im Gegenteil an den Trost , der in dem Hinweis auf das Beten lag . Ja - während der ganzen Abwesenheit meines Gatten wollte ich so inbrünstig um des Himmels Schutz flehn , daß dieser alle Kugeln im Fluge von Arno abwenden werde ... Abwenden ? - Wohin ? Auf die Brust eines Andern , für den doch wahrscheinlich auch gebetet wird ? ... Und was war mir im physikalischen Lehrkurs demonstriert worden , von den genau zu berechnenden , unfehlbaren Wirkungen der Stoffe und ihrer Bewegung ? ... Wieder ein Zweifel ? Fort damit . » Ja , Tante , « sagte ich laut , um diese in meinem Geist sich kreuzenden Widersprüche abzubrechen , » ja , wir wollen fleißig beten und Gott wird uns erhören : Arno bleibt unversehrt . « » Siehst Du , siehst Du , Kind , wie in schweren Stunden die Seele doch zu der Religion flüchtet ... Vielleicht schickt Dir der liebe Gott die Prüfung , damit Du Deine sonstige Lauheit ablegst . « Das wollte mir wieder nicht recht einleuchten , daß die ganze , noch aus dem Krimkriege herstammende Verstimmung zwischen Österreich und Sardinien , die ganzen Verhandlungen , die Aufstellung des Ultimatums und die Ablehnung desselben nur von Gott veranstaltet worden wären , um meinen lauen Sinn zu erwärmen . Aber auch diesen Zweifel auszudrücken , wäre unanständig gewesen . Sobald jemand den » lieben Gott « in den Mund genommen , gibt das den daran geknüpften Ausspruch eine gewisse salbungsvolle Immunität . Was die vorgeworfene Lauheit anbelangt , so hatte dieser Vorwurf einige Begründung . Tante Marias Religiosität kam aus tiefstem Herzen , während ich mehr äußerlich fromm war . Mein Vater war in dieser Beziehung völlig indifferent , ebenso mein Gatte ; also hatte ich weder von dem Einen noch dem Andern Anregung zu besonderem Glaubenseifer erhalten . Mich in die kirchlichen Lehren mit Begeisterung zu vertiefen , hatte ich auch niemals vermocht , da ich dieselben überhaupt nur mit Anwendung des » Nichtdarübernachdenken « -Prinzips unangefochten lassen konnte . Ich ging wohl allsonntäglich zur Messe und alljährlich zur Beichte ; auch war ich bei diesen Ceremonien voll Ehrfurcht und Andacht ; aber das Ganze war doch mehr oder minder eine Art standesmäßiger Etiquettenbeobachtung ; ich erfüllte die religiösen Anstandspflichten mit derselben Korrektheit , wie ich auf dem Kammerball die Figuren der Lanciers ausführte und die Hofreverenz machte , wenn die Kaiserin den Saal betrat . Unser Schloßkaplan in Niederösterreich und der Nuntius in Wien konnten mir nichts vorwerfen , aber die von der Tante vorgebrachte Beschuldigung war wohl berechtigt . » Ja , mein Kind , « fuhr sie fort , » im Glück und im Wohlsein vergessen die Leute leicht ihren Heiland - wenn aber Krankheit oder Todesgefahr über uns und , mehr noch , über unsere Lieben , hereinbricht , wenn wir niedergeschlagen und in Kümmernis sind - « In diesem Tone wäre es noch lange fortgegangen , aber da wurde die Thüre aufgerissen und mein Vater stürzte herein ! » Hurrah , jetzt geht ' s los ! « lautete seine Begrüßung » Sie wollen Prügel haben , die Katzelmacher ? So sollen sie Prügel haben - sollen sie haben ! « Das war nun eine aufgeregte Zeit . Der Krieg » ist ausgebrochen « . Man vergißt , daß es zwei Haufen Menschen sind , die miteinander raufen gehen , und faßt das Ereignis so auf , als wäre es ein erhabenes , waltendes Drittes , dessen » Ausbruch « die beiden Haufen zum Raufen zwingt . Die ganze Verantwortung fällt auf diese außerhalb des Einzelwillens liegende Macht , welche ihrerseits nur die Erfüllung der bestimmten Völkerschicksale herbeigeführt . Das ist so die dunkle und ehrfürchtige Auffassung , welche die meisten Menschen vom Kriege haben und welche auch die meine war . Von einer Revolte meines Gefühls gegen das Kriegführen überhaupt , war keine Rede ; nur darunter litt ich , daß mein geliebter Mann hinauszuziehen hätte in die Gefahr , und ich in Einsamkeit und Bangen zurückzubleiben . Ich kramte alle meine alten Eindrücke aus der Zeit der Geschichtsstudien hervor , um mich an dem Bewußtsein zu stärken und zu begeistern , daß die höchste Menschenpflicht es war , die meinen Teuren abberief , und daß ihm hierdurch die Möglichkeit geboten würde , sich mit Ruhm und Ehren zu bedecken . Jetzt lebte ich ja mitten drin in einer Geschichtsepoche : das war auch ein eigentümlich erhebender Gedanke . Weil von Herodot und Tacitus an bis zu den modernen Historikern herab die Kriege stets als die wichtigsten und folgenschwersten Ereignisse dargestellt worden , so meinte ich , daß auch gegenwärtig ein solches - künftigen Geschichtsschreibern als Abschnittsüberschrift dienendes Weltereignis im Gange war . Diese gehobene , wichtigkeitsüberströmende Stimmung war übrigens die allgemeine herrschende . Man sprach von nichts Anderem in den Salons und auf den Gassen ; las von nichts Anderem in den Zeitungen , betete für nichts Anderes in den Kirchen : wo man hinkam , überall dieselben aufgeregten Gesichter und die gleichen lebhaften Besprechungen der Kriegseventualitäten . Alles Übrige , was sonst das Interesse der Leute wach hält : Theater , Geschäfte , Kunst - , das wurde jetzt als ganz nebensächlich betrachtet . Es war einem zu Mute , als hätte man gar kein Recht , an etwas Anderes zu denken , während dieser große Weltschicksalsauftritt sich abspielte . Und die verschiedenen Armeebefehle mit den bekannten siegesbewußten und ruhmverheißenden Phrasen ; und die unter klingendem Spiel und wehenden Standarten abmarschierenden Truppen ; und die in loyalstem und patriotisch glühendstem Tone gehaltenen Leitartikel und öffentlichen Reden ; dieser ewige Appell an Tugend , Ehre , Pflicht , Mut , Aufopferung ; diese sich gegenseitig gemachten Versicherungen , daß man die bekannt unüberwindlichste , tapferste , zu hoher Machtausdehnung bestimmte , beste und edelste Nation sei : alles dies verbreitet eine heroische Atmosphäre , welche die ganze Bevölkerung mit Stolz erfüllt und in jedem Einzelnen die Meinung hervorruft , er