ein . Joachim war kein Federheld ; seine Briefe erzählten in einem ungeschminkten , etwas bummeligen Ton allerlei kleine Erlebnisse aus seinem gesellig bewegten Landleben , von denen er immer die Befürchtung aussprach , daß sie Adrienne langweilen möchten . In der That hatte sie auch keinerlei Teilnahme für seine Berichte als die des Neides , der die reicheren Lebenserscheinungen in einem andern Dasein gegen die Armut derselben im eigenen hält . Für diejenigen , welche der Welt absterben , ist Neid der letzte Faden des Zusammenhaltens , der erste , um wieder anzuknüpfen . Fanny Förster schrieb nur immer kurz : » Wann kommst Du ? - Was macht Dein Kind ? - Schreibt Dein Mann , und was ? « Auf diese immer verschieden , aber immer knapp eingekleideten Fragen antwortete Adrienne zuerst : » Vielleicht - im Sommer - oder zum nächsten Winter , « und endlich - es waren inzwischen acht Wochen seit Arnolds Abreise vergangen - » ich komme nicht , ich tauge nicht unter Menschen . « Darauf schrieb Fanny Förster nicht mehr . Aber das bemerkte Adrienne nur am ersten Sonntag . In ihre Verlassenheitsekstase war eine neue Wendung getreten . Ein Brief von Arnold , der erste , lange Brief , war die unmittelbare Veranlassung dazu geworden . Der Kapitän beschrieb die Reise des Schiffes , welches zur Zeit , da er den Brief verfaßte , in Alexandrien vor der Rhede lag . Er erzählte so klar , gefällig und doch gründlich , als sei der Bericht für eine Zeitung bestimmt . Als er von sich und seiner Reise alles Bemerkenswerte mitgeteilt , ging er zu Adrienne und ihrer Einsamkeit über . Er war zu nüchtern und einsichtsvoll , um die Tage seines Weibes durch das Mutterglück ausgefüllt zu denken ; alles , was in dieser Richtung jetzt in Adrienne unter schweren Grübeleien vorging , war für ihn , den Mann , eine einfache und selbstverständliche Thatsache . Er berührte diesen Punkt , ohne zu ahnen , daß er ihr schon zu denken gegeben ; er berührte ihn , um sie auf ihre Pflicht zu verweisen , sich schon jetzt für die Zukunft vorzubereiten . » Man muß seinen Kindern so viel geben , als man im Vermögen hat . Wir können unserem Sohn sehr viel mehr geben , als tausend andere , an Gütern Reichere im stande sind . Wir besitzen eine Bildung des Geistes , die uns gestattet , auch unserem lernenden und erkennenden Sohn noch überlegen zu bleiben . Die fortschreitende Zeit wird freilich auch uns nicht den traurigen Augenblick ersparen , wo wir unser Kind reifer , gebildeter und vielleicht anspruchsvoller sehen , als wir es selbst sind ; aber diesen Augenblick weit , weit hinaus zu schieben und ihn dann von der pietätvollen Erinnerung unseres Sohnes , daß er uns auch geistig alle Fundamente danke , übergoldet zu sehen , das sei unser Bestreben . Werde Du seine erste Lehrerin ; ich rüste mich , sein Mentor zu werden , wenn er Deinem Anschauungskreise entwächst . Zu dem Zweck bitte ich Dich , alle Disziplinen , welche Du in Deinem Lehrerinnenberuf üben mußtest , fortzubilden , Dir das Neue anzueignen , wo es gut ist , Dich auch insbesondere mit den modernen Sprachen zu beschäftigen . Dieses wird zugleich Deine einsamen Tage nützlich und sittlich ausfüllen und Dir innere Zufriedenheit geben . « Adrienne lächelte herbe . Anstatt von Sehnsucht nach Weib und Kind zu sprechen , sandte er ihr vom Bord des Schiffes aus noch Ermahnungen . Das war so seine Art. Aber der stumpfe Gehorsam war Adrienne zur Gewohnheit geworden . Und in der Wollust , aus dem Beschäftigungsrat ihres Gatten eine Quälerei für sich zu gestalten , suchte sie sich zur Uebung dasjenige aus , was ihr in der Schule und als Lehrerin die größten Mühen und Aergernisse gemacht , nämlich das Französische . Sie hatte kein Sprachtalent , und obwohl sie mit einem sich oft bis zur Verzweiflung steigernden Fleiß vollkommen die grammatische Seite der Sprache beherrschen gelernt hatte und fließend las , war ihr das Sprechen und Lehren doch immer eine unendliche Schwierigkeit gewesen . Sie beschloß , sich einige französische Bücher laut zu lesen und zu übersetzen . In Arnolds Bibliothek fanden sich keine vor . Sie schickte die Magd mit einem Zettel zur nächsten Buchhandlung . Als die Magd mit dem Baby auf dem Arm im Laden den Zettel abgab , in welchem Frau Kapitän von Herebrecht einige neue französische Bücher forderte , sagte sich der Commis , daß eine junge Offiziersdame mit dem » neu « ohne Zweifel » pikant « gemeint habe , und packte einige Bücher von Belot , Gyp und Guy de Maupasant ein , nicht ohne auf der begleitenden Nota den Vermerk zu setzen , daß die neue wohlfeile Ausgabe von Zola , oeuvres complètes , durch sie zu beziehen sei . So kam Adrienne zu Büchern , zu einer Lektüre , von deren Dasein sie bisher keine Ahnung gehabt . So schlugen zum erstenmal die Laute aus einer verruchten , zerfallenden Kultur an ihre streng verschlossen gewesenen Ohren . Kein Warner war zugegen , der ihr das erste Staunen , das erste Erröten hätte deuten und ihr sagen können : » Das ist die durch Neugier gemilderte Entrüstung - erkenne dies Gefühl und laß von diesen Büchern ab . « Die peinliche , schamhafte Neugier wandelte sich schnell in ein Gefühl brennender , fast schmerzlicher Spannung . Die Begier , immer weiter sich die Schleier heben zu sehen von Seiten des Lebens , bis zu denen sich nicht einmal ihre Phantasie verirrt gehabt hatte , ergriff ihre ganze Seele . Sie las und las . Bis zum Morgen brannte das Licht vor ihrem Bette . Das Geschrei des Kindes , die Fragen der Magd wurden zu Störungen . Die Dezenz des Lasters erscheint den Lasterhaften als der Ersatz für wohlanständige Formen , für die verlorene Sittlichkeit - die Phantasien eines Unschuldigen und bisher auch