in stündlicher Erwartung des Gatten sich schon lange kärglich beholfen und gespart , wie ein Schimpf getroffen , und die harte Not war plötzlich gleich einem einsilbigen Gerichtsboten eingekehrt . So unversehens war der schweigende Gast da , daß sie den Kindern am heutigen Tage nichts als etwas leere Milch zu verteilen imstande gewesen , am frühen Morgen ; sie selbst hatte noch nichts genossen . Und heute gewärtigte sie dazu die beinah einzige Familie , welche bei schönem Wetter zuweilen noch gegen Abend kam , um den Kaffee im Freien zu trinken . Andere Gäste hatte sie seit Wochen nicht gesehen und sie besaß deshalb auch kein bares Geld mehr . Anstatt dieser Tatsache lange nachzusinnen , brauchte sie ihre Gedanken , mit den Kindern durch den Tag zu kommen , weil die andere Tatsache , die Ankunft des Mannes , auch bevorstehen mußte . Sie lief daher nicht , von ihrem beweglichen Besitztume zu verkaufen oder verpfänden , sondern ging zum bekannten Kleinbäcker in die Stadt , von welchem sie sonst die Semmeln und dergleichen Gebäck bezogen hatte , und dem sie nichts schuldete . Ohne viel Worte zu verlieren , erhielt sie den gewünschten Vorrat von Brötchen und Hörnchen , ebenso beim Krämer ein Tütchen gerösteten Kaffee und den dazu erforderlichen Zucker , bei einem andern ein Stück guten Schinken und ein halbes Pfund frische Butter , und überall war sie wohlangesehen , weil sie eine stille , zurückgezogene Frau war , die sonst nie borgte . Nur der Bäcker in der Nähe hatte nicht mehr getraut , weil er am Wege wohnte und sah , daß fast niemand mehr hinaufging , und klüglich das Ende bedachte . Trotz des willigen Entgegenkommens der Leute in der Stadt nahm sie aber nicht ein Lot mehr von den Sachen , als das augenblickliche Bedürfnis erheischte , obgleich es in einem hingegangen wäre , wenn sie sich auf einige Tage versehen hätte . In diesem unscheinbaren Zuge mochten drei Dinge sich vereinigen : ihre redliche Bescheidenheit , die Gewohnheit des Vertrauens auf die nächste Sonne und wahrscheinlich nicht am wenigsten ein feiner , wenn auch unbewußter Sinn , den nächsten Zweck zu schonen . So kam denn Frau Marie Salander , einfach und sauber gekleidet , ohne Blumen auf dem Hut und eher schmal als breit , den Korb am Arme , endlich den Weg über den Zeisig herangegangen . » Gelt , du hast lang warten müssen , Arnold ! « rief sie dem Knaben entgegen , der sehnlich aus dem Scheunenwinkel hervorsprang , wo er schließlich sich auf ein Mäuerchen gesetzt hatte . » Ich habe die Eßwaren erhalten , wenn ich sie auch nicht bezahlen konnte . Nun wollen wir schnell heimgehen , damit wir bereit sind , wenn wirklich Leute kommen ! Gott sei Dank muß ich heut noch nicht sagen , es sei nichts mehr im Hause ! « » Aber wenn sie alles aufessen , « sagte der Knabe , » müssen wir dann weiter hungern ? « » Ei , sie essen ja nie alles , sie nehmen höchstens die Hälfte zu sich , und mit dem übrigen müssen wir uns bis morgen begnügen , wo ich ja dann etwas Geld habe ! Kommen sie aber nicht , so trinken wir lustig den Kaffee und essen , soviel wir mögen , und morgen ist auch ein Tag ! « Bald erreichten sie die höhergelegene Kreuzhalde , wo sich die Aussicht auf die Stadt und die weite Landschaft öffnete , in der sie lag oder liegt . Sogleich kamen die beiden Schwestern Arnolds herbei , Setti und Netti , der Mutter den Korb abzunehmen ; sie waren zehn und neun Jahre alt , von derselben feinen Blässe wie der Bruder , nämlich der Blässe gesunder Kinder , welche von einem unwilligen Kummer befallen sind , der ihnen unerklärlich ist . Doch glänzten die Augen der Mädchen ungeduldiger und gieriger als die des Knaben , der gelassener Art zu sein schien . Frau Salander ging den Kindern voran ins Haus , und sie folgten höchst neugierig . Ohne Verzug entledigte sie sich des Hutes und legte eine reine weiße Schürze um , worauf sie den Korb auspackte , das Brotgebäck auf einem größeren Teller aufbaute , die Butter auf einen kleineren legte , den Schinken schnitt und eine Schüssel damit bekleidete , daß sie sich als reichlich gefüllt darstellte . Dies alles , ohne daß sie einen einzigen Bissen nach dem Munde zu führen sich vergaß , um den armen Kindern , welche die Ellenbogen rings auf den Tisch gestützt zuschauten , nicht ein böses Beispiel zu geben . » Frisch , Kinder ! « sagte sie mit einem leidlich muntern Lächeln , » nehmt euch zusammen , habt Geduld ! Alles nimmt ein gutes Ende , wenn der Vater kommt ! Jetzt müssen wir noch ein Weilchen zusehen , wie andere essen ; wir wollen doch für den Spaß probieren , ob wir trotzdem etwas tun können ! Habt ihr die Ferienaufgaben wirklich fertig , nichts mehr zu rechnen , zu schreiben oder auswendig zu lernen ? Nehmt einmal eure Bücher vor ! Ich glaube fast , die Sprüche und Liederverse bleiben euch gerade wegen dieses merkwürdigen Hungertages besser im Gedächtnis als sonst . « Die Mädchen wollen vom Lernen nichts hören ; Setti nannte das Hohlgefühl ihres Leibes altklug einen Magenkrampf ; Netti fürchtete Kopfweh zu bekommen , und beide wollten lieber häkeln , wenn sie durften , da jedes für den Vater einen Geldbeutel angefangen hatte . Nur Arnold faßte ein tapferes Vertrauen zu der Schwindelei der guten Mutter und erklärte , die Gelegenheit zu benutzen und sein schweres Lied für die nächste Kirchenlehrstunde in Angriff zu nehmen ; es enthalte vier Verse von je zehn Zeilen , von denen jede sich so lang strecke , daß sie keinen Platz habe und das Ende umgebogen sei , wie die Schlinge für die Krammetsvögel . Die Mutter billigte alles und eilte in die