eine empörendere Antwort geben ? Zuletzt schwieg auch ich , und wir sprachen fast gar nicht mehr miteinander . In dieser Zeit kamen mir zufällig Bücher , die die Frauenfrage behandelten , in die Hände . Ich verschlang sie . Ja , das wars . Die Frau muß den Launen des Mannes gegenüber sichergestellt werden . Es müssen ihm darüber die Augen geöffnet werden , daß sie das Recht hat , von ihm eine Behandlung zu fordern , wie er sie Seinesgleichen zuteil werden läßt . Ich hatte meinen Boden gefunden . Ich schrieb an Eugenie Blatt , an Karoline Weigel , und an viele andere , die an der Spitze dieser herrlichen Bewegung stehen . Auch Ihren Namen , gnädige Frau , verfolgte ich mit Bewunderung . Eines Tages bemerkte ich meinem Mann ruhig , daß ich mich nach neuen Verhältnissen sehne , und daß ich nach Berlin reisen wolle , um dort an dem großen Werke der Frauenbefreiung mitzuthun ! Er schwieg lange ; dann meinte er , ich möge thun , was ich für gut hielte ; nur eins solle ich ihm gestatten : mich die ersten Monate hindurch mit dem notwendigsten Geld zu versehen . Anfänglich war ich geärgert über diese merkwürdige Zumutung - unsere Scheidung ist noch nicht eingeleitet , wird es aber bald - dann erklärte ich mich bereit , für die erste Zeit seine Unterstützung anzunehmen . Und so bin ich hier . « » Hm , hm . « Frau von Werdern sah mit unverhohlenem Interesse in das schöne vom Sprechen gerötete Gesicht der jungen Frau . » Unverstanden ! Das ist eben die Tragik des Weibes ! « » Sie haben das rechte Wort gefunden « rief Hildegard . Dann schwiegen beide . Frau von Werdern blickte auf ihre Uhr und erhob sich . » Entschuldigen Sie mich , ich muß fortgehen . Die feste Aussicht auf eine Stellung kann ich Ihnen nicht geben , liebe Frau Wallner , aber was ich thun kann , werde ich für Sie thun , des seien Sie versichert . Vor der Hand bleiben Sie ruhig in der Wohnung , die Sie haben , verzagen Sie nicht , und lassen Sie ohne Gewissensbisse Ihren Gatten Ihre Rechnungen bezahlen . Man muß die Schwäche ausnützen , da man sie nicht bewundern kann , und Ihr Mann ist schwach , wie mir aus allem hervorzugehen scheint . Haben Sie einen Erwerb gefunden , der Ihnen Geld einbringt , gut , dann können Sie Herrn Wallner ja alles zurückerstatten . Sonnabend Nachmittag empfange ich . Es wird mich freuen , Sie meinen bekannten Damen vorstellen zu können . « Hildegard drückte ihr die Hand . » Vielen Dank , und wenn ich bitten darf , meine Grüße an Frau Blatt . « » Gerne . « Die beiden Frauen nickten einander zu , dann entfernte sich Hildegard . Sie lächelte froh , als sie die Treppen hinabstieg . Die Hoffnung , die sie zu verlassen gedroht hatte , faßte wieder festere Wurzeln in ihr . Peinlich war ' s ja , noch Geld von Einhart annehmen zu sollen , aber wenns nicht anders ging ? Das einzig Tröstliche dabei war die komische Seite , die seine Güte besaß . Er unterstützte sie im Krieg gegen die Männer , also gegen sich selbst . Er gab ihr die Mittel an die Hand , sich von ihm zu befreien . Wie einfältig ist doch ein Mann , dachte sie ; niemals würde sich eine Frau so mißbrauchen lassen . Und sie lächelte vor sich hin , trat in eine Restauration , und bestellte sich ein Mittagessen . Plötzlich mitten in ihrem sonnigen Behagen fiel ihr ihr Zimmer unter den Linden ein . Das schreckliche Zimmer ! Ob alles nur ein Traum war ? O wenn sie doch mehr Geld besessen hätte ! Sofort würde sie ausziehen . 4 Diese Nacht wars besser gegangen . Der dunkle Bettvorhang hatte sich nicht geregt . Einmal hatte sie wohl vermeint , das leise Knarren einer Thüre zu hören , aber das durfte in einem so großen Hause mit vielen Mietern nicht wundern . Am Morgen sah sie lange in den feuchten Schacht hinab , der den Hof vorstellte . Die Fenster aller Korridore des Hauses mündeten hinein . Wenn nur die häßlichen langen Leitern nicht in der einen Ecke gestanden hätten ! Sie zog schauernd den Kopf zurück . Lieber nicht hinsehen . Sie konnte die Vorstellung nicht loswerden , daß in diesem Hause etwas Unheimliches vorging . Als sie das Fenster schloß , erblickte sie drüben ein fahles Gesicht . Gott bewahre mich , dachte sie , diese Magd wird mich noch durch ihre Häßlichkeit verrückt machen . Und schnell zog sie sich an und ging fort . Sie frühstückte und machte dann einen längeren Spaziergang . Jetzt , da sie frischen Mut gefaßt hatte , gefiel ihr die Stadt , gefielen ihr die Menschen besser . Bloß das ewige Angestarrtwerden war ihr widerlich . Im Innern wunderte sie sich über sich selbst . Wie kams eigentlich , daß sie , die stolzeste Befürworterin der Frauenfreiheit , unter den Blicken wildfremder sie fixierender Männer in Verlegenheit geriet ? daß sie wie närrisch zu laufen begann , wenn es ihr schien , als verfolgten sie die Schritte eines Bewunderers ? Stand sie denn nicht über all diesen Äußerungen einer braven Kleinbürgerin ? Sie , die kühne Verächterin des anderen Geschlechts ? Indem sie sich diese Fragen vorlegte , erkannte sie gemach , daß sie nichts weniger als selbstbewußt , mutig , sich selbst genügend war . Im Gegenteil . Sie mußte sich gestehen , daß sie eine größere Philisterin sei als die Frauen , die ruhig an ihrem häuslichen Herde walteten . Die hatten nämlich ein breites unaufgeschrecktes Gewissen , und wenn sich ihnen ein Galanter näherte , konnten sie ihm im Gefühl ihrer unantastbaren Würde ruhig ins Gesicht lachen . Was aber hatte sie der Kühnheit der Männer entgegenzusetzen ? Ihre Persönlichkeit