oben auf dem Mittelturm schwärmt dem großen Sterndeuter Abu Maschar von Himmelsgeistern und herrlichen Huris , von den alten Göttern und von den alten Gespenstern begeistert etwas vor - er sagt : » Wenn ich so im tiefen unendlichen Blau die strahlenden Himmelsblüten schaue , dann fühlt sich meine Seele oft so mächtig bewegt , und ich träume mir dann da oben eine Welt zusammen , in der Götter hausen , übermenschliche Wesen , die noch viel feiner empfinden können als die besten Dichter der Erde . Oh , Abu Maschar , muß es nicht dort oben in den freien Weltalllüften viel wundervoller sein als hier bei uns ? « Abu Maschar erwidert mit ganz leiser Stimme : » Kein Ort der Erde ist wirklich schöner als der andre . Wir können überall glücklich sein . Die Zustände sind überall gleich gut und gleich schlecht , wie man gerade sagen will . Und in andren Welten kanns eigentlich auch nicht anders sein . Sieh , Safur , das ist eigentlich das Geheimnis meiner Prophetengabe , daß ich nirgendwo und auch nirgendwann einen besseren Zustand vermute als den , welchen ich grad in den einzelnen Augenblicken meines Lebens empfinde . Die Zukunft ist für uns kein verschlossenes Buch . Zu allen Zeiten war es im Grunde genauso gut und genauso schlecht um die Menschen bestellt als zu unsrer Zeit hier in Bagdad . Daß ich fest daran glaube , die Welt wird weder besser noch schlechter , eine wirklich wesentliche Weiterentwicklung der Menschen gibt es garnicht - dieser Glaube hält mich grade , macht mich sicher , stolz , fest und bewußt - das macht mich zum Propheten ... wie mich die Gelehrten in der Moschee spöttisch nennen . Ja , Safur , ich bin ein Prophet ; wenn ich in die Sterne schaue , so sehe ich die Zukunft - - - unsre Welt ist ebensowenig veränderlich wie der Sternenhimmel . Scheinbar nur bietet sich uns ein ewiger Wechsel dar . Die Zukunft wird ebenso aussehen wie die Gegenwart . Dieses Wort vergiß nicht , Safur ! Was ich sonst noch prophezeie , ist im Grunde leerer bedeutungsloser Scherz . Die Welt bleibt - wie sie ist . Werde so ruhig wie dieser Sternenhimmel und hoffe nicht auf andre oder bessere Zeiten . « Ein duftender Blütenwind weht durch Abu Maschars weißes Beduinengewand . Safur schaut mit trunkenen Blicken zum schwarzen Saturn ... Der Dichter versteht den Propheten . Der Lärm in der Empfangshalle dringt jetzt schwächer zum Mittelturm empor . Ruhig steht der Halbmond - glänzend - ohne jeden Schatten über der alten Sternwarte , die einst der gebildete Chalif Mamun für seine Himmelsfreunde erbauen ließ . Safur und Abu Maschar schauen schweigend in die Sterne , die verblassen , da der Mond zu hell ist . Doch jetzt klopft es leise . Ein schwarzer Sklave steigt langsam die letzten Stufen der Treppe hinauf und sagt ganz behutsam , um nicht zu stören : » Der Herr Battany will aufm Boot im Tigris hin-und herfahren - läßt bitten , mitzukommen . « » Eine Kahnfahrt ? « ruft Safur . » Was gibt die Veranlassung ? « fragt Abu Maschar . » Der Mond scheint dem Herrn Battany zu hell « , erwidert ernst der schwarze Sklave . Die beiden Freunde schauen sich an und - lächeln . Schmunzelnd folgen sie dem Schwarzen , der hurtig die Treppe hinunterstolpert . Unten zügeln die beiden Mongolen ihre schäumenden Rosse . Die Sklaven rennen treppauf und treppab . Alles ist in Bewegung - auf der Sternwarte . Der Halbmond steht ruhig am Himmel - und glänzt . Drittes Kapitel Lange feine Lichtfäden glitzern auf den lustigen kleinen Wellen des Tigris ; das Licht von vielen Booten und das Licht von den helleren Sternen spiegelt sich in der lauen Flut . Battany steht auf der äußersten Spitze des großen Bretterstegs , an dem die Lustbarken Bagdads zu landen pflegen , und starrt hinein in den großen breiten Strom , auf dessen Wellen die langen Lichtfäden glitzern . Der Astronom atmet tief auf . Er ist einen Augenblick allein . Die kleinen Wellen plätschern um den Brettersteg . Ein kühler Wind weht sacht übers Wasser dahin . Der Tigris ist groß und breit . Die Rechte hat Battany fest aufs Herz gepreßt . Sein Hals reckt sich sehnig nach vorn . Seine Stirn ist von tiefen Falten durchfurcht . Und seine Augen brennen . Er murmelt : » Jakuby ist beneidenswert ! Jakuby ist beneidenswert ! «