kaum eine matte Helle quillt , wie eine Ahnung des verschleierten Lichtes . Über die Heide führt ein rauher Steinpfad , von niederem Dorngestrüpp umwachsen . Und auf dem Pfade liegt , halb zur Erde gesunken , mit aufgestütztem Arm und das entkräftete Haupt gegen die Schulter geneigt , die Gestalt einer Genie , todmüde und schmerzverloren , in Lumpen gehüllt , mit zerzausten Schwingen . Kitty hob die Augen . » Herr Forbeck ? « Schüchtern sprach sie seinen Namen aus . » Was soll das vorstellen ? Das Unglück ? « » Nein . « Er zögerte . » Meine Kindheit . « Nun verstand sie , was aus seinem Gesicht beim ersten Anblick zu ihr gesprochen hatte . Ein leises Zucken ging um ihren Mund . Sie mußte der eigenen Kindheit denken . Auch ihrer Kindheit hatte die Liebe gefehlt , die Liebe der Mutter . Vor dreizehn Jahren war ihre Mutter in der Fremde gestorben - auf einer Reise , hatte man ihr gesagt . Sie senkte die Augen auf das Blatt . » Wie traurig das ist ! « Zwei Tränen rannen ihr langsam über die Wangen . Mit unbehilflichem Lächeln wandte Forbeck sich ab und trat unter die offene Tür . Leise schwankten die Zweige der Bäume ; der Fall der Tropfen , der von ihnen niederging , begann schon zu versiegen . Auch das Rauschen des Wetterbaches schien sich bereits zu dämpfen ; aber der Lärm seiner Wellen war noch immer laut genug , um die beiden Stimmen zu übertäuben , die vom jenseitigen Ufer herüberklangen . Franzl hatte die Kleesberg glücklich durch den Wald heruntergebracht . Das war ein hartes Stück Arbeit gewesen , um so härter , da Franzl zur Stütze für seinen jammernden Schützling nur den einen Arm frei hatte ; unter dem andern Arme schleifte er ein schweres Brett , das er von der Wildscheune losgerissen hatte , um über den von Felsblöcken durchsetzten Wildbach einen Steg zu bauen . Während Gundi Kleesberg in Verzweiflung die Hände rang , ließ er das Brett vom Ufer gegen den nächsten Felsblock fallen . Er trat auf den improvisierten Steg hinaus und schaukelte sich , um die Festigkeit des Brettes zu prüfen und Tante Gundis Mut zu erwecken . » So , Fräuln , kommen S ' nur ! « lachte er . » Da schauen S ' her ! « Er schaukelte sich , daß das schwingende Brett die schießenden Wellen fast berührte . » Dös Brettl , dös tragt Ihnen leicht , da dürften S ' noch a paar gute Pfündln mehr haben ! « » Nein , nein , nicht um die Welt ! « kreischte Gundi Kleesberg und streckte wehrend die Arme , als sollte sie mit Gewalt in den sicheren Tod geschleift werden . » Lieber bleib ich die ganze Nacht ! « Während ihr die Tränen der Angst über die Schlotterwangen kollerten , schrillte ihre Stimme : » Kitty ! Kitty ! Du Ungeheuer ! « Zu allem Jammer erwachte in ihr noch ein neuer . » Wo ist sie denn ? Ich sehe sie nicht ! « » Sie wird halt mit dem jungen Herrn Maler im Kapuzinerhäusl sein . « Franzl streckte die Hände . » Also weiter , Fräuln , kommen S ' ! « Er hatte Tante Gundi beruhigen wollen . Aber der Schreck , den ihr seine Worte einjagten , sprach aus ihren weit aufgerissenen Augen . Keuchend rang sie nach Luft . » In der Klause ? Mit einem - « Da ging ihr schon wieder der Atem aus . Aber ihre Angst hatte plötzlich alle Komik verloren . » In der Klause ? Das ist gerade der richtige Platz ! Als hätten wir nicht schon genug an jenem ersten - « Versagte ihr die Stimme , oder verschluckte sie ein Wort , das nicht über ihre Lippen kommen durfte ? » Nein ! Nein ! Und wenn es mein Leben kostet ! Das will ich verhindern ! « Tante Gundi richtete sich auf wie eine Löwin , die ihr Junges verteidigt . Und als wäre die stille , friedliche Klause ein Abgrund der Gefahr , aus dem sie das ihrer Obhut anvertraute Mädchen erlösen mußte , so stürzte sie auf das Ufer zu und klammerte sich an die Hände des Jägers . Kaum hatte sie das Brett betreten , kaum fühlte sie dieses bedenkliche Schaukeln , kaum sah sie unter ihren Füßen das schießende Wasser , da war es wieder vorbei mit ihrem Löwenmut . Aber Franzl hielt fest . Da gab es kein Zurück mehr . Ihre Seele mit einem Stoßgebetlein dem Herrn empfehlend , stieß Tante Gundi einen klagenden Schrei aus und schloß in Schwindel die Augen . Trotz des rauschenden Lärmes , den der tobende Bach erhob , klang dieser Schrei bis zur Klause . Forbeck lauschte . Aber da hörte er hinter sich einen Ausruf fröhlicher Überraschung . » Köstlich ! Jeder Zug ! Dieser Mund ! Dieses Zwinkern im Auge ! Als stünde er vor mir , wirklich und wahrhaftig ! « So sprudelten Kittys Worte . » Herr Forbeck ! Wie kommen Sie zu diesem Bild ? « Was Kittys Jubel erweckt hatte , war das Brustbild eines alten Jägers mit geflickter Joppe und mürbem Filzhut , auf dem eine geknickte Spielhahnfeder saß . » Nicht wahr , ein famoser Kerl , dieser alte Waldbär ! « sagte Forbeck , der Kittys Freude nicht völlig zu begreifen schien . » Ein Typus von Jäger und Bauer ! Echter Volksschlag . Sehen Sie nur diese knochige Stirn an , diesen Falkenblick im Auge , diese Adlernase und den gewalttätigen Mund ! Was da in jeder Linie liegt an Kraft und rücksichtsloser Derbheit ! Und dieser zausige weiße Bart ! Das ist unglaublich charakteristisch . Der Alte muß einen Zorn haben wie der Sturmwind , und dann fährt er wohl mit seinen schwieligen , sonnverbrannten Fingern in diesen Bart und zerrt - « Forbeck verstummte