zu ihm herangekommen . Der nun Einsame besaß einmal tausend Beziehungen . So viel verrauscht , so viel vergilbt , vergessen , verschleppt und verloren ! Freut sie sich nicht doch darüber , wenn ihr manchmal unter ihres Vaters Anleitung und Führung ein Gedanke tiefer Eigenthum wird , eine Erkenntniß ihr in schärferen Linien aufgeht ? So sonderbar ist ihr dann und wann . Etwas in klarer Grenzbestimmung erfassen , macht ihr zeitweilig doch eine Art Spaß , so etwas wie Vergnügen . Sie weiß : darüber vergißt man sich am Besten und Leichtesten . Aber sie weiß auch : Stimmungen sind Blasen , die aufsteigen , sich eine Sekunde lang irisfarben brüsten und zerplatzen . Unhemmbar rollt der Grundstrom weiter . Zu der und der Grundcombination haben sich die Moleküle ihres Wesens zusammengeschlossen . Sie bleibt , diese Combination ; sie bestimmt ihr Leben . Von ihr wird sie in Gedanken , Wort und That geleitet . Eine » Bekehrung « , eine entscheidende Beeinflussung ist nicht mehr möglich . Das Schicksal vollzieht sich . Hedwig weiß , daß ihr einmal eine überschäumende Leidenschaft aus der Brust gebrochen . Vor Jahren . Sind neue Ausbrüche möglich ? Aber Nichts stört ja ihre Kreise . Sie war einmal ein sehr sinnliches Weib . Wie nüchtern sie bleibt , wenn sie jetzt an ihre » Schmach « denkt , wenn sie sich ihres Kindes erinnert ! Wie kalt sie bleibt , wenn es ihr einfällt , daß dieses Kind ihr entrissen worden ist ! Sie hat es nicht geliebt . Nein ! Sie hat es nicht geliebt . Sie haßt auch den Vater des Kindes nicht . Es ist ihr wirklich Alles gleichgültig , sehr gleichgültig . Die Stürme ihrer Seele sind vorüber und ihr Blut ist todt . Hedwig ist bei dem Verzehren ihrer Sardellenleberwurst und bei dem Hinunternippen ihres Glases Dresdener Tafelbiers sehr schweigsam gewesen . Sie hat ihrem Vater die Bissen zurechtgeschnitten und selbst sehr mechanisch die Speisen zu sich genommen . Nun streicht sie sich mit der Serviette über den kleinen , feinlippigen Mund und schellt . Emma tritt ein und deckt ab . Herrn Doctor Irmer ist es nicht aufgefallen , daß seine Tochter während des Essens so verschlossen gewesen . Ihm ist es sehr gleichgültig , was für Selbstbetrachtungen sie anstellt . Er ist , ohne daß er es eigentlich weiß , so verbissen in seine Art , geistig abgelöst , hinweggesondert , zu existiren , daß er kaum mehr im Stande , die leichteste Spur eines subjektiven Zwiespalts zu vermuthen . Wenn es ihm gerade einfällt , bestätigt er sich , daß er durch seine Philosophie seiner Tochter das innere Gleichgewicht , das sie einmal verloren hatte , wiedergegeben . Und er fügt wohl unwillkürlich noch als Ergebniß hinzu , daß Hedwig schon in ihrer Jugend durch ein gewaltiges Wetter gehen mußte , um früh zu Erkenntnissen kommen zu können , die er sich erst in späteren Jahren zueignen durfte . So läßt sich denn aus All ' und Jedem etwas Zweckmäßiges und individuell Verwendbares herausdenken . In den nächsten Stunden liest Hedwig ihrem Vater einige Kapitel aus Hartmanns » Phaenomenologie des sittlichen Bewußtseins « vor . - IV. Gestern um die Mittagsstunde , als Adam eben zum Speisen gehen wollte , war er mitten auf dem Marktplatze Herrn Traugott Quöck in die Arme gelaufen . Sapristi ! hatte sich dieser Mensch doch gefreut ! Adam hätte es gar nicht für möglich gehalten . Er war beinahe ganz entsetzt gewesen über diese Freudensprünge und Hühnerhundscapriolen . Hatte er dem Manne denn jemals Gelegenheit gegeben , ihn für einen approbirten » Freund « von sich , wenigstens für einen » Freund seines Hauses , « zu halten - ? Ih bewahre ! Keine Spur ! Es giebt Leute , die aus ehrbarer menschlicher Lebenslangeweile immer guter Dinge , immer in der besten , weltfreundlichsten Laune sind . Traugott Quöck gehörte nicht ganz zu diesen Stoikern des Optimismus , aber doch sehr theilweise . Er war halb und halb mit der Couponscheere auf die Welt gekommen . Das giebt gewiß ein ganz nettes und bequemes Rundreisebillet durch ' s » menschliche Leben « ab . Traugott Quöck sen. war in einer sächsischen Provinzialstadt Tuchmacher gewesen , hatte es aber in den letzten Jahren seines gesegneten Erdenwallens fertig gekriegt , sich zum » Fabrikanten « umzuzüchten und in die Höhe zu schwingen . Man muß mit seiner Zeit » fortschreiten . « Also hat man eines Tages die Pflicht , » Fabrikant « zu werden . Das ist einfach . Traugott Quöck sen. besaß einen Sohn , an den er » viel drangewandt « hatte , das heißt : Viel Geld , viel Mühe , Geduld , Lebensspesen , Nachsicht - und schließlich war es ihm auch nicht darauf angekommen , ein kleines Bündel unerfüllt gebliebener Hoffnungen an seinen eingeborenen Filius noch extra » dranzuwenden « . - Nach dem Tode seines Vaters hatte es Traugott Quöck jun. für nützlich befunden , sich schon in jüngeren Läuften seines angenehm gesicherten Lebens zum jovialen Menschen heranszufexen . Er hatte die » Fabrik « seines Vaters , deren Mitinhaber er ein paar Jahre hindurch formell gewesen , nach dem Tode ihres Begründers schleunigst verkauft , war in die nächste größere Stadt versiedelt - und » verwaltete « nun sein Vermögen , » spekulirte « ein Wenig zum Zeitvertreib , war Mitglied einer bierbräulichen Aktiengesellschaft - er saß sogar in ihrem » Verwaltungsrathe « ! - und genoß im Uebrigen sein Leben harmlos , einfach , bescheiden , gemüthlich , höchstens mit einem nur ganz kleinen , nur ganz spröden Stich in ' s Raffinirte , befriedigte zeitweilig , wie es gerade kam , auch seine » geistigen Bedürfnisse « , ging ' mal in ' s Theater , ' mal in ' s Concert , unterstützte mit Vorliebe einen Verein , der es sich angelegen sein ließ , für Vermehrung der öffentlichen Aborte und Retiraden Sorge zu tragen ,