, Ende der Isarstraße . 2. Die Vorstellung im Gärtnerplatztheater war zu Ende . Jung-München lärmte heraus . Der Schwarm der Besucher hatte sich bis auf wenige Nachzügler im urbajuwarischen Gaslichthalbdunkel der von der Rotunde strahlenförmig auslaufenden , schön langweilig nach der Schnur gebauten Straßen mit allmählich verhallendem Geräusch von Menschenstimmen , Massenschritten und Wagengerassel verloren . Die Kandelaber an der Freitreppe des Theaters wurden gelöscht und die Thüren geschlossen . Die Feuerwehrmänner mit ihren blitzenden Helmen marschierten in militärischem Tempo und kräftigem Absatzaufschlag davon . Ehrsame Nachtstille lagerte wieder über dem dämmerigen Platz und träumte in den schwarzen Wipfeln der Kastanienbäume , welche die statuengeschmückte Rotunde umsäumen . Aus dem Seitenausgang des Theaters gegen die Klenzestraße war eine elegant in Kapuze und Mantel gehüllte Dame in eine wartende Droschke gestiegen . Der wohlabgerichtete Kutscher fuhr langsam die Theaterseite hin und zurück , bis endlich behenden Schrittes eine Männergestalt den Platz durchquerte , direkt auf den Wagen zueilte und den Schlag öffnete . » Aber Max , wie konntest Du mich wieder so lange warten lassen ! « erklang zärtlich vorwurfsvoll eine tiefe Frauenstimme aus dem dunklen Wagengehäuse . » Rasch herein ! « » Den alten Weg , « rief der Herr zum Kutscher hinauf und schwang sich zu der vor Ungeduld und verliebtem Begehr fiebernden Dame in die Droschke . Kaum war die Thür geschlossen , so fielen auch schon die Gardinen und das Liebesgespann - nahm den alten Weg . Hü , hot ! » Natürlich war er ' s wieder , Max v. Drillinger , der Heißbegehrte , « höhnte eine meckernde Baßstimme aus einer Gruppe , die beobachtend im Dunkel der Hausecke den Vorgang verfolgt hatte . » Kein Zweifel . « » Die Abfahrt stimmt . Der Rest läßt sich denken . « » Wie gewöhnlich hat die kluge Dame ihren eigenen Wagen heimgeschickt mit der Erklärung , sie ziehe bei dem schönen Wetter den Spaziergang vor , die Nachtluft werde ihr wohl thun und so weiter . « » Wird ihr auch wohl thun . « » Sehr wohl . Der Drillinger versteht sein Metier als patentirter Frauentröster . « » Wie der brave Gatte in der Quaistraße - sprich auf münchenerisch : G ' weih-Straße ! - sein Metier als König Menelaus versteht . « » - Laus der Gute , - Laus der Gute - « spottete der Dritte , den Offenbachschen Refrain aus der » Schönen Helena « summend . » O , der hat als richtiges Ehe-Trampelthier eine Elephantenhaut . Alle Pfeile des Spottes auf dem letzten Faschingsball im Hoftheater sind wirkungslos abgeprallt . « » Und es sollte kein Mittel geben , ihm die Augen zu öffnen ? « » Er gehört zu jenen Blinden , die nicht sehen wollen . Und die sind inkurabel . « » Bah , man müßte ihn nur bei den Ohren nehmen und einmal der Katze die rechten Schellen anhängen . « » In der Presse ? « » In dem berüchtigten , Vaterland der schönen Seelen , Organ für sittliche Unterhaltung und Belehrung der Wachtstuben- und Kasernenwanzen ? « » Das ist abgeschmiert . Die kluge Donna ist eine zahlungsfähige Klientin der Revolverpresse unserer königlichen Haupt- und Residenzstadt . « » Ein Versuch wäre doch zu machen . Aber welcher reinliche Mensch mag sich mit solchen Schmieranten und Preßbanditen einlassen ? « » Ich ! Reinlichkeit in Ehren , aber gibt es nicht Zangen , mit denen sich auch das Schmutzigste anfassen läßt ? Gibt es nicht Mittelspersonen ? Das sind zwar auch Hallunken , aber wenn ' s einmal nicht anders geht ! Dem Drillinger muß endlich ein ordentlicher Prügel zwischen die Beine geworfen werden . « » Einverstanden . Das wird wenigstens eine Abwechslung sein für seine verehrten Beine . Also überlegen wir das Geschäft ! « » Preis ist Nebensache ! « spottete der Dritte . Die Gruppe entfernte sich durch den dunklen Portikus , überschritt die Reichenbachstraße und trat in das Café Paul , dem Stelldichein der Theaterbummler und Nachtschwärmer des Gärtnerplatz-Viertels . Auf dem Asphalt unter den Kastanienbäumen promenierten mehrere Studenten , schweigend ihre Zigaretten rauchend und die Pferdebahn erwartend . » Ich muß sagen , nach der Nacht in Venedig mit der entzückenden Straußschen Musik verspreche ich mir wenig von dieser Nacht in München , die Ihr mir zum Besten geben wollt « , nahm eine schlanke Gestalt mit ein paar Schelmenaugen im träumerischen Siegfriedskopfe die Rede auf . » Eine Gondel auf den Lagunen und eine Droschke auf dem Münchener Pflaster - wer weiß mir lächerlichere Gegensätze ? « » Und eine Droschke , die nie zu haben ist , wenn man sie braucht , und zu deren Ersatz man auf eine Trambahn wartet , die nie ankommt . « » Ihr Norddeutschen könnt eben unser herrliches München nur in kritischer Sauce genießen . Das ist zwar fade für unsern Gaumen , aber wir haben uns daran gewöhnt . « » Nun hören Sie einmal , Kuglmeier , die Rheinländer sind nicht so norddeutsch , wie Sie glauben und meine Wiege hat bekanntlich in der großen Pfaffengasse am Rhein gestanden , « protestierte der träumerische Siegfriedskopf und schob seinen Arm unter den seines Münchener Kameraden . » Wir Rheinländer wissen zu leben und leben zu lassen . Wir sind die gemütlichsten Kerls . « » Na , und wir Münchener erst ! « Das brachte der kleine Kuglmeier so drollig heraus , daß alle lachten . » Na , und diese Luft , direkt aus Italien , von einer Weichheit ... « » Als ob sie Deine Schwester Flora in Neapel extra für uns präpariert hätte . « » Also heute nicht raisonnieren ! « hob wieder der Rheinländer an . » Nehmen wir Kuglmeiers Münchener Nacht , wie sie ihm Gott beschieden hat ; trinken wir noch Eins , scherzen mit hübschen Mädchen womöglich - plaudern , faseln , kannegießern , aber warten wir nicht länger auf diese marode Pferdebahn ! « »